sonnenmarie 12.08.2008, 20:17 Uhr 33 56

Das Geheimnis ist...

Mein Großvater hatte so eine Art, die Dinge auf den Kopf und wieder zurück auf ihre Füße zu stellen, bis sie nicht mehr die Dinge waren, mit denen man zu ihm gekommen war.

Vor einer Woche ist mein Großvater gestorben. Er lebte gesund, war sehr vital und keiner rechnete mit seinem plötzlichen Tod, wobei der Tod ja eigentlich immer plötzlich kommt, und man daher nie mit ihm rechnen sollte. So, oder so ähnlich hätte das wohl auch mein Großvater gesagt, und für solche scheinbaren Banalitäten und viele andere Dinge habe ich ihn sehr geliebt.

Er hatte so eine Art, die Dinge auf den Kopf und wieder zurück auf ihre Füße zu stellen, bis sie nicht mehr die Dinge waren, mit denen man zu ihm gekommen war. Seine Augen wurden dann immer ganz klein, sein Mund immer länger und schließlich präsentierte er mit der Ehrfurcht gebietenden Geste eines Dirigenten sein vollendetes Werk: "Siehst Du, das Geheimnis ist, die richtige Sichtweise zu finden."

Ich kam meistens mit irgendeinem Kummer zu ihm. Schon als kleines Mädchen, wenn sich meine Eltern wieder einmal stritten, flüchtete ich mich zu seinem verschmitzten Gesicht und zu seinen eleganten Händen, die das hässliche Etwas, das damals schon eine ganze Weile zwischen meinen Eltern wütete im Handumdrehen zu etwas Gewöhnlichem, Alltäglichem, ja fast Bedauernswertem verblassen liessen. "Siehst Du, das Geheimnis ist, die richtige Sichtweise zu finden."

Einmal veranstaltete er dieses Kunststück vor meinen Augen mit einem Jungen, an den ich am liebsten nie wieder gedacht, geschweige denn ihn leibhaftig vor mir erblickt hätte. Wir saßen gerade und aßen Eis, als dieser Junge, sein Name zauberte nach diesem Ereignis nie wieder etwas anderes als ein verschmitztes Lächeln auf mein Gesicht, als dieser Junge und ein paar Freunde auf dem Platz auftauchten, auf dem wir saßen. Ich sah ihn schon von weitem, und mein Großvater sah, dass ich ihn sah. "Ist er das?", fragte er neugierig und ohne eine Spur von Mitleid. Ich nickte. Mein Gesicht nahm die Farbe meines Erdbeereises an.
Der Junge hatte sich inzwischen mit seinen Freunden auf den Platz gesetzt und vertrieb sich die Zeit so wie sich ein Junge mit seinen Freunden die Zeit vertreibt. Ich starrte auf mein Eis.

Plötzlich hob mein Großvater seine rechte Hand und führte Daumen und Zeigefinger behutsam zueinander; als ob er einen sehr wertvollen Diamanten genauer betrachten wollte. Dann kniff er die Augen zusammen und konzentrierte sich auf die winzige Lücke, die zwischen Daumen und Finger übrig geblieben war. Lange verweilte er so. Schliesslich hörte man ein leises Glucksen aus seiner Kehle emporsteigen. Wieder ein Glucksen und dann begann er langsam zu kichern. Ungläubig schaute ich auf. Mein Großvater hatte inzwischen Mühe nicht lauthals los zu lachen. "Opa", zischte ich. Die ersten Cafegäste drehten sich nach unserem Tisch um, und ich wollte um jeden Preis vermeiden, dass seine kleine Vorstellung bis über das Café hinaus Aufmerksamkeit erregte. "Opa, bitte..." zischte ich wieder.
"Sieh dir das an!?, gackerte mein Großvater und winkte mich mit einer Geste zu sich herüber. "Das musst du dir ansehen!"
"Aber bitte reiß dich zusammen!", gab ich scharf zurück.

Atemlos vor Scham stolperte ich über meinen Stuhl und nahm seinen Blickwinkel ein.
Ich sah nicht, was er meinte. "Was?", zischte ich. "Zwischen den Fingern", flüsterte er. "Das Männchen ..., das Männchen, ..." er hatte Mühe noch Luft zu bekommen, "das Hutzelmännchen zwischen meinen Fingern! Man könnte ..., man könnte, ..., oh Gott, ... man könnte es als Schokosträusel benutzen!"
Jetzt sah ich, was er meinte. Zwischen seinen eleganten Fingern klemmte der Junge. Auf der Mitte des Platzes zwar, zwischen seinen Freunden und doch in den Fingern meines Großvaters gefangen, auf die Größe eines Däumlings geschrumpft. Er schien ungeschickt mit den Armen zu wedeln und unschlüssig vor und zurück zu treten. Nur allzu vertraute, mir schmerzlich vertraute Gesten, aber in der Hand meines Großvaters der Lächerlichkeit preisgegeben.
"Oh..." machte ich. "Oh, oh mein Gott!" Ein glückseliges Glucksen stieg mir die Kehle hinauf, und der Druck auf meiner Brust machte einem erlösenden Schauer Platz. "Oh mein Gott!", und befreit prustete ich los. "Ein Schokosträusel!", schrie ich außer mir vor Erleichterung, "nichts als ein Schokosträusel!"
"Das Geheimnis ist...", sagte mein Opa und ich liebte ihn dafür.

Vor einer Woche ist er gestorben und ich stand lange an seinem Bett. "Das Geheimnis ist...", dachte ich, "das Geheimnis ist...", aber mir war das Geheimnis abhanden gekommen. Nichts half gegen meinen toten Großvater dort unten auf dem Bett.

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33 Antworten

Kommentare

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    eine schöne sache,wenn es doch immer so einfach wäre.

    19.02.2009, 20:23 von amoxi.84
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    Unglaublich schöner Text - sehr bewegend.

    20.09.2008, 19:42 von dysfunction
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    Schön.

    28.08.2008, 22:22 von Herzblatt
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    wahnsinnig gut! bin sprachlos!

    22.08.2008, 13:24 von Onestone
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    wunderwunderwunderschön......ich wünschte, ich hätte auch so einen tollen Großvater gehabt, der dein Leben mit Sicherheit noch lange über den Tod hinaus unglaublich bereichern wird...ich wünsch dir alles Liebe, denn auch die Trauer wird nicht weniger, sie wird auch nur irgendwann zu etwas Alltäglichem...

    18.08.2008, 23:24 von Wanderstock
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    unheimlich schön. und so ganz kitschfrei.

    17.08.2008, 23:06 von clara.tornova
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    Ich kann mir nicht helfen.
    Nach unzähligen vorangegangenen "Mein-Opa-ist-tot-ich-bin-so-traurig" - Geschichten kann ich mich für dieses herzerweichende Thema einfach nicht mehr erwärmen.
    Vielleicht aber auch nur, weil ich noch nie mit dem Tod konfrontiert wurde.
    Wer weiß.

    17.08.2008, 14:04 von ChloroPhyl
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    schmuckstück.

    16.08.2008, 01:54 von ich.lese.gern
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