tiadora 19.04.2008, 16:40 Uhr 1 0

"Das is hier son Vater-Tochter-Ding"

Mein Papi und ich und wie wir endlich zu einander gefunden haben.

Ich würde mich gerne bei den Fratellis bedanken. Sie sind mit Schuld daran, dass ich und mein Vater endlich ein gutes Verhältnis haben. Aber ich will von vorne anfangen:

Noch vor einem Jahr (oder vielleicht eineinhalb Jahren) hab ich regelmäßig geweint wegen diesem Mann. Es ist nicht so, als sei er irgendwie böse. Er ist nicht so ein Vater, der dich schlägt oder dich anbrüllt. Er hat auch nicht mit meiner Mutter gestritten. So war das nicht.
Ich habe geweint, weil ich mir so unsichtbar vorkam. Unsichtbar vor allem neben meinem kleinen Bruder. Der spielt nämlich Fußball und sammelt Münzen und sieht aus wie ein kleiner portugiesischer Junge und ist sowieso der ganze Stolz meines Vaters. Der einzige Stolz.
Das dachte ich damals zumindest.
Ich dachte, mein Vater mag nur meinen Bruder. Weil er der Junge ist und weil mein Vater eben nichts mit mir anfangen kann. Er kam nie zu einem meiner Tanzauftritte, quälte sich aber jeden verf***** Sonntag morgens auf dem Bett, um meinen kleinen Bruder bei Spielen anzufeuern.
Ich hab so oft geweint deswegen. Und wenn ich mich meiner großen Schwester (sie ist viel älter, aus der ersten Ehe meines Vaters) im Geheimen meinen Kummer anvertraut hat, hat sie mich versucht zu trösten mit den Worten:

"Papi wollte immer nur Töchter haben. Wirklich. Weil er wusste, dass die selbständiger sind. Jungs haben doch immer Komplexe und so."

Toll. Selbst wenn ich diese Worte damals ernst genommen hätte, viel geholfen hätten sie auch nicht. Alles was ich wollte, war, dass mein Vater mich lobt. Mir einmal zeigt, was ich ihm bedeute.
Immer wieder sicherten mir die verschiedensten Leute zu, er würde das die ganze Zeit tun.
In meiner Abwesenheit.

Mein Vater hat übrigens auch aus einem weiteren Grund immer Frustrationen bei mir ausgelöst:
Er ist ein Musikexperte. Hört so ziemlich alles. Aber eben nur "gute" Musik. Rock.Weltmusik.Anspruchsvollen Pop. usw.
Ich habe schon immer versucht, ihn über diese Schiene zu beeindrucken. Hab Bands gehört von denen ich dachte, er würde sie gut finden. Aber wenn er sagte "ganz gut ganz gut" war mir immer klar, dass er die Musik zwar als gut produziert anerkannte aber niemals selber hören würde.
Ich habe es schließlich aufgegeben, ihm meine Musik vorzuspielen, er fand sie eh nur mittelmäßig oder kannte sie schon längst.

Naja, so war das vor einem Jahr noch. Ich habe mich dann beruhigt (damit abgefunden?) und wir hatten ein sehr abgekühltes Verhältnis.


Ende letzten Sommers dann hab ich The Fratellis für mich entdeckt. Eine Glasgower Band. Ich hatte vorausgesetzt, dass mein Vater sie kannte, denn sie trafen ziemlich seinen Geschmack und er ist großer Schottlandfan und so. Jedenfalls hab ich ihn dann mal gefragt, ob er die CD hätte.
"The Fratellis? Wer ist das denn?"
Das überraschte mich. Das mein Vater sie nicht kannte konnte eigentlich nur heißen, dass sie in den "anspruchsvollen" Kreisen nicht anerkannt waren. Oder so. Ich schnappte mir meinen Laptop und spielte ihm "Chelsea Dagger" bei youtube vor.
Und er war begeistert. Nein wirklich, er ist fast ausgeflippt.

Und das war der Anfang von allem. Er hat sich dann die Cd gekauft und mich gleich gefragt, ob ich "noch mehr so heiße Tipps auf Lager hätte." Er sei durch seinen neuen Job in letzter Zet nicht mehr so oft dazu gekommen, neue Musik zu finden. Seitdem spiele ich ihm immer meine momentanen Lieblingslieder vor und wir reden stundenlang über Musik.
Somit habe ich meinen Zugang zu ihm gefunden. Musik. Das hötte ich echt niemlas gedacht. Aber offensichtlich ist mein Musikgeschmack inzwischen "reif genug" oder so.
Inzwischen haben wir noch etwas gefunden: Unseren Humor. Ich kann meinen Vater so richtig belustigen. Es klingt komisch, aber dass er so laut und lange über meine Witze lacht ist das Allergrößte und Schönste, was mir passiert ist mit ihm. Da fühle ich mich wirklich lücklich. Und das allergrößte Kompliment, dass er mir jemals gemacht hat, das war gestern. Wir saßen im Wohnzimmer und ich hab ihm gerade was von Lucky Soul vorgespielt, als meine Mutter reinkam.
"Weißt du", sagte mein Vater, der Mann, der am allermeisten von Musik weiß von allen menschen die ich kenne. "Bei unserer Tochter haben wir alles richtig gemacht. Sie hat echt einen guten Musikgeschmack."
Und als meine Mutter dazu ansetzte etwas zu sagen:

"Ach weißt du, es ist egal. Verstehst du wahrscheinlich nicht. Das ist hier son Vater-Tochter-Ding."
:)

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Kommentare

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    Och wie schön! Ich mag diese Geschichte, ich kenne das Problem nämlich auch. Und mein Vater und ich, wir verstehen uns auch am besten über Musik: Led Zeppelin, Black Sabbath und Deep Purple =) Also wenn wir morgens zusammen zur Schule fahren, wird ein Classic Rock-Sender im radio gesucht und dann rocken und rollen wir zur Schule =) Super, dass es doch noch klappt, sich als weiblicher "Teenie" mit seinem Vater zu verstehen!
    liebe grüße, blümelein

    25.04.2008, 21:32 von blume_mit_petticoat
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