Surecamp 21.03.2012, 11:33 Uhr 44 52

Das faule Ei

Du kannst Löcher nicht mit Löchern stopfen.

In unserer gemeinsamen Zeit fragte ich sie in drei verschiedenen Situationen, ob sie die Musik auch hören würde. Sie verneinte es jedes Mal und ich konnte mir nicht erklären, woher diese Melodie kam. Es klang, als würde ein Lied voll aufgedreht in einem Nachbarzimmer laufen. Ein ganz ruhiges und stilles Lied. Kaum zu hören, konnte ich es trotzdem vernehmen. Die Bässe wummerten durch die Wand und doch hörte wohl nur ich diese Melodie. Katharina erklärte mich nach dem dritten Mal für verrückt, weil sie es nicht hörte und ich es mir in ihren Augen nur einbildete. Aber die Musik war da, ich wusste es genau.

Beim ersten Mal, als ich die Melodie hörte, saßen wir Nachts in einer U-Bahn Station und warteten auf die Bahn. Außer uns war niemand am Bahnsteig. Es klang so, als würden die Töne aus dem Tunnel kommen, aus dem dann kurze Zeit später die Bahn schoss.

Ein anderes Mal frühstückten wir in einem Hotel, es war sehr früh am Morgen und wir waren die einzigen Gäste im Speisesaal. Ich fragte damals sogar die junge Frau, die uns den Kaffee in die Tassen schenkte, ob sie die Melodie hören würde, aber die schüttelte nur lachend den Kopf. Katharina verdrehte die Augen.

Beim dritten Mal, als ich dieses Lied hörte, gingen wir spazieren. Im Herbst. Unter unseren Füßen knisterten die Blätter und ich hielt ihre Hand. Ich blieb stehen und bat sie, still zu sein. Prüfend schaute ich mich um, versuchte einen Wohnwagen oder ein Auto auszumachen, das die Musikanlage aufgedreht hatte und die Bässe durch das Autoblech nach außen trieb. Da sagte mir Katharina, dass sie das langsam wirklich nerven würde und ich damit doch bitte aufhören sollte.

Ich lächelte, drückte ihre Hand und sagte ironisch, dass ich mit ihr bald aufhören würde. Sie fand den Spruch nicht witzig.

Jetzt, wo ich das Alles aufschreibe, glaube ich, sie wusste in dem Moment schon, dass sie sich nach wenigen Tagen trennen würde. Aber ich bezweifle, dass sie es wegen dieser unbekannten Melodie tat, die sie nicht hörte, wenn wir zusammen waren.

Ein Jahr zuvor lernte ich sie kennen. Eine Kriegerin, die gerade aus einer Schlacht entlassen wurde, Dinge in den Monaten zuvor erlebt hatte, die sie mir nicht erzählen wollte. Ich wusste nur, dass sie in einer Klinik gelegen hatte. Die Gründe dafür waren keine körperlichen sagte sie nur knapp, als ich sie danach fragte. Ich dachte mir, dass das Zeit habe und sie es mir schon erzählen würde, wenn sie dazu bereit wäre. Ich weiß es bis heute nicht. Sie mied Kinderspielplätze oder wechselte die Straßenseite, wenn uns Kinder entgegen kamen. Ich tat das als kleine Macke ab.

Die ersten Monate, die wir gemeinsam erlebten, waren die schönsten unserer gemeinsamen Zeit - aber bei welchen frisch verliebten Paaren ist das nicht so? Wir verbrachten jede freie Minute miteinander. Obwohl wir beide schon 28 waren, fühlten wir uns wie 15. Wir knutschten im Kino , nachdem wir zu spät in die Vorstellung geschlüpft waren - nach Sex und Batterien stinkend. Wir hielten Händchen, klebten bei Parties aneinander – ohne die anderen Gäste zu beachten. Wenn wir uns nicht treffen konnten, schickten wir uns verliebte SMS. In dieser Zeit kamen diese grauen Stellen in ihrem Verhalten nicht ans Tageslicht. Alles war normal. Sie war normal und ich fühlte mich wohl.

Dann kam irgendwann die Dunkelheit, zog sich wie schwarze Tinte über unsere frische Beziehung und verdunkelte alles.

Katharina fing an, sich wohl zu fühlen.

Je länger wir zusammen waren und unsere Zeit teilten, desto schwerer und träger wurde sie. In ihrem Handeln, dem Sprechen und der Freude. Wenn ich sie etwas fragte, kamen die Antworten verzögert, als wäre sie mir ihren Gedanken woanders. Manchmal musste ich sie anfassen und meine Frage wiederholen, bevor sie reagierte. Sie kletterte tiefer. Mit den Dingen, die sie sagte und wohl auch fühlte. Als würde sie einen Gürtel tragen, an dem sie Tag für Tag weitere große Felsbrocken befestigte, nur um nicht mehr fliegen zu können.

An einem Sonntag trafen wir uns mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Lena. Lena war zu dem Zeitpunkt im siebten Monat schwanger. Der Vater von Katharina war nicht zu Hause, er besuchte Katharinas Bruder im nahen Dresden. Ich saß mit den drei Frauen im Wohnzimmer, wir tranken Kaffee und sie unterhielten sich über gemeinsame Bekannte und Nachbarn. Ich schaute ständig auf den dicken Leib von Lena, auf diesen prallen Bauch, der sich unter der weißen Bluse herausdrückte, wie ein Gymnastikball. Ich wusste, wie sich so etwas – ein Bauch, gefüllt mit einem Baby – anfühlte. Als meine Schwester schwanger war, durfte ich den Bauch anfassen. Die Haut fühlte sich damals fest an. Straff, wie ein Luftballon, der kurz davor war, zu platzen.

Ich fragte mich, ob Lena sich ihren Bauch jeden Abend eincremte oder ob ihr Mann das tat. Im Bett, während sie sich von ihrem Tag erzählten. Ich stellte mir vor, wie ihr Mann mit langsamen, kreisenden Bewegungen warmes Melkfett auf dem runden Bauch verteilte, dabei mit dem ungeborenen Kind – es sollte ein Junge werden – sprach und ihm gut zuredete. Liebe Dinge, nette Sachen. Durch die Bauchdecke mit einem ungeborenen Kind sprechen. Es erschloss sich mir noch nie, wieso manche Männer das taten. Lieder sangen oder aus Büchern vorlasen. Ob Lena das süß fand? Hatte ihr Mann noch Lust auf Lena? Ich musste an einen Film denken, in dem ein Mann – nachdem er Sex mit seiner schwangeren Frau hatte – von seinem ersten Dreier sprach und dabei lachte.

Ich ekelte mich plötzlich vor Lena, dem Bauch und ihrem Mann, den ich noch nie gesehen hatte. Ich ekelte mich vor dem Wohnzimmer, dem Teppich, den Kaffeetassen, dem Untersetzer, Katharinas Mutter und dem Sofa. Ich fühlte mich gefangen in diesem Wohnzimmer, zusammen mit diesen drei Frauen, die mich nicht beachteten und Kuchen auf Gabeln in ihren Mund schoben, mit den Zähnen zerteilten, herunterschluckten und verdauten. Ich schloss meine Augen, kniff die Augenlider zu und sah Kinderrutschen, auf denen schwarze Schlangen hinunter glitten. Ich sah große Hotels, aus denen Menschen ihre Babies aus dem Fenster warfen, Fusselrollen, die über verbrannte Haut streiften und kleine dunkle Schrauben, die in Suppentellern schwammen. Ich war alleine.

Katharinas Mutter stand plötzlich auf und fing an, das Geschirr zusammen zu räumen und es in die Küche zu tragen. Ich half ihr dabei. Sie ließ Wasser in das Waschbecken laufen, um die Teller und Tassen einzuweichen.

Ich stand hilflos daneben, wusste nicht, ob ich zurück ins Wohnzimmer gehen sollte. Um ein Gespräch mit ihr zu beginnen,  fragte ich die Mutter, ob ich denn etwas Besonderes über Katharina wissen müsse – halb im Ernst, halb im Spaß.

Ihre Mutter sah mich lange prüfend an, als hätte ich ihr eine schwierige Rechenaufgabe gestellt.

„Weißt du Dennis, ich habe drei Kinder in die Welt gesetzt, da ist eben auch mal ein faules Ei dabei“

Ich erschrak über diesen Satz und wartete auf eine Erklärung oder einen Nachsatz, der diese Aussage relativieren würde. Aber sie wusch nur weiter das Geschirr ab und beachtete mich nicht mehr.

Als Katharina und ich Abends im Bett lagen, sprachen wir über Lena und die Schwangerschaft. Es war dunkel, ich konnte Katharina nicht sehen, ich spürte nur ihren Arm neben meinem liegen. Sie sprach sehr leise, flüsterte fast und ich verstand sie kaum. Sie erzählte schreckliche Dinge über ihre Schwester.

Ich mochte das Geheimnisvolle an Katharina, das Undurchschaubare. Es kitzelte mich. Diese Neugierde und die Ungewissheit. Ich fragte sie nach alten Videoaufnahmen von ihren vorherigen Beziehungen. Ich fragte sie, ob sie sich mit ihren Ex-Männern beim Sex gefilmt hatte, was sie verneinte. Ich glaubte ihr. Und war enttäuscht.

Abends kamen oft SMS auf ihr iPhone und die Nachrichten erschienen sofort auf dem Display. Nachrichten, in denen nur ein X stand, gesendet von ihrem Ex-Freund Frank. Ihr Telefon lag auf dem Tisch, wenn wir gemeinsam zu Abend aßen. Oder es lag auf dem Sofa, neben uns, während wir fern sahen. Dadurch konnte ich die kurzen Nachrichten lesen. In allen war immer nur ein X. Sie antwortete nicht, drückte die SMS weg und flüsterte leise „Idiot“.

Nachdem diese Art von Textnachrichten wochenlang fast jeden zweiten Abend auf ihr Telefon kamen, fragte ich sie, was sie zu bedeuten hätten. Denn sie hatte mir mal erzählt, dass sie keinen Kontakt mehr zu Frank hatte. Sie lenkte ab und sagte, dass er wohl Aufmerksamkeit suche, die sie aber nicht erwidern wollte. Die tatsächliche Lösung kam in einem Streit raus, kurz vor unserem Ende. Sie sagte in einem Nebensatz, dass er ihr jedes Mal ein X schickte, wenn er sich auf sie einen runtergeholt hatte. Sie wollte mich damit verletzen und im ersten Moment tat es das auch. Als wir später an dem Tag miteinander schliefen, dachte ich jedoch daran und wie er sich einen runterholte, dabei an Katharina dachte. Es erregte mich.

Die Trennung verlief kurz und im wahrsten Sinne schmerzlos. Ich habe jetzt lange versucht, mich zu erinnern, aber mir fällt nicht mehr ein, wie die Trennung war. Mir fällt nicht der Ort ein, an dem wir die klärenden Worte aussprachen, wer wen verließ. Es gab keinen Kampf, keine Tränen, keinen anderen Mann oder eine andere Frau. Es gab Nichts.

Dass mir die Trennung nicht in Erinnerung geblieben ist, finde ich nicht schlimm. Viel mehr interessiert mich diese Melodie, die ich in Katharinas Gegenwart gehört habe. Ob es sie überhaupt gab, wie sie deutlich klang und ob Katharina sie wirklich nicht gehört hatte. An das Lied, an die Melodie kann ich mich nicht erinnern, obwohl es mir wichtig war.

Ich weiß heute, dass ich nur eine weitere Station in Katharinas Leben war und sie sich bereits zu einem weiteren Menschen aufgemacht hat. Zum Vergiften und Verdunkeln.

Ich weiß auch, wieviele Menschen sie bereits vor mir getroffen und kennen gelernt hatte. Dass sie sich selbst weiterreichte, wie ein verlesenes Buch, aus dem sie die immer gleichen Geschichten erzählte oder gewisse Kapitel übersprang. Ob es nun ein Mädchen oder ein Junge war, spielte für sie keine Rolle. Sich und ihre Geschichte, die sie für etwas Besonderes hielt, wollte von ihr in die Welt getragen werden. Zurück blieben wir, ihre ehemaligen Weggefährten. Ob die Menschen, wie ich, unbeschadet zurück blieben oder sie aus lebenden Personen ein Dresden '45 machte, war ihr egal. Mehr noch, es war die Verachtung, die sich aus ihr ergoss. Über versprengten Freunden und Freundinnen, tropfte sie Brandbeschleuniger. Nur noch in ihrem Buch, als weiteres Kapitel, lebenswert.






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44 Antworten

Kommentare

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  • 0

    ich erschrak an dieser stelle:

    Dass sie sich
    selbst weiterreichte, wie ein verlesenes Buch, aus dem sie die immer
    gleichen Geschichten erzählte oder gewisse Kapitel übersprang..

    ist das nicht immer so, wenn es leute gilt kennenzulernen....schreck lass nach. hat mir genau deshalb auch sehr gut gefallen.

    15.01.2013, 16:56 von impact
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  • 1

    das erste, was an diesem tag wirklich gelungen ist. danke dafür.


     


    (jap, platter kommentar - hau nochmal drauf, dann wird er noch platter - aber ich musste trotz akut einsetzender sprachlosigkeit vom lesen dem inneren drang nachgeben, mit mehr als nur einer empfehlung meiner ehrerbietung ausdruck zu verleihen) 

    04.10.2012, 13:58 von fantatierchen
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  • 0

    Naja unbeschadet ist er ja aus der ganzen Sache irgendwie nicht raus gekommen. Die Aussage erinnert mich so ein bisschen an den schlechten Witz bei dem man irgendwelche Zuckungen vormacht und behauptet es sei nichts zurückgeblieben.

    Katharina ist mir sehr unsympathisch, aber ich denke das war nicht anders gewollt und die Aussage mit dem faulen Ei finde ich schon extrem hart von der Mutter, aber irgendwie auch nachvollziehbar.

    05.08.2012, 21:13 von PatriciaMurillo
    • 0

      arbeitest du dich jetzt durch alle Texte von mir?

      05.08.2012, 21:14 von Surecamp
    • 0

      Als Arbeit würde ich das nicht bezeichnen und ich weiß nicht, ob ich alle lesen werde, aber die, die mich neugierig machen schon.

      Ist das irgendwie verboten. Ich kann sie auch nur still lesen kommentieren, wenn es dich stört.


      05.08.2012, 21:19 von PatriciaMurillo
    • 0

      nö.
      mmach wasdewillst

      05.08.2012, 21:20 von Surecamp
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  • 0

    Man versetzt sich super in die dargestellte Person! Wirklich super!

    01.04.2012, 21:19 von acespik
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  • 1

    Man bekommt Gänsehaut. Nicht negativ und nicht positiv. Man taucht ein und erwacht mit dem letzten Wort.
    Der Text lässt Spielraum zum Nachdenken. Wunderbar.

    30.03.2012, 10:10 von Ulise
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  • 0

    Undurchschaubar-spannend. Gefällt mir!

    29.03.2012, 11:57 von Red-she-devil
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  • 1

    letztlich werden alle persönlichen Programme, nennen wir sie: Aufgaben, "Missionen", unverändert weitergereicht, solange bis sie jemand erreichen, dem sie vertraut sind. Wo etwas instinktiv reagiert, oft unvermittelt einfach, ohne jede Überlegung darüber, weil es sich kennt. Das aktiviert sie. Es arbeitet und sucht nach Erlösung. Bleibt es unbewusst, fehlt somit die Möglichkeit Programme zu modifizieren, wird nichts erlöst, nur erledigt... und weitergereicht.   

    26.03.2012, 20:09 von schauby
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  • 0

    Beim 4ten Anlauf endlich zu Ende gelesen. Gefällt mir, auch wenn mir nicht ganz klar ist, warum die Mutter "faules Es" sagt. Naja, muss ja nicht immer alles klar sein. Gern gelesen.

    25.03.2012, 23:18 von Danny0511
    • 0

      es ist ziemlich offensichtlich, was einem Nachwuchs beschert ist, deren Mutter in solcher Weise von ihrem Kind spricht.

      26.03.2012, 19:38 von schauby
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  • 0

    Hell Yeah. Atmosphäre. 

    25.03.2012, 20:28 von Libera
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  • 0

    toll =)!

    25.03.2012, 13:01 von smacki
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  • Haben wir sie noch alle?

    Burn-Out, Internetsucht, Depression - immer mehr Deutsche lassen sich therapieren. Braucht es all diese Therapien wirklich?

  • Apokalypse Wow!

    Die Mode ist die Message: Die pro-russischen Kämpfer in der Ukraine sehen mit Macheten, Masken usw. aus wie Figuren aus den »Mad Max«-Filmen.

  • Der Witz geht nicht mehr weg!

    Jeder kennt den Moment, in dem der Send-Balken hochgeht und man noch denkt: Stop! Was würdet Ihr gern aus dem Netz löschen?

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