NieSi 30.11.-0001, 00:00 Uhr 4 18

Das zehnte Jahr

Die Zeit heilt alle Wunden... Und Narben bleiben trotzdem.

Da stehe ich nun und schaue mir die Raketen über dem Wasser an, wie sie in vielen verschiedenen Farben den Himmel bunt erleuchten. Es kommt mir so bekannt vor, dieser Blick Richtung Himmel, doch ist es immer wieder etwas Besonderes, wenn er einem Farbenmeer gleicht.

Ob Du die bunten Raketen auch sehen kannst, frage ich mich. Wie sie wohl aus Deiner Perspektive aussehen? Ich werde es nie erfahren. Wie so viele Dinge, die ich über Dich nicht mehr erfahren werde. Was würdest Du zu mir sagen- zu der Frau, die ich geworden bin? Würdest du den Weg, den ich eingeschlagen habe unterstützen oder hättest Du mich schon viel früher in eine andere Richtung gelenkt? All das werde ich nie wissen, ich werde mein Leben weiter leben und mir immer wieder die selben Fragen stellen, auf die ich keine Antwort bekomme. Ich sage mir, dass Du stolz auf mich wärst, auf deine Kleine, die nun erwachsen geworden ist. Dass Du es toll fändest, wie ich mein Leben lebe, meinen Weg gehe und dass ich immer noch ich selbst bin. Ich stelle mir vor, dass Du mir wie früher über den Kopf streicheln, einen Kuss auf die Stirn geben würdest- ganz ohne Worte und doch würde ich Deine Liebe spüren, diese bedingungslose Liebe, die man seinem Kind entgegen bringt.

So stehe ich da, schaue in den Himmel und mir wird bewusst, dass das zehnte Jahr anbricht. Das zehnte Jahr ohne Dich. Das zehnte Jahr, in dem ich mich nach Deiner Liebe sehne, deiner Bedingungslosigkeit, der Geborgenheit, die Du ausstrahlst und nach der Zuflucht, die Du mir mein ganzes Leben gegeben hast. Mein ganzes Leben? Mir wird klar, dass bald die Zeit gekommen ist, in der ich mein Leben länger ohne Dich als mit Dir gelebt habe- immer mehr bedeutsame Momente werde ich ohne Dich erleben. Angst steigt in mir hoch. Angst davor, dass die Erinnerungen an Dich und unsere gemeinsame Zeit verblassen. Angst davor, Dich zu vergessen. Angst davor, zu akzeptieren, dass Du nur noch in den Erinnerungen Teil meines Lebens bist. Angst davor, dass die Angst nie weg geht, die Trauer, die Enttäuschung und die Wut. Und noch mehr Angst davor, all diese Gefühle immer wieder aufs Neue zuzulassen. Sie mich einholen zu lassen. Mich zurückversetzt zu fühlen in die Zeiten, in denen alles so sinnlos schien ohne Dich. Überrollt zu werden von den Emotionen, ohne Vorwarnung. Ein Lied, ein Text, ein Mensch, der Dich berührt- und schon ist die Wunde wieder aufgerissen und sie klafft dort, mitten in meinem Herzen.

Die Zeit heilt alle Wunden... Narben bleiben trotzdem. Und je öfter die Wunde wieder aufgerissen wird, desto größer bleibt die Narbe. Die Leere, die Du hinterlassen hast, wird sich niemals sauber schließen. Aber will ich das? Denn schließlich ist diese Narbe auf meiner Seele das Einzige, was mir von Dir geblieben ist. Sie zeigt mir jeden Tag aufs Neue, dass es Dich gegeben hat. Dass Du ein Teil meines Lebens warst und es auf eine besondere Weise immer bleiben wirst.

Und so stehe ich da, unter dem in bunte Farben getränkten Himmel, sehe Dein lächelndes Gesicht friedlich hinter all dem Trubel und beginne wieder an der Narbe zu kratzen, zu scheuern und sie schmerzhaft aufzureißen- denn das ist der einzige Weg, Dich bei mir zu behalten.


Tags: Verlust, Trauer
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4 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Du hast mich berührt, danke für diesen Text!

    12.04.2015, 14:13 von Pompidou
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  • 1

    Schön geschrieben :)

    06.01.2015, 17:27 von -Maybellene-
    • 1

      Danke, es freut mich, dass Dir der Text gefällt...

      09.01.2015, 12:15 von NieSi
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  • 1

    Wundervoll traurig. Geht ans Herz!

    04.01.2015, 21:01 von Schnee.Flocke
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