derHalbstarke 21.02.2008, 16:32 Uhr 36 30

Das Känguru im Hinterhof

...und der Duft von heißem Vanillepudding mit Pflaumen.

Gedankenversunken streichle ich über das alte Holz der Kommode, die früher in deiner Wohnstube stand und heute neben einem Bild das einzige ist, was ich noch von dir habe. Das verschnörkelte Weichholzmöbel weckt noch immer Erinnerungen an damals, als wir Kinder und die Sommer endlos waren. Lange ist es her. Doch wenn ich die Augen schließe, sitze ich wieder auf deinem Schoß und lausche gebannt den Geschichten, die du so farbig und lebendig erzählen konntest.

Ich hing stets wie gebannt an deinen Lippen und sog jedes Wort wissbegierig auf.

Wir lachten vergnügt über deine unbeschwerten Kindheitserinnerungen oder heulten engumschlungen, wenn du leise von deinen Erlebnissen als junge Frau in den bitteren Jahren des 2. Weltkrieges erzähltest. „Ein sinnloser, brutaler Krieg, der den Müttern ohne zu fragen ihre Söhne wegriss“, hast du immer gesagt. Auch deine Söhne hat er verschlungen. Mit Schaudern hast du dich manchmal an 1940 erinnert, als ein Nachbar dich bei den Nazis denunzierte, weil du angeblich Juden versteckt hattest und Hitlers Schergen dich deswegen an die Wand stellen wollten. Bist dann doch mit dem Leben davon gekommen, weil sie nichts finden konnten. Zu deinem Glück war die jüdische Familie aus einer Vorahnung heraus längst an einem anderen, sicheren Ort untergebracht.

Du hast die Zeiten des Krieges und den Verlust deiner Kinder nie ganz überwinden können. Und doch, dein Lebensmut und deine warme, mütterliche Herzlichkeit waren dir geblieben. Bist eine tapfere, starke Frau, meine Heldin gewesen und ich habe zu dir aufgeschaut, dich bewundert. Jedes Mal, wenn Du uns für ein paar Wochen besuchen kamst, war das für mich wie Weihnachten. Du hast mir die Welt durch deine Erzählungen gezeigt, meine Fantasie für Geschichten geweckt. Ich weiß noch, als ich glaubte bei uns im Hinterhof ein Känguru gesehen zu haben und mich deshalb alle auslachten. Du nahmst mich liebevoll lächelnd in die Arme und wolltest genau wissen, wie es aussah und ob es etwas gesagt hatte.

Du hast mich verstanden. Mich und meine Fantasie.

„Lass die anderen ruhig lachen, sie sind nur neidisch. Auf dich und deine Gabe, Dinge sehen zu können, die ihnen verborgen bleiben. Das habe ich dir vererbt. Schau, mich halten auch alle für verrückt. Sollen sie doch.“ Dabei hast du schallend gelacht und ich war wieder glücklich. Nein, du bist nicht „meschugge“ gewesen, wie man es nannte. Dein Feinsinn und die Sehnsucht nach Frieden ließen dich manchmal in eine andere Welt abtauchen. Dort konntest du deine Träume ausleben. Dort hatten die harten Seiten der Realität, die quälenden Erinnerungen keinen Platz. Ich war mächtig stolz darauf, dass du mir diese Welt so nahe gebracht hast und bin es bis heute. Besonders dann, wenn ich in sie eintauchen und alles um mich herum vergessen kann.

Im Winter saßen wir manchmal alle in der Wohnküche und spielten „Mensch ärgere dich nicht“. Mit listiger Begeisterung haben wir uns gegenseitig die Männekes rausgeschmissen und gluckerten vergnügt, wenn du uns dann mit gespieltem Ärger schelmisch fopptest. Unsere diebische Freude an solchen Abenden war unüberhörbar, so lauthals haben wir gelacht. Draußen war es klirrend kalt und der dichte Schnee hatte den Hof in ein weißes Wunderland verwandelt. In der Stube war es muckelig warm, das Brennholz im Herd knisterte und wir konnten die kleinen Flammen durch die Klappe beobachten. Auf der heißen, gusseisernen Platte stand ein großer Kessel, immer mit warmem Wasser gefüllt. Für die Wäsche oder zum Befüllen der kleinen Zinkwanne, die dann inmitten der Küche stand, wenn wir Kinder samstags gebadet wurden.

Wenn du bei uns warst, gab es die leckersten Dinge zu essen.

Traditionelle Hausmannkost, gesund und sättigend.
Wir hatten nicht viel, aber immer genug, um alle hungrigen Mäuler zu stopfen. Es schmeckte köstlich, was du mit den einfachsten Mitteln auf den Teller zaubern konntest. Und wenn ich heute Grünkohl mit Mettwürstchen und Kassler zubereite, ist es, als würdest du mitkochen. Seltsam und irritierend, wie Begebenheiten und Erinnerungen aus alten Zeiten so stark mit dem alltäglichen Leben verknüpft sind.

Wenn ich mich an dich erinnere, steigt mir der Duft von heißem Vanillepudding mit Pflaumen in die Nase und ich bin wieder der kleine Junge auf deinem Schoß. Dann höre ich dein Lachen, schaue in dein sanftes Gesicht. Ein Gesicht voller Leben und Güte. Und den unübersehbaren Spuren des langen, grausamen Krieges, die sich nicht mehr auslöschen ließen.

Ein Krieg lässt sich nicht einfach fortwischen.
Nicht aus den Gedanken. Nicht aus einem Gesicht. Der Krieg hat dich am Ende dann doch eingeholt und dich ganz leise und beinahe unbemerkt auf die Reise des eigenen Vergessens geschickt. Ich konnte nicht verstehen, es nicht begreifen und hatte große Angst um dich, als du anfingst dich zu verändern. Sprachst von deinen Kindern als wären sie noch am leben. Ranntest nachts plötzlich auf den Hof, schreiend vor Angst und Verzweiflung, weil du glaubtest, die Russen kommen. Es wurde immer schlimmer mit dir. Nichts war mehr übrig von dem Menschen, den ich kannte und liebte. Verwirrt und ängstlich schlotternd hast du Stunde um Stunde in deinem Sessel gesessen und sinnlose Worte gebrabbelt, bis du eines Tages verschwunden warst. Einfach so.

Niemand erklärte uns, wo du geblieben bist.
Heute weiß ich, dass man nicht darüber sprechen wollte. Wir hätten auch nicht verstanden, dass du geistig umnachtet noch Jahre in einer Nervenheilanstalt dahinvegetiert bist, bevor der erlösende Tod kam. Ich hätte es nicht verstanden. So wütend wie ich auf dich war, weil du mich alleine gelassen hattest. Wie sollte ich denn nun in deine Welt der Fantasie kommen? Niemals mehr würde ich deinen wunderbaren Geschichten lauschen können. Nie wieder dabei auf deinem Schoß sitzen. Es hat lange gedauert, bis ich begriff, dass es so am besten für dich war und du nichts dafür konntest. Dass du nicht einfach weggegangen bist und mich alleine gelassen hast. Mit meinen Erinnerungen an dich. Ich kann dich nicht mehr sehen, nicht mehr hören. Aber ich spüre dich. Manchmal, in Momenten wie diesem.

Dann, wenn ich die alte Kommode berühre und an dich denke. Dann ist es, als würdest du mir wieder meinen Kopf streicheln und mir eine deiner verrückten Anekdoten ins Ohr flüstern.

Wie damals, als ich noch ein Kind war und es fast nichts Schöneres als heißen Vanillepudding mit Pflaumen gab.

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    Schreib immer weiter, hör nie auf. Sonst gibt es solch wunderbare Dinge wie Diese Geschichte hier nicht mehr.

    08.03.2008, 01:43 von kleinepiratin
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    Wirklich sehr schön geschrieben. Ich finde es toll, wenn ein junger Mann mit so viel Gefühl über seine Großmutter schreibt und es alle anderen lesen dürfen.

    06.03.2008, 12:50 von McDreamy
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    liebe omis sind ne tolle erfindung.
    schöner text. wirklich.

    29.02.2008, 22:30 von AchNe
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    sehr schön :)
    meine lieblingsgeschichte von meiner oma ist die von tante rosa, die sich im krieg hinter einem pferd vor den feinden versteckt hat und nicht gefunden wurde.

    fantasie und tolle geschichtenerzähler braucht das land. ;)

    27.02.2008, 16:34 von lotic.kruemel
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    Es ist schön Texte zu lesen aus denen in jeder Zeile und auch Zwischen den Zeilen Liebe und Respekt fließen.

    Ich denke es erfüllt einen sogar selbst mit Zufriedenheit und einem wohligen Gefühl wenn man so über seine Charaktere schreibt wie du das tust!

    Schreiben lässt uns unsere allerliebste Wirklichkeit basteln, dass ist was ich an Schreiben und Lesen so unglaublich schätze!

    27.02.2008, 12:23 von Vroniee
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    oh mann, ich hoffe, dass jeder einmal einen solchen menschen kennengelernt hat.
    sowas ist ein geschenk!

    (:

    24.02.2008, 12:39 von Entwirrung
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    Bin bis zu Tränen gerührt und kann dich sehr gut verstehen!

    22.02.2008, 19:54 von Julia88
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