0816 22.07.2011, 14:23 Uhr 16 9

Das mit den Genen

So wie in manchen Familien Chorea Huntington oder Hämophilie vererbt wird, geben wir das Gen zum Unglücklichsein weiter.

Eigentlich hatte ich eine normale Kindheit. Mama, Papa, ich. Eigenes Zimmer, großer Garten mit schönen Kirschbäumen, Mamas Einzige, Papas Liebling. Mit 10 wurde ich Scheidungskind, aber wer ist das heutzutage nicht? Mit 15 kam dann noch ein Halbgeschwisterchen dazu. In der Schule war ich gut, ziemlich sogar. Geld habe ich, nicht viel, aber ich muss nicht arbeiten, um mir mein Studentenleben zu finanzieren.

Ich wurde erzogen, eine Meinung zu haben und sie immer zu äußern. Ich sollte die demokratischen und kapitalistischen Grundsätze dieses Landes nutzen. Dafür hatten schließlich meine Eltern jahrelang gekämpft. Hatten den Osten verlassen, um sich und vor allem mir eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Manchmal habe ich mich für meine ausländischen Eltern und ihre Traditionen geschämt. Wenn meine Mutter anfing über ihre Jugend zu erzählen oder mein Vater mit seiner Kumpel-Tour anfing, wenn meine Freundinnen zu Besuch da waren. Aber im Nachhinein weiß ich, dass in der Pubertät alle Eltern peinlich sind.

Dennoch waren meine Eltern immer meine größten Vorbilder. Wie sie es geschafft hatten den roten Krallen des Kommunismus zu entfliehen und sich hier eine neue Existenz aufgebaut haben. Vorzeigemigranten würde man wahrscheinlich sagen. Das lebende Gegenargument zu Sarrazin. Und ich erst.

Aber als älter ich geworden bin, vor allem in den letzten zwei, drei Jahren, habe ich Risse in der Fassade entdeckt. Erst kleine, feine Risse. Da und dort einer. Und dann bin ich einen Schritt zurückgegangen und noch einen. Wahrscheinlich war ich jahrelang einfach zu nah dran, um wirklich zu sehen, wie die Fassade unsere Familie aussieht. Alles zerbröckelt, löst sich auf. Ich weiß nicht genau, woran es liegt, dass ich es erst jetzt bemerke. Vielleicht liegt es daran, dass meinen Eltern immer mehr die Kraft fehlt alles zusammenzuhalten oder daran, dass ich erwachsen geworden und zur Erkenntnis erlangt bin, dass meine Eltern auch nur Menschen sind. Und zwar was für welche.

Wenn sie beide von früher erzählt haben, habe ich innerlich geweint, gezittert und konnte nicht glauben, was sie beschrieben.
Wie mein Vater von seiner Mutter jeden Tag mit dem Gürtel geschlagen wurde, bis die Haut aufplatzte. Wie er schon in der ersten Klasse auf seinen kleinen Bruder aufpassen musste, weil meine Großeltern nicht zuhause waren. Wie er nachts vor Angst mit einem Messer unter dem Kopfkissen schlief, wie mein besoffener Großvater eine Zigarette auf den Lippen seines sechsjährigen Ichs ausdrückte und ihm einhämmerte ein „niemand“ zu sein. Wie er mit dem Gefühl aufwuchs heimatlos zu sein, rastlos, niemandem zugehörig, ein streunender Straßenköter.
Wie meine Mutter von einer Frau erzogen wurde, die ihre Liebe ungleich auf ihre Kinder verteilte und immer eine Gelegenheit fand, um dies zu zeigen. Wie meine Mutter erst jetzt lernt, dass auch ihre Meinung wichtig ist, dass sie zählt. Wie mein Großvater meine Mutter jahrelang misshandelte. Jahrelang. Sie und eine Tante. Wie meine Großmutter davon wusste und trotzdem wegschaute. Wie meine Mutter sich in einer Parallelwelt zurückzog, in der sie sich zuflüsterte, dass nicht sie es sei, der gerade all das passieren würde und sich mit einem Schild aus Naivität schützte, den sie auch heute noch hat.

Sie erzählten mir davon, um mir zu zeigen, wie gut ich es gehabt habe, was mir erspart geblieben ist. Ich wurde nie geschlagen, mir wurde immer gesagt, dass ich geliebt werde und ich wurde in allem unterstützt. Und trotzdem. Diese Traurigkeit, diese traumatischen Erlebnisse, die sich unter ihre Haut gefressen hat, werden sie nicht los. Niemals. Und ich auch nicht.

Ich glaube, dass es in unserer Familie liegt. So wie in manchen Familien Chorea Huntington oder Hämophilie vererbt wird, geben wir das Gen zum Unglücklichsein weiter.

Auch wenn ich nicht misshandelt wurde, habe ich immer die Rastlosigkeit meines Vaters gespürt. Mit vier Jahren verbot er mir ihn „Papa“ zu nehnnen. Ich kann mich an keinen Sonntagsausflug mit ihm erinnern, er hatte immer andere Dinge zu tun. Er war nie auf einem Elternsprechtag, hat jahrelang die Namen meiner besten Freundinnen vergessen. Nach der Scheidung habe ich ihn selten gesehen, er wollte ein Kumpel sein. Wahrscheinlich suchte ich unterbewusst die Nähe älterer Männer und hatte schließlich eine Beziehung mit einem viel älteren Mann. Auch wenn er mich ausnutzte und ich noch jahrelang danach daran zu knabbern hatte – aber besser als keiner, oder?

Für meine Mutter war ich die beste Freundin. Was ein wenig nach Gilmore-Girls klingt, es aber nicht im Geringsten ist. Sie klammerte sich an mich, erzählte mir Dinge, die eine 10-Jährige nicht hören sollte. Ich war der Vater, den sie nie hatte, die liebende Mutter, die sie nicht hatte, die beste Freundin, die sie vermisste. Nur ihre Tochter durfte ich nicht sein.

Ihre Naivität ließ sie die Augen vor Situationen verschließen, in denen ich blutige Hilfeschreie von mir gab. Aber sie konnte anscheinend die Rasierklingen nicht sehen, die sie einmal neben meinem Bett fand. Erst später verstand ich, warum.
Auch nach 20 Jahren in diesem Land und „erfolgreicher“ Integration fühlt sie sich nicht wohl, nicht sicher in diesem Land. Zurück kann sie aber auch nicht. Auch mit diesem Gefühl, keine Wurzeln zu haben, bin ich groß geworden. Zu meinen Großeltern habe ich kaum eine Beziehung aufbauen können, da ich nie ganz vergessen konnte, zu was sie einst fähig gewesen waren. Diese Monster haben nicht nur auf den Seelen ihrer eigenen Kinder herumgetrampelt, sondern auf meiner.

Im Nachhinein glaube ich keine normale Kindheit gehabt zu haben. Aber andererseits, wer hat das schon?
Meine Eltern tragen immer noch die schmerzhaften Erinnerungen ihrer zerschundenen Kinderseelen und enttäuschten Träume in sich und haben sie nie wirklich überwinden können. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sie jeden Tag kämpfen normal zu sein, aufzustehen und zur Arbeit zu gehen. Mein Vater sagt, dass jeder sein Päckchen zu tragen habe. Nur glaube ich, dass ich seit meiner Kindheit ihr Päckchen trage und ihre Traumata meine geworden sind.

Es fällt mir immer schwerer mich davon zu lösen und ich glaube, dass mich ihre und auch meine eigene Vergangenheit immer stärker einholt und ich langsam in diesem Sumpf versinke. Auch mir fällt es an manchen Tagen immer schwerer aufzustehen und so zu tun als ob alles in Ordnung wäre. Denn kaum gibt es Phasen, in denen ich mich besser fühle, erkenne ich manchmal eine Geste, höre ein Wort, nehme einen Geruch meiner Kindheit wahr und etwas verkrampft sich in mir.

Wie ich damit umgehen soll, weiß ich nicht, denn heilbar sind die meisten Erbkrankheiten nicht, auch nicht die meiner Familie.

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    Da kann ich mich sehr gut mit identifizieren. Mit etwas Abstand scheint plötzlich alles in einem anderen Licht.

    28.07.2011, 11:53 von CedaCo
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    Kennst du Alice Miller? Z.B. 'Das Drama des begabten Kindes'... ich glaube, das könntest du sehr interessant finden.

    27.07.2011, 20:35 von TangledRapunzel
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    Der Wechsel der Generationen ist der Puls des menschlichen Daseins.

    25.07.2011, 13:17 von mandelbrot
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      @[Benutzer gelöscht] Vielleicht hast du nicht ganz Unrecht. Das was du beschreibst klingt nach einer Krankheit die in der Tat erblich ist.
      Depressionen heißt das Zauberwort.
      Die gute Nachricht ist, sie ist behandelbar. Sogar ohne Behandlung kann man damit gut leben, wenn man erstmal akzeptiert hat, dass man krank ist und gelernt hat damit umzugehen.

      26.07.2011, 17:31 von Sakaoo
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    Eine gute Beschreibung. Und dennoch verstehe ich nicht ganz, wo das Problem heute liegt. Stimmungsschwankungen, Ansätze von Depression, weil da etwas in der Vergangenheit schief ging ? Na ja, dass die Fassade, die die Eltern aufbauen, mit zunehmenden Alter bröckelt, ist nichts Neues, und wenn ein Elternteil seine Wünsche / Hoffnungen / Erwartungen und auch seinen Frust auf den Nachwuchs projiziert, ist das nicht schön. Damit lässt sich in der Gegenwart nur schwer bis gar nicht umgehen, und das gar nicht umgehen kann man auch wirklich so handhaben, dass es in Kontaktabbruch endet (wenn ein gewisses Verhalten sich nicht geändert hat, auch nicht über Jahre hinweg, man gibt dann irgendwann auf). Wenn allerdings beide Elternteile so handeln .. .hm, na ja, da reicht meine Phantasie nicht aus.
    Nichts gegen Vergangenheitsbewältigung, doch trotz allem ist die Gegenwart das, was zählt, es gilt aus dem Hier und Heute etwas akzeptables, gutes zu machen, ungeachtet der Vergangenheit. Klingt blöd, ist manchmal schwer, aber Vergangenheit lässt sich nicht ändern, die Gegenwart und die Zukunft schon.

    25.07.2011, 10:34 von Cyro
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    Hat mich sehr berührt... Und ich vielen kleinen Schritten kann man es schaffen über die "Erbkrankheit" hinauszuwachsen. Yes, you can! ;-)

    24.07.2011, 23:59 von xelala
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    Ein gut geschriebener Text, inhaltlich aber ein wenig zu larmoyant, wie ich finde. Egal, wie schlimm die Kindheit war, irgendwann muss man aufhören, Vater und Mutter für das Unglücklichsein verantwortlich zu machen und sein Leben selbst in die Hand nehmen. Würde mich selbst auch eher als melancholischen Charakter beschreiben und hatte auch keine tolle Kindheit, aber ich bin mit meinem Leben trotzdem irgendwie zufrieden. Vielleicht deshalb weil ich Selbstmitleid auf die Dauer abtörnend und auch schädlich finde.

    23.07.2011, 15:52 von PatrickMangan
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      @PatrickMangan "Vielleicht deshalb weil ich Selbstmitleid auf die Dauer abtörnend und auch schädlich finde."

      Ich denke nicht, dass es Selbstmitleid ist, sondern eher zu viel Empathie mit dem schweren Leben, das die Eltern hatten. Es fehlt an Abgrenzung, damit man diese Schmerzen nicht mitträgt. Und die Erkenntnis, dass sich durch das Mitgefühl, die Vergangenheit ja auch nicht ändern lässt. Also: Cool werden, um nicht kaputt zu gehen.

      23.07.2011, 18:11 von Jackie_Grey
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    "...habe ich Risse in der Fassade entdeckt. Erst kleine, feine Risse. Da und dort einer. Und dann bin ich einen Schritt zurückgegangen und noch einen. Wahrscheinlich war ich jahrelang einfach zu nah dran, um wirklich zu sehen, wie die Fassade unserer Familie aussieht. Alles zerbröckelt, löst sich auf."

    Das klingt beklemmend wie ein Albtraum.
    Hervorragend beschrieben. Ich trage die Traurigkeit meiner Familie auch in mir.

    23.07.2011, 12:10 von Jackie_Grey
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    Kann Schauby nur zustimmen: wir sollten endlich aufhören, uns für unsere Eltern verantwortlich zu fühlen! Natürlich prägt uns das, aber wir sind nicht sie, sondern eien Mischung aus ihrere Erziehung und unserer Erfahrung.

    Es macht einen einfach kaputt. Und dafür sind wir nicht hier. Wir sind nicht auf der Welt, um zjrückzuschauen und zu resignieren, sondern aufzuschauen und etwas zu bewegen!

    Der Text ist gut geschrieben, sehr gefühlvoll, keine Fehler, der Vergleich mti den Erbekrankheiten ist gut!

    23.07.2011, 11:37 von LaVieCurrieux
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    Fatalistisch die Hände in den Schoss zu legen, sich einem vermeintlichen Schicksal auszuliefern, weil wir glauben es bereits zu kennen, ist leicht. gottverflucht leicht. Aber was kennen wir? die Vergangenheit, nicht die Zukunft. Das muss man sich immer VERGEGENWÄRTTIGEN.
    Es ist bequem erlernten Mustern und Verhaltensschablonen einfach ihren Lauf zu lassen. Aus dem verdammten Bauch heraus zu handeln. Der Instinkt ist schnell und kraftvoll, aber selten up to date.

    Es ist einfacher an etwas Misslingendes zu glauben und es in selbsterfüllender Prophezeiung „zu bestätigen“, als Mut zu entwickeln, das Risiko zu wagen, Neuland zu betreten, ungegangene Wege zu suchen, für die keiner Fährpläne ausstellt, außer der feste Wille dem sogenannten Schicksal zu trotzen. Weil wir Menschen sind, keine Automaten. Natürlich ist die Welt wie sie ist, weil das Leben permanent überfordert, weil aus Menschen Reflexmaschinen werden, gefangen in Gewohnheiten, Bequemlichkeit und Angst. Manche glauben in großer Verzweiflung, sie müssten ihr oder andere Leben beenden, um den Kreis zu durchbrechen. Auch die Kirche mit ihrer tragischen Wahnidee einer Erbsünde ist Wasser auf solche resignativen Gedankenmühlen und steckt noch tief in unserer Kultur.

    Falsch! Eine ungesunde erstickende Sicht auf das Leben muss sterben, damit ein neues atmen kann. Keiner sagt es ist einfach. So einfach wie fatal ist das Alte. Die Eingeweide, alte Programme, die auf alte Befehle warten und nicht aufhören alten Müll auszuspucken, bis sie ein Update bekommen. Weil wir Menschen ein wunderbares Werkzeug, ein Großhirn haben und es verdammt nochmal nutzen müssen, gegen die Bequemlichkeit des atavistischen Erbes. Niemand ist dafür verantwortlich woher er kommt, aber jeder wohin er geht.

    23.07.2011, 00:44 von schauby
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      @[Benutzer gelöscht] Ralität?

      Sowas gibt's?

      24.07.2011, 16:38 von sailor
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