Mariki 13.11.2010, 11:29 Uhr 22 12

Das Dekaden-Dilemma

Nach etwa zehn Jahren Beziehung scheint es für Pärchen zwei Möglichkeiten zu geben: ein Kind. Oder die Trennung.

Sie sind eine seltsame Spezies, die Langzeitpärchen: Ihr Umgang miteinander hat für Außenstehende bisweilen etwas Unheimliches, das Vertraute in ihren Gesten ist über Jahre gewachsen, viele Jahre. Jetzt, wo wir alle auf jenen Geburtstag zusteuern, der so absurd gefürchtet ist, die magische 30, treten sie immer häufiger auf: Paare, die schon acht, zehn, elf Jahre zusammen sind. Sie kennen sich aus der Schule oder vom Knutschen in der Dorfdisco, sie müssen einander nichts aus ihrer "Damals, als ich 17 war"-Zeit erzählen, denn der andere war dabei. Und irgendwie sind sie aneinander hängen geblieben, haben sich zusammengerauft und sind älter geworden, jeder für sich und beide gemeinsam.

Diese Langzeitbeziehungen sind langsam. Als sich die Pärchenhälften kennenlernten, waren sie jung, sehr jung, es musste erst studiert werden, vielleicht in getrennten Städten, zusammengezogen sind sie frühestens nach ein paar Jahren, anfangs, ja, da haben sie einander noch in ihren Kinderzimmern zu Hause bei den Eltern besucht. Dann kam die Zeit der Praktika, Selbstsuche und unterbezahlten Nebenjobs, ein jeder war auf dem Weg zu seinem beruflichen Ziel, und es ist heikel, sich dabei nicht aus den Augen zu verlieren. Sich jeden Tag neu zu verbinden zu einem Paar, daheim in der Zweisamkeit, während es so lustig ist draußen in der Welt, wo die Singles nachts um drei noch tanzen gehen und in fremden Betten schlafen. Allein erwachsen zu werden, ist schwierig genug. Zu zweit grenzt es an Hochleistungssport.

Dekaden-Pärchen lösen in ihrem Umfeld meist ein wenig Unbehagen aus. Nicht unbedingt Neid, nein, Bewunderung nur in Maßen, vielmehr ist es Verwunderung und ein leichtes Gruseln, das da in den Gesichtern der anderen steht. Gelten doch die Jahre zwischen 18 und 28 persönlichen Beobachtungen zufolge als Austobphase, als konsequenzfreie Zeit, in der man sich ausprobiert, reist, die Persönlichkeit festigt, man selbst wird. Diese anderen, die dann die Stirn runzeln bei Sätzen wie "Als wir zusammenkamen, waren wir 16", führen neue, moderne Beziehungen, die sich vor allem durch eine faszinierende Beschleunigung auszeichnen: Wer mit Mitte zwanzig einen Partner trifft, den er gut findet und riechen mag, lässt sich im Allgemeinen nicht mehr so viel Zeit, die beruflichen Wege sind mehr oder weniger gefunden, dass man nach einem halben Jahr zusammenzieht, ist keine Seltenheit. Oft wird geheiratet nach zwei Jahren, die Eltern verstehen sich auch alle gut, und ein Kind - ja, warum nicht?

Kabumm. Die Kinderfrage stellt bei den Langzeitpaaren alles auf den Kopf. Es ist ein Phänomen, das ich seit einiger Zeit beobachte, nicht im Geringsten repräsentativ, aber dennoch auffällig: Wenn die Frage nach dem Baby auftaucht, weiten sich bei Dekaden-Pärchen Männer- wie Frauenaugen. Ich fühle mich noch nicht bereit, sagen sie dann und murmeln etwas von Verantwortung. Wir müssen erst noch eine größere Wohnung finden, ein Haus bauen, für drei Monate nach Australien reisen. Die Argumente sind da, aber bei genauerem Betrachten sind sie keine Hindernisse: Alle "We?ve come a long way"-Paare, die ich kenne, müssten auf nichts mehr warten. Sie sind seit drei, vier Jahren mit dem Studium fertig, haben gute Jobs, genügend Geld, viel Platz - und, ja ja, einen Partner. Mit dem sie allerdings, auch das fällt dem Betrachter ins Auge, nicht verheiratet sind, dieser Schalter wird nur sehr zögerlich umgelegt. Fragt man sie, ob sie denn überhaupt Kinder möchten, nicken sie eifrig und sagen, Natürlich, nur noch nicht jetzt. Was aber ist der Grund für ihre kaugummizähe Zurückhaltung? Sind sie vielleicht in einen ermüdenden Trott gerutscht und leben einfach Seite an Seite vor sich hin? Haben sie doch Zweifel an der jahrelang gepflegten Beziehung? Ist ihre biologische Uhr auf Stand-by? Nagt innerlich die Frage an ihnen, ob sie "etwas verpasst" haben?

Keine Beziehungsform ist gut oder schlecht, und das Tempo, in dem ein Paar sich zu einer Familie entwickelt, sollte für jeden das individuell passende sein. Dennoch habe ich bemerkt, dass Langzeitpärchen erstaunlich oft - und erstaunlich lange - davor zurückschrecken, "ernst" zu machen. Das erscheint widersinnig, sind sie es doch, die sich bereits so ernsthaft gebunden haben in jungen Jahren. Genügend Zeit zu zweit hatten sie eigentlich auch. Aber dann wirkt es manchmal, als liege diese Entscheidung füreinander schon so lange zurück, dass sie sich nicht mehr an die Gründe dafür erinnern können. Die Frage nach einem Kind steht nicht plötzlich, aber doch unvermittelt im Raum. Und dann haben die Dekaden-Paare scheinbar zwei Möglichkeiten: Sie wagen den Schritt und lösen die Gleichung 1 + 1 = 3. Oder sie trennen sich.

Das kommt meist für viele überraschend. Wir waren wie beste Freunde, wie Geschwister, sagt Dani, 30, getrennt nach elf Jahren, da hätten wir uns doch irgendwann getrennt, und dann mit Kindern, das wollte ich nicht. Er hat eines Tages gemeint, ich könnte doch mit der Pille aufhören, erklärt Steffi, 28, getrennt nach neun Jahren, und da habe ich Panik bekommen. Ich habe auf einmal gemerkt, dass er nicht der Mann ist, mit dem ich Kinder will, sagt Christine, 26, getrennt nach acht Jahren.

Ich finde das mutig. Einen Schlussstrich zu ziehen nach so viel gemeinsamer Zeit, nicht einfach zusammenzubleiben aus Gewohnheit, weil es schon so kuschelig ist - und erst recht nicht einfach ein Kind zu bekommen, weil es jetzt eben alle erwarten. Sondern genau hinzusehen auf das Leben zu zweit und ins eigene Herz. Für jede Beziehung gilt offenbar - egal, wie lange sie schon besteht - , dass die Frage nach dem Nachwuchs sie auf den Prüfstein stellt wie sonst nichts. Denn während man ohne Weiteres einen Job kündigen, aus einer Wohnung ausziehen oder eine Scheidung einreichen kann, ist die Entscheidung für ein Baby nicht rückgängig zu machen. Kein Wunder, dass diese Aussicht einschüchtert. Ein Kind "passiert" heute nur mehr selten einfach so, gerade Langzeitpaare verhüten meist bombensicher und müssen schon ganz bewusst den richtigen Zeitpunkt abwarten, finden, erkennen. Und manchmal spüren sie anscheinend, dass er nicht kommt - nicht mit diesem Partner.

Es zeichnet unsere Generation grundsätzlich aus, dass sie Sex zum Spaß hat und nicht, um sich fortzupflanzen. Verhütung und gesunder Egoismus ermöglichen Studien und Frauenkarrieren, ausgedehnte Weltreisen, fliegende Partnerwechsel und viel, viel wunderbare freie Zeit. Das ist ein Privileg und sorgt gleichzeitig, wir wissen es, für ein immer größer werdendes Ungleichgewicht in unserer Gesellschaft. Die Liste der Dinge, die erledigt werden müssen, bevor ein Baby kommen darf, ist eben lang, und wenn alles abgehakt ist, fällt einem bestimmt doch noch etwas ein. Weshalb ich die gewagte These aufstelle, dass für manche entscheidungsunfreudige Langzeitpärchen mit gut bezahltem Job, großer Wohnung und großer Liebe eine ungeplante Schwangerschaft ein echter Glücksfall wäre. Weil sie es könnten, wenn sie müssten. Nur müssen sie eben nicht. Und sie sind vielleicht gefangen in der Langsamkeit, die ihre Beziehung ausmacht. In meinem Freundeskreis gibt es viele Dekaden-Paare, kein einziges ist verheiratet, kein einziges hat ein Kind, manche trennen sich gerade, mit der Kinderfrage im Hinterkopf, andere verharren in einem merkwürdigen Schwebezustand. Aber sie werden vermutlich bald ihre Wahl treffen, die magische 30 als Anlass nehmen, zurückzuschauen und nach vorn, zu fragen, welcher Art es sein soll, das nächste Abenteuer.

Von ganz ungefähr kommt die Beschäftigung mit diesem Thema natürlich nicht, es ist präsent in Gesprächen und Überlegungen in meinem Umfeld, denn es gibt ihn, den persönlichen Bezug: Auch ich bin ein Langzeitpärchenteil. In drei Wochen werden wir unseren 9. Jahrestag feiern. Kurz davor wird unser Kind geboren werden.

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22 Antworten

Kommentare

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    manchmal ist die trennung nicht wegen dem ernst machen mit dem kinderwunsch, sondern weil sich die bilder, die man von dem anderen hat, so stark verändert haben, dass es nicht mehr passt.

    02.02.2012, 12:01 von lila-hexe
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    Ein treffender Text - selbst so erlebt und oft auch bei anderen beobachten müssen.

    Der Grund ist wohl ein ganz simpler: vorzeitige Midlifecrises. Das Gefühl und die Frage, ob es das denn jetzt schon gewesen sein soll oder man nicht gerade was verpasst oder verpasst hat. Und wenn es nur die Sicherheit ist, vorher genug Frösche geküsst zu haben, dass man weiss, dass man jetzt den richtigen küsst. Auch wenn man mit dem Partner eigentlich glücklich ist. (Noch) nicht zu heiraten, (noch) keine Kinder zu bekommen, gibt vielen die lllusion, noch ganz "frei" zu sein." Eine Freiheit, die sie meinen, zu brauchen. Falls doch noch was anderes kommt.

    Das sollte anders sein. In einer romantischen Welt. Einer aufrichtigen Welt voller wahrer endloser bedingungsloser Liebe. *räusper*

    07.12.2010, 16:38 von Tim123
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    Meine Empfehlung zum Thema: "Die Einschläge kommen näher" http://www.neon.de/kat/fuehlen/familie/322287.html

    06.12.2010, 13:16 von mixtapeape
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      @oceaneyes ich bin knapp vorm "dekaden-paar"-dasein und bin damit mehr als zufrieden. und erstaunt, weil ich nicht damit gerechnet habe, dass es jemand so lange mit mir aushält:-)
      wie b.tina schon sagt: für eine trennung gibt es mehrere gründe. natürlich kann ich mich hier hinsetzen und finden, "wow, toll" und dann bleib ich da schön sitzen, aber so einfach funktioniert das natürlich nicht. jede von uns macht ihren eigenen kram und das tollste ist: weil wir zwei frauen sind, fragt uns auch niemand nach kindern. ginge ja, irgendwo kriegt man den sabber dafür schon her - aber wozu? kinder gehören da hin, wo sie erwünscht, gewollt und ersehnt werden. ich habe keinen kinderwunsch und damit hat sich das auch.
      ich habe allerdings eine menge paare erlebt, die sich gegenseitig mit diesem "und eigentlich gehört ein kind dazu!"-ding so dermaßen genervt haben, so dass die beziehung iregndwann im eimer war. da hatte ich den eindruck, die haken so nach und nach einzelne punkte ab, "sooooo, wäschespinne haben wir, hmm... ach ja, das kind. SCHAAAAHAATZ?!" grauenhaft!

      03.12.2010, 22:51 von lavish
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      @oceaneyes "eigentlich"? :-)))))

      05.12.2010, 14:09 von lavish
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    Ah, alles verrückt - ich wunder mich, warum ich so viele Kommentarnachrichten kriege, hab von der Startseitenladung nichts mitbekommen ... alles wegen des Zwergs, der hinter mir in seiner Wiege grummelt. Und Diskussionen, ja, schön, ich bin mit Hormonen zugedröhnt, völlig unzurechnungsfähig und sage nur: Babys! Macht Babys, Leute! Babys sind das Größte!

    03.12.2010, 13:29 von Mariki
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    Ich finds eigentlich eher traurig, dass viele Paare so ewig zusammenbleiben, ohne sich darüber klar zu sein, ob sie zusammen glücklich sind und bleiben können. Warum braucht man dafür eine 10jährige Beziehung, das sollte man doch auch nach 2-3 Jahren merken können? Aber nach meiner Erfahrung reflektieren die meisten Menschen nicht die Qualität ihrer Beziehung.
    Leute, redet mal wieder miteinander! Nicht nur aneinandervorbei!

    02.12.2010, 20:33 von Sternschnupppe
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      @Sternschnupppe "Aber nach meiner Erfahrung reflektieren die meisten Menschen nicht die Qualität ihrer Beziehung. "

      Was ist denn das offizielle Maß für die Beziehungsqualität ?

      Küssle ?

      03.12.2010, 00:59 von derHerrMitDemPixel
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      @derHerrMitDemPixel Pixel, das ist easy:

      Je ernsthafter, desto höher die Qualität!

      03.12.2010, 10:09 von frl_smilla
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    sehr sehr guter text! ich wünsche euch viele schöne stunden mit eurem kind :)

    02.12.2010, 18:51 von Himmelsstern
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    "Kurz davor wird unser Kind geboren werden."
    Erstmal Glückwunsch.

    Ich denke, dieser ganze Artikel wurde nur in dieser Art und Weise geschrieben, weil DU JETZT eine Entscheidung getroffen hast und schwanger bist.
    Du betrachtest nun das Thema bereits im Rückblick. Ich finde den Text trotzdem sehr dozierend, distanziert und sehr emotionslos.

    02.12.2010, 17:00 von Jackie_Grey
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    ...unglaublich! Wieso ist das so??? Wieso finde auch ich mich in diesem Text wieder??? Wieso stellen so viele Dekaden-Paare sich diese Frage(n)??? ...auch ich war(!) so ein Paar! Und der Mann zog vor der geplanten Hochzeit die Reißleine! ...Zum Glück?! Ich denke schon - 6 1/2 Jahre waren wir zusammen - haben zusammen gewohnt, hatten eine Fahregemeinschaft zur Arbeit - waren im gleichen Sportstudio... Tag ein - Tag aus... Und dann kommt diese Schwelle: 30 Jahre alt werden!!! Da brechen viele aus ihrer Rolle - wollen noch mal was erleben... Liegt es vielleicht daran, dass wir in der heutigen Zeit mit 30 einfach eher gefühlte 20 Jahre alt sind??? Man(n) weis es nicht! (...)

    Fazit: Toller Text, hat mir gefallen :-)

    02.12.2010, 16:03 von CudiE
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