tin08kl 07.11.2009, 00:04 Uhr 0 0

Das böse Kind

Ein ehrlicher Brief an meine Mutter...

Die verlorene Tochter ist zurück gekehrt...und nein, gemeint bin nicht ich, sondern meine Schwester...
Erst sind alle ausgezogen, jetzt sind alle wieder in unserem "Zuhause"... Für mich nur der Ort meiner Kindheit und im Großen und Ganzen vier Wände mit einem Dach darüber, Zimmer darin und das war's... Ob ich etwas an diesem Ort liebe? Nur die Erinnerungen...

Ich wohne wieder bei dir, weil ich es mit meinem Freund nicht mehr ausgehalten habe... Das ist 2 Monate her, ich leide immernoch, obwohl ich mich getrennt habe, wenn es nach dir geht, bin ich glücklicher als zuvor... Das stimmt nicht, in Summe geht es mir wesentlich beschissener als zuvor, ich habe Depressionen, Schlafstörung und bin aggressiv.... Das sollte ich nicht sein, wenn es nach dir geht, denn ich darf wieder bei dir wohnen...

Ich begann mich einigermaßen daran zu gewöhnen, wieder in einem 4-Personen-Haushalt zu leben, dann kam eine 5. hinzu.. Deine verlorene Tochter - meine große Schwester... Sie hat 10 Jahre nicht bei dir gelebt, aber immer so schrecklich gelitten, jetzt will sie studieren, mit Ende 20... Natürlich bekommt sie deine 1000%ige Unterstützung, ein Studium ist ja was tolles... Ich studiere auch, weißt du noch? Ich bin nächstes Jahr fertig und werde mein Diplom in den Händen halten und etwas aus meinem Leben machen...

Im Grunde alles nichts schlechtes... Wäre da nicht das Problem, dass wir alle eingepfercht in diesem Haus leben... Gut, mein Bruder ist die meiste Zeit nicht da, aber wenn er da ist, hat dieses Haus etwas was es sonst nicht hat - Leichtigkeit. Kein Stress, keine Pingeligkeiten.... Er ist genauso wie ich, kein Wunder wir sind Zwillinge, aber das weißt du ja, du hast uns auf die Welt gebracht... Um ihn sorgst du dich laut - ständig. Um mich auch? Wenn dann nur leise, aber seit du mich wieder bei dir wohnen lässt, wohl eher selten, denn mir sollte es ja gut gehen. Du bist da, die Familie ist da, ich haben jemanden kennengelernt, der mir nichts bedeutet... Ich liebe immernoch meinen Ex, aber du siehst das nicht, du verteufelst ihn - er hat ja so einen schlechten Einfluss auf mich gehabt. Bestimmt, in einigen Dingen schon... Aber er war dir um einiges überlegen. Er war ehrlich zu mir, er hat mir das gesagt, was ich hören musste, nicht was er mir sagen wollte um mich zu besänftigen oder aus mir einen noch schlechteren Menschen zu machen, als ich es eh schon bin. Er hat mir auch nie das gesagt, was ich womöglich hätte hören wollen. Er war ehrlich und das ohne Kompromisse. Aber er ist schlecht für mich, hast du immer gesagt, als ich noch mit ihm zusammen war. Du warst diejenige, die mir letzten Endes den Anstoß gab, auszuziehen und mich zu trennen, ich durfte ja wieder bei dir wohnen. Seit ich wieder hier wohne weiß ich, es war der größte Fehler meines Lebens.

Zurück zu unserem Problem - wir müssen hier zusammen leben. Du, meine Schwester und ich. Am Wochenende dein Freund und an manchen Tagen ist auch mein Bruder noch da.
Ganz ehrlich: Ich habe es nicht in Erinnerung, dass du so borniert bist, es ist nicht ewig her, dass ich bei dir ausgezogen bin. Nur 3 Jahre. Soll eine solch kurze Zeit einen Menschen derart verändern? Und nun auch meine von dir über alles geliebte Schwester. Ich frage mich bei ihr, was sie ihn ihrem Leben erreichen will - gut ein Studium ist ein guter Anfang - aber wann will sie fertig sein, damit mir alles nach zu machen, Anerkennung zu haschen und sich bei Gott und der Welt als Gutmensch hinzustellen? Aber vor allem frage ich mich eins sie betreffend: Tut es eigentlich weh, mit einem Stock im Arsch zu leben? Ist das nicht unbequem?

Nein! Für sie nicht, für dich nicht. Ihr habt euch wieder, alle anderen lasst ihr mal schön außen vor. Lasst die Leute um euch herum sein, hauptsache ihr habt euren Spaß. Wieso auch nicht, ihr seid beide Menschen, die sich nie die Meinung sagen müssen, ihr habt von vornherein die selbe - oder keine. Und ihr stellt euch auf die Seite eurer jeweiligen Seelenverwandten, egal worum es geht.
Ihr widert mich an!

In deinem Haus soll alles perfekt sein, ALLES! Es soll stets sauber, ordentlich und schön sein und vor allem solls hier stets Friede, Freude, Eierkuchen sein. Welch schönes Ziel und so unehrlich, so unrealistisch. Aber du hast ja meine Schwester, gemeinsam werdet ihr es schon schaffen. Weil wir gerade bei deinem perfekten Haushalt sind. Er kotzt mich an. Es ist so widerlich ordentlich, dass sogar die Katze sich auf dem Dachboden versteckt, weil es dort so schön gemütlich ist, aber vor allem unordentlich. Macht doch euren Dreck alleine weg! Kind, kannst du mal dies und kannst du mal das und vergiss nicht, dass wäre auch noch zu erledigen! Am Arsch! Wenn ich doch mal was mache, wo ich denke, kommt der Allgemeinheit zu Gute... Dann wars bestimmt nicht richtig.
Aber ehrlich, ich glaube nicht, dass das WAS falsch war, sondern das WER. Es kommt bei dir nicht darauf an, WAS man macht, sondern WER.

Der Tag hat 24 Stunden, 8 davon schlafe ich, 12 davon bin ich nicht in deinem Haus und die restlichen 4 sollte ich lernen oder will einfach mal was für mich und meine kaputte Seele tun. Kaputte Seele? Ja genau die! Ich erwähnte bereits, dass ich leide... Wegen meinem Ex, wegen dir und meiner Schwester... Weil ich Depressionen habe und nicht schlafen kann... Hast du schon wieder vergessen? Achso, ging ja um mich und nicht um meine Schwester.

Weißt du was ich glaube? Als ihr, du und Vati, euch getrennt habt, habe ich nich offensichtlich genug gelitten. Meine Schwester kann da. Leiden, dass es jeder sieht und sie bemitleidet... Die Arme, hats auch echt nicht leicht... Hallo? Ich habe auch gelitten und ich leide immernoch, wegen eurer Trennung und auch wegen der Scheidung! Jeden verdammten Tag, seit 8 Jahren, aber ich trage es nicht zur Schau, ich schmücke mich nicht damit, mein Leiden ist persönlich. Weißt du wie sich das anfühlt, wenn man seinen Vater nicht mehr so oft sehen kann, wie man will? Nein weißt du nicht! Aber ich habe daraus gelernt, beim nächsten Schicksalsschlag werde ich leiden und wie ich leiden werde. Ich werde eine Drama-Queen. Ich habe es mir abgeschaut. Bei deiner geliebten Tochter, meiner Schwester.

Was ich dir noch sagen wollte, weil du es wahrscheinlich in der Kategorie unwichtig abgelegt hattest, als ich es dir erzählte.
Ich werde eine Therapie machen - eine Verhaltenstherapie. Ich bin das gefundene Fressen für jeden Psychologen, gestörtes Mutter-Kind-Schwester-Verhältnis, Vaterkomplex, depressiv, aggressiv, lange Zeit drogenabhängig gewesen. Ich glaube, meine Therapeutin wird mir helfen können, das kannst du nicht, du kannst nicht auf mich eingehen. Was? Drogenabhängig?

Ja, verdammt. Hast du nicht gemerkt? Wie auch? Wenn man sich nicht interessiert für sein Kind... Aber keine Angst, ich bin clean. Ich habe es alleine geschafft, ohne deine Hilfe. Wie ich alles was ich mir erarbeitet habe, ohne deine Hilfe geschafft habe. Und so wie ich alles weitere ohne deine Hilfe schaffen werde!

Und eins noch: Ich weiß nicht, wie lange ich noch mit dir zusammen leben kann - ich halte es nämlich nicht mehr aus. Du würdest mir wahrscheinlich raten, auszuziehen und mich zu trennen, wie bei meinem Ex. Vielleicht werde ich das auch bald tun!

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