Danke, Mama!
Pünktlich zu Weihnachten meldet sich das Gewissen: Besuchen wir unsere ELTERN viel zu selten? Müssten wir uns nicht dankbarer zeigen? Zeit, sich zu fragen, was man Vater und Mutter wirklich schuldet.
»Schuld? Das würde ihr nicht gefallen«
Mareike Günsche (30): »Meine Mutter hatte vor zwei Jahren eine Gehirnblutung; es war lange nicht klar, ob sie überlebt. Heute erlebe ich sie nicht mehr so sehr als Instanz, als Autorität, sondern eher auf Augenhöhe, auf freundschaftlicher Ebene. In dieser schwierigen Zeit ist mir noch einmal viel klarer geworden, was für ein toller Mensch sie ist; sie schert sich nicht drum, was andere von ihr denken, und ist extrem willensstark. Die Ärzte hatten sie schon mehrmals aufgegeben, und sie hat weitergemacht. Ich habe das Gefühl, etwas für sie tun zu wollen, für sie da zu sein - aber nicht im Sinne von Schuld. Das würde ihr auch nicht gefallen.«
Uta Günsche (67): »Als ich krank war, hätten die Kinder ja die Gelegenheit nutzen können, sich aus dem Staub zu machen. Statt dessen haben sie sich sehr um mich gekümmert, haben mich zu jeder Untersuchung begleitet, das zeigt mir: So viel kann ich ja nicht falsch gemacht haben. Als Mutter sollte man nie irgendetwas aus der Erwartung tun, später dafür Dank zu kriegen. Kinder haben ein sehr feines Gespür, die bekommen das mit. Man sollte alles freiwillig und gern tun - und was man nicht freiwillig und gern tun kann, sollte man besser lassen.«
»Heimat ist, was allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war« Ernst Bloch
Bald ist es wieder so weit. Wir drängeln uns in Züge und Flugzeuge, reihen uns im Stau auf der Autobahn ein, raffen unsere Kräfte zusammen und schleppen uns die letzten Meter nach Hause, um uns wieder hineinzukrümmen, in eine Rolle, aus der wir eigentlich heraus gewachsen schienen - bis Weihnachten ist.
In Anwesenheit unserer Eltern werden wir wieder zu Kindern, egal, wie alt wir sind. Wir lassen uns Dinge von ihnen sagen, die wir unseren Freunden nicht durchgehen lassen wür den, und erdulden eine Behandlung, die wir unserem Partner nicht verzeihen könnten. Wir setzen uns dem vorweihnachtlichen Einkaufsstress aus, diskutieren über die beste Art, eine Gans zuzubereiten, und singen, auch wenn wir die Lieder nicht leiden können. Wir lassen unser eigenes Leben zurück, um wieder der Mensch zu werden, aus dem wir uns selbst geschaffen haben. Und warum? Weil wir ein schlechtes Gewissen haben. Weil wir glauben, dass wir es unseren Eltern schuldig sind.
Eltern rechnen nicht absichtlich auf. Sie tun es, weil sie Liebeskummer haben
»... nach allem, was ich für dich getan habe« ist ein Halbsatz, den jeder kennt, auch wenn er so vielleicht nie gesagt wurde. Es kann sich auch anders anhören: »Nein, nein, es macht uns nichts aus, wenn du nicht zu Besuch kommst, dann besorgen wir halt keinen Baum, für uns allein lohnt sich das ja nicht.« Oder: »Ich verstehe ja, dass du es mit deinen Freunden aufregender findest als mit uns« - die Bedeutung ist immer die gleiche: Geht?s eigentlich noch undankbarer?
Kaum haben wir uns von zu Hause emanzipiert und in dem Glauben eingerichtet, wir könnten unser eigenes Leben leben, stehen die Eltern wieder auf der Matte und wollen beschäftigt werden. Wenn man bis Mitte zwanzig studiert hat, bleiben einem nur fünfzehn bis zwanzig Jahre, bis die Eltern aus dem Berufsleben ausscheiden und damit einen großen Teil ihres sozialen Umfelds verlieren. Dann fixieren sie sich auf die Menschen, mit denen sie sich am engsten verbunden fühlen und die wichtigste Zeit ihres Lebens verbracht haben: ihre Kinder.
Und irgendwie haben sie ja auch Recht. Sie haben eine Schwangerschaft durchgestanden, eine schmerzhafte Geburt, viele schlaflose Nächte, Kackegeruch in Windeln und den Gegenwert eines Reihenhauses in uns investiert. Im schlimm sten Fall sind sie wegen uns über das Verfallsdatum ihrer Liebe hinaus zusammengeblieben, oder wir haben mit unserem Auszug eine Leere in ihrem Leben hinterlassen, die sie gegenseitig nicht füllen können.
Für all das können wir natürlich nichts. Wir haben es uns nicht ausgesucht, geboren zu wer den, sind also nicht für die Sorgen und Probleme unserer Eltern verantwortlich. Wir haben nicht verlangt, dass sie für uns auf etwas verzichten, und wenn man sich junge Eltern genau ansieht, merkt man schnell: Die sind verknallt in ihr Baby. Sie lieben ihr Kind oft mehr als ihren Partner, und wer wirklich liebt, der gibt alles, ohne Gegenleistungen zu erwarten. Die meisten Eltern erinnern sich präzise an den Moment, als sie ihr Kind zum ersten Mal alleine zu Hause gelassen haben. Es gibt unzählige Familiengeschichten darüber, wie Eltern ihren Urlaub abgebrochen oder eine Theatervorstellung zur Pause verlassen haben, weil sie lieber wieder bei ihrem Kind sein wollten. Eltern erleben die Zeit mit ihrem Kind in dem Bewusstsein, dass diese Phase ihres Leben im Rückblick einmal besonders gewesen sein wird. Das ist der Zauber, den Nichteltern nur schwer nachvollziehen können. Wenn man hinterher aufrechnet, ist das nicht nur unfair, man entwertet diese Phase auch rückwirkend. Eltern machen das natürlich nicht absichtlich. Sie tun es, weil sie Liebeskummer haben und kein anderes Mittel finden, ihre Kinder weiter an sich zu binden. Und sie treffen dabei auf einfache Opfer.
Denn die Kinder spüren ein komplexes Geflecht von Verbindlichkeiten, die gesellschaftlich und emotional verankert sind. Wir bemerken unerwartet früh in unserem Leben, dass wir auch Verantwortung für unsere Eltern tragen. In den zehn Geboten steht: »Du sollst Vater und Mutter ehren.« Dazu gibt es eine Sachebene, die juristisch mit dem Begriff »Verwandtenunterhalt« definiert wird. Das bedeutet, dass nicht nur Rocco Stark, der unberühmte Sohn von Uwe Ochsenknecht, seinen Vater auf Unterhalt verklagen kann, weil er die Schauspielschule besuchen möchte, während seine beiden Brüder zu Stars gemacht werden. Es bedeutet auch, dass Kinder für ihre Eltern zahlen müssen, wenn diese Schulden machen oder in ein Heim müssen und für den Lebensabend nicht genügend vorgesorgt haben. Die Sozialämter klagen das Geld dann von den Kindern ein, die in einem Umfang haften, der laut Urteil des Bundesgerichtshofes nicht »für die eigene allgemeine Lebensführung benötigt wird« oder »der angemessenen eigenen Altersvorsorge dient.« Das statistische Bundesamt gibt außerdem an, dass 2007 von 2,2 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland nur 31,6 Prozent in einem Heim untergebracht werden. 22,4 Prozent bleiben zu Hause und werden von einem ambulanten Pflegedienst versorgt. Die Mehrheit, 46 Prozent, wird von Angehörigen betreut. Es kommt in den besten Familien vor, dass man sich für das Wechseln von Windeln irgendwann mal ganz konkret revanchieren kann.
Doch wenn sich die Abhängigkeiten und Verbindlichkeiten in der lebenslangen Verbindung mit unseren Eltern verändern, muss auch die Beziehung selber neu überprüft werden. Die Kinder werden erwachsen, die Erwachsenen werden alt, und wenn man zwischendurch eine Abnabelung geschafft hat, lernt man die Eltern plötzlich als stinknormale Menschen kennen, die mit ihren eigenen Neurosen, Eitelkeiten und Unzulänglichkeiten zu kämpfen haben. Es ist kein schöner Moment festzustellen, dass Papa nicht allwissend ist, sondern vor allem Recht haben will. Und es macht keine Freude zu erkennen, dass die Mühen und Entbehrungen, die Mama wegen uns angeblich zu erleiden hatte, in Wahrheit nur ihre Art sind zu sagen: Beachte mich.
Unsere Eltern sind alt, solange wir denken können. Wenn wir aber das Alter erreichen, in dem wir so alt sind, wie sie bei unserer Geburt, fällt uns erst auf, wie jung sie damals waren. Wie ahnungslos und unvorbereitet auf das, was sich mit unserer Ankunft in ihrem Leben verändern würde.
Es gibt so viele unangenehme Eltern, wie es unangenehme Menschen gibt. Und in manchen Familien wird das Blutsband missbraucht, für den Narzissmus der Erzeuger. Eltern schicken ihre Kinder auf die Eislaufbahn oder zu Castingshows, um sie möglichst früh auf den harten Wettbewerb des Lebens ein zustimmen. Oder sie benutzen sie als Claqueure, wenn sie sonst schon niemanden beeindrucken können. Das ist tragisch, aber es ist eben genau das Gegenteil von unmenschlich. Doch was auch immer die Eltern verbocken, sie können die Liebe ihrer Kinder damit nicht abtöten. Selbst wenn sie in Zorn oder Trauer umschlägt, bleibt es Liebe. »Das existenziellste Datum eines Menschen ist seine Geburt«, erklärt der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Bergmann, »dieser Vorgang spiegelt sich in unserer Seele, dort wo selbst das Unbewusste kaum hinreicht. Und natürlich schulden wir unseren Eltern etwas: Wir schulden ihnen unser Leben.« Wolfgang Bergmann hat seine Praxis in Hannover, einer Stadt, die in vielerlei Hinsicht den Durchschnitt Deutschlands darstellt. In einer Ecke sitzen ein paar Puppen, Spielzeug steht auf seinem Schreibtisch, und er trägt die Erkenntnisse aus vielen Jahren Therapieerfahrung mit Kindern und Eltern im Basston eines Geschichtenerzählers vor.
»Der Kern unseres Selbst, unserer Freude und Traurigkeit, unsere Fähigkeit zu verzeihen oder unsere Neigung zu misstrauen - in all dem stecken die verinnerlichten Bilder von Mama und Papa. Sie werden Ihre Eltern deswegen ein Leben lang nicht los, ob Sie das wollen oder nicht.«
Umgekehrt gehört es zur Tragik des Elternseins, dass sie sich von dem Menschen, den sie am allermeisten lieben, trennen müssen. Manchen Eltern fällt das leichter, wenn sie etwas haben, womit sie die aus der Trennung entstehende Traurigkeit bekämpfen können. Wenn sie sich gegenseitig noch lieben und etwas mit ihrem eigenen Leben anzufangen wissen. Andere Eltern spüren nur den Verlust und klammern sich an ihre Kinder.
Wir denken dann, wir müssten uns von unser en Eltern entfernen, um ein größeres, freieres Ich zu werden, aber dabei flüchten wir im Kreis. »Sigmund Freud wusste schon, dass
Weil wir unsere Eltern lieben, sind wir enttäuscht, dass sie nicht so sind, wie sie sein sollten
das ?Ich? nicht Herr im Haus ist«, erklärt Bergmann. »Wenn wir ehrlich zu uns sind, dann sind Mama und Papa nicht nur zwei Relikte, die unter dem Weihnachtsbaum auf uns warten, sondern die zwei Menschen, die uns mehr lieben als irgendjemand sonst auf der Welt. Und unser Bedürfnis, geliebt zu werden, bindet uns lebenslang an die Eltern.«
Wir haben ein schlechtes Gewissen, weil wir glauben, Mutter und Vater seien traurig, wenn wir sie nicht besuchen. »Aber es liegt auch daran, dass wir ein Leben lang eine tiefe, unbewusst pochende Sehnsucht nach Mama haben. Schon im Mutterleib machen wir die Menschheitsgeschichte mit, und wenn wir auf die Welt kommen, sind wir bereits so geprägt von unseren Eltern, dass wir uns später nur noch aussuchen können, ob wir trotz oder wegen ihnen so werden, wie wir sind. Die se Sehnsucht rührt sich, wenn wir unabhängig sein wollen. Wir geraten in einen Konflikt.« Und es ist ein menschlicher Vorgang, einen inneren Konflikt nach außen zu verlagern - »wir schieben die Schuld dann auf die Eltern.« Das Problem ist also nicht, dass wir an Weihnachten nicht nach Hause wollen, sondern dass wir nach Hause wollen. Nur hätten wir unsere Eltern gerne anders, als sie sind. »Gerade weil wir unsere Eltern lieben, sind wir enttäuscht, dass sie nicht so sind, wie wir sie uns wünschen «, sagt Bergmann.
Wir sitzen also um den Baum herum, packen Geschenke aus, für die im Keller kaum noch Platz ist, und hoffen darauf, dass sich irgendwann mal etwas ändert. Wir fragen uns, warum Menschen, die uns so nah sind, uns so schlecht kennen, dass sie uns einen CD-Ständer in der Form eines Wolkenkratzers schenken. Wir wundern uns, dass Mama sich auch nach vielen Jahren nicht merken kann, dass wir Vegetarier sind, und stattdessen enttäuscht ist, wenn nicht aufgegessen wird, auch wenn man die Nationalstaffel der Gewichtheber mit dieser Aufgabe betrauen müsste. Wir fahren an einen Ort, an dem unsere Wünsche und unser Wort weniger Gewicht haben als sonst irgendwo auf dieser Welt, und lassen uns freiwillig diskriminieren.
Das ist seit Generationen so und wird sich wohl auch nicht ändern, obwohl jede neue Generation sich vornimmt, es anders zu machen. Aus dem Paradox zwischen unverbrüchlicher Liebe und unterschiedlichen Lebensentwürfen gibt es kein Entkommen, und gerade an Weihnachten hat es ja auch was Tröstliches, dass die Dinge genauso bleiben, wie sie sind. Das schafft die Möglichkeit, Veränderungen an sich selbst zu beobachten.
Nur wenn jedes Weihnachten wieder eine Kata strophe aufzieht, sollte man sich fernhalten. »Wenn man hinterher monatelang geschafft ist, weil die Eltern ihre Trennung vom Kind ohne Liebesentzug oder Kränkung nicht hinbekommen und daraus ein Drama machen, dann muss man sich in Sicherheit bringen«, erklärt Wolfgang Bergmann.
Man kann das prüfen, indem man seinen Eltern erklärt, dass das persönliche Lebensglück davon abhängt, dass man mit dem Partner woanders hinreist. Oder Weihnachten an einer Südpol-Expedition teilnehmen möchte. Großzügige Eltern werden sich eher für das Glück ihres Kindes als für die eigenen Wünsche interessieren. Und da Großzügigkeit, wie Glück, einer jener Werte ist, die wachsen, wenn man sie verschwendet, werden sie dafür belohnt. Höchstwahrscheinlich werden diese Eltern spätestens im Januar freiwillig von heimwehgeplagten Kindern besucht.
Schließlich reicht das Band, welches uns zusammenhält, auch umgekehrt durch unser Leben. Solange unsere Eltern da sind, fühlen wir uns abgesichert. Wenn einer der beiden oder gar beide sterben, erschüttert uns das stärker als alles andere, denn dann ist nichts mehr zwischen uns und dem Ende.
Vielleicht werden wir selber Eltern, sicher aber werden wir älter. Bis zum Jahr 2050 soll der Anteil der über 60-Jährigen an der Gesamtbevölkerung von heute 25 Prozent auf 37 Prozent steigen. Das sind alle, die heute über neunzehn Jahre alt sind und dann noch leben. Wir stellen dann mehr als ein Drittel der Bevölkerung.
Wenn wir mit 78 in Rente gehen, werden wir uns damit beschäftigen, die verschrumpelten Tätowierungen rauslasern zu lassen, rollerbladen, noch mal studieren und unser Geld lieber selber durchbringen, als es zu vererben. Aber die Alten, die wir sein werden, haben bestimmt auch Sehnsucht nach ihren wenigen Kindern. Wir werden sie lieben und nerven und an Weihnachten weghören, wenn sie darüber klagen, wie anstrengend das Beamen geworden ist oder dass auf der Strecke zu uns viel zu wenig Ladestationen für Elektroautos auf gestellt wurden. Wir werden uns daran erinnern, wie jung und undankbar wir in ihrem Alter waren und uns dann darauf freuen, was sie wohl für ein Gesicht machen, wenn sie den nützlichen Raumluftfilter auspacken.
»Ich habe oft das Gefühl, sie im Stich zu lassen«
Florian Siebeck (20): »Als ich fürs Studium weggezogen bin, dachte ich noch, dass ich auf jeden Fall nach Berlin zurückkommen würde. Doch dann habe ich angefangen wie ein Verrückter zu reisen. Wo ich in zwei Jahren sein werde? Vielleicht auf Weltreise, vielleicht als Fotograf in Afrika. Ich will noch viele neue Menschen und Lebensentwürfe kennen lernen. Dass es mich so in die Ferne zieht, macht mir oft ein schlechtes Gewissen: Schon jetzt bin ich selten bei meinen Eltern. Wie wird das erst, wenn ich für mehrere Jahre im Ausland lebe? Meine Eltern betonen oft, wie stolz sie auf mich sind. Trotzdem habe ich das Gefühl, sie im Stich zu lassen.«
Bernd Siebeck (56): »Das Haus war plötzlich so furchtbar leer, als Florian weggezogen ist. Da ist schon die eine oder andere Träne gekullert. Wenn er dann mal hier ist, muss ich ihn als Erstes ganz fest drücken. Klar fehlt mir der Junge. Aber meine Frau und ich sind unglaublich stolz auf ihn. Er ist immer auf Achse und sehr zielstrebig. Als er angekündigt hat, für ein Praktikum nach Peking zu gehen, haben wir keine Sekunde an seiner Entscheidung gezweifelt. Wenn mein Sohn im Ausland ist, tut mir das als Vater schon weh. Aber man kann die jungen Leute doch nicht festnageln! Florian will die Welt entdecken, und ich gönne ihm das.«
»Lieber selten treffen - anstatt oft und auf Zwang«
Anna Mohn (27): »Ich fahre gern an Weihnachten heim. Ich lade meine Eltern sogar zu meinem Geburtstag nach Berlin ein. Nicht weil ich das irgendwem schuldig wäre, sondern weil es mir Spaß macht. Das liegt sicher daran, dass sie nie Druck aufgebaut haben.«
Bärbel Mohn (49): »Die Kinder wohnen in Berlin, sie kommen nur etwa alle drei Monate zu Besuch - dafür bleiben sie dann meist eine Woche. Wenn man sich nicht ständig auf der Pelle hängt, weiß man die gemeinsame Zeit umso mehr zu würdigen.«
Jacob Mohn (23): »Als Kind kam ich mir benachteiligt vor, weil ich keinen eigenen Fernseher bekam und Vollkornbrot mit Käse anstelle von Brötchen mit Nussnougatcreme. Heute bin ich dankbar dafür, dass ich meine Kindheit nicht vor dem Fernseher verbracht habe und in der Lage bin, mir selbst etwas zu essen zu machen.«
Achim Mohn (50): »Wenn die beiden mal selbst Kinder kriegen, wäre es schön, sie wieder hier in der Nähe zu haben. Aber wenn sie aus beruflichen Gründen in Berlin bleiben wollen, könnte ich mir sogar vorstellen, selbst dort ins Umland zu ziehen.«
»Sie verfällt gern wieder in die Mutterrolle«
Gerd Hermes (32): »Wir kommen aus einer katholischen Gegend, Schuld und Sühne sind mir also theoretisch ein Begriff - aber nicht in der Familie. Wenn ich meine Mutter besuche, dann immer, weil ich selbst Lust dazu habe. Sie verfällt dann gerne wieder in die Mutterrolle: Ehe man nachts nicht zu Hause ist, kann sie nicht einschlafen. Das ist einerseits ein bisschen anstrengend - aber bemuttert zu werden, kann ja, gerade wenn es nicht mehr selbstverständlich ist, auch schön sein.«
Magda Hermes (60): »Als Gerd mit neunzehn wegzog, war das zum Glück nicht der Weltuntergang - was wohl auch daran liegt, dass ich noch vier weitere Kinder habe. Ich habe mich sogar gefreut, dass ich wieder mehr Zeit für mich hatte. Und als ich mit Krebs im Krankenhaus lag, war er sofort da. Bei einem seiner Besuche am Krankenbett habe ich gesagt: Wäre das nicht schön, wenn wir mal zusammen nach Langeoog führen? Er hat sofort begeistert »Ja« gesagt, damit hatte ich wirklich nicht gerechnet. Ich glaube, wenn die Kinder erwachsen sind, haben sie viel eher den Kopf frei für ein entspanntes Verhältnis zu ihren Eltern - als Jugendliche haben sie ja schon genug mit sich selbst zu tun.«
»Wir wollen zusammen ein Wohnprojekt gründen«
Teresa Schüler (27): »Wenn ich anderen erzähle, dass ich mit meiner Mutter zusammen ein Schablonengeschäft betreibe, ist die Reaktion oft Entsetzen. Aber es klappt wunderbar. Wir haben uns seit etlichen Jahren nicht mehr gestritten - was nicht heißt, dass ich der Typ bin, der Dinge in sich reinfrisst: Ich hatte schon als Kind das Gefühl, geliebt und respektiert zu werden. Wenn es ein Problem gibt, spricht man darüber und versucht, die Position des anderen zu verstehen. Ich könnte mir gut vorstellen, später mal mit meiner Mutter ein Hotel zu eröffnen und im selben Haus oder nebendran ein Mehrgenerationenwohnprojekt zu gründen.«
Hella Schüler (64): »Als Teresa klein war, musste ich mich manchmal schon schwer zusammenreißen: Sie war sehr waghalsig, und ich hatte ziemlich häufig Angst, dass sie irgendwo runterfällt und sich was bricht. Aber ich habe mich bemüht, sie meine Angst nicht spüren zu lassen, und ich glaube, das war gut so. Sie ist ein sehr selbstständiger Mensch, sehr selbstbewusst. Ich wollte auf keinen Fall, dass sie so aufwächst wie wir damals - wir mussten uns in Gegenwart von Erwachsenen vor allem ruhig und gehorsam verhalten. Ich hoffe sehr, dass ich im Alter fit bleibe, damit das mit unserem gemeinsamen Wohnprojekt klappt.«
»Eine andere Art von Liebe«
Tennisprofi TOMMY HAAS wurde von seinen Eltern früh auf eine große Karriere vorbereitet. Fühlt er sich zu Dank verpflichtet?
Interview: Tobias Zick
Was machen Sie an Weihnachten, Herr Haas? Da werde ich mit meiner Verlobten in L.A. sein, bei ihrer Familie.
Und Ihr Vater ist nicht enttäuscht, dass Sie sich nicht daheim blicken lassen? Natürlich hätte meine Familie mich gern zu Hause in München. Aber die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr ist eben die Zeit, in der ich mich auf die Australian Open vorbereiten muss - da hätte meine Familie ohnehin nicht viel von mir. Inzwischen haben sie sich dran gewöhnt, sie akzeptieren und verstehen es. Und irgendwann ist meine Tenniskarriere ja auch vorbei, dann werden wir das alles, so gut es geht, nachholen.
Lieben Sie Ihren Vater? Es ist jedenfalls eine andere Art von Liebe als die Liebe für meine Mutter. Sie ist die typi sche, umsorgende Mutter; wenn ich bei ihr bin, muss ich ihr immer sagen: Relax mal ein bisschen, du musst nicht immer fragen, was es am nächsten Tag zum Mittag geben soll, nicht pausenlos aufräumen. Sie legt mir noch heute manchmal kleine Briefe in die Tasche, die finde ich erst Tage später, wenn ich unterwegs auf Turnieren bin: wie schön die Zeit mit mir war, wie sie mich vermisst. Mit mei nem Vater ist es ein anderes Verhältnis: Er hat verdammt hart dafür gearbeitet, dass wir unsere Träume verwirklichen können.
Etwa, indem er schon früh ein Geschäfts modell auf Sie aufbaute: Fünfzehn Investoren konnten in die Finanzierung Ihrer Ausbildung einsteigen, dafür sollten sie an Ihren späteren Preisgeldern beteiligt werden. Haben Sie ihm nie übel genommen, dass er Sie mit allen Mitteln zum Tennisprofi machen wollte? Ich wollte es selbst, und er hat immer gesagt: Hey, du hast das Talent, wir werden alles dafür tun, dass es klappt. Ich bin ihm äußerst dankbar, dass er mich so unterstützt hat. Natürlich war er auf dem Tennisplatz nicht immer nur der liebe Vater, und das geht auch gar nicht. Ich sehe manchmal Jugendliche auf dem Platz, die haben offenbar die Vorstellung, wenn man mit zwölf anfängt und zwei, drei Jahre ein bisschen härter trainiert, dann wird man Profi. Die leben alle in einer Illusion.
Andre Agassi erzählt, er und Steffi Graf seien beide »im Griff ihrer Väter« gewesen. Es fing schon damit an, dass sein Vater ihn als Baby unter ein Mobile aus Tennisbällen legte. Ich lese gerade Agassis Buch, und an vielen Stellen muss ich schmunzeln: Wie ähnlich sich viele Tenniseltern doch sind! Aber wenn man Profi werden will, muss man eben die Art von Trainer-Coach-Vater haben, der eine gewisse Disziplin von einem verlangt. Für einen Jungen von vier, fünf Jahren ist es sicher manchmal auch sehr hart, da durchzugehen. Ich wusste schon damals mit einem Blick in die Augen meines Vaters, was er von mir denkt und erwartet. Aber der Tennisplatz war eben auch der Ort, wo ich so viel Lob und Dankbarkeit von meinem Vater bekommen habe wie nirgends sonst.
Welche Eigenschaften haben Sie von Ihrem Vater geerbt? Den Ehrgeiz und die Disziplin hat er von seinen eigenen Eltern, aber er ist bei all dem ein äußerst positiver Mensch geblieben. Ich glaube, da bin ich ihm sehr ähnlich. Er ist einer, der sehr früh aufsteht und sagt: Okay, jetzt machen wir dies und das, und wenn man selbst ein paar Minuten länger braucht, gibt es gleich ein bisschen Stress. Diese Ungeduld habe ich, glaube ich, auch von ihm: Neulich habe ich mich selbst in einer Situation erwischt, da war meine Verlobte morgens nicht gleich fertig, und mich hat das rasend gemacht. Was uns unterscheidet: Ich bin im Zweifel mit meiner Meinung zurückhaltend - er ist sehr direkt und ehrlich, manchmal ein bisschen zu ehrlich.
»Ich bin noch heute nicht der Typ, der jeden Tag zu Hause anruft«
So wie damals, als er öffentlich über Ihre Exfreundin Sandy Meyer-Wölden herzog, sie sei arrogant und habe ein »unmögliches soziales Verhalten«? Tja, Vater und Mutter halten natür lich Ausschau, mit wem man zusammen ist, und wenn man in einer Beziehung ist, sieht man manche Dinge nicht, die Eltern, Geschwister und Freunde sehen. Mein Vater sagt dann offen, was er über andere Leute denkt, ob man das mag oder nicht. Das ist ihm völlig egal. Damit macht er sich natürlich nicht immer nur Freunde.
Wozu fühlen Sie sich Ihrem Vater gegenüber heute verpflichtet? Ich habe nicht das Gefühl, dass ich ihm gegenüber zu etwas verpflichtet wäre. Ich bin sehr gerne bei meinen Eltern, wir genießen die Zeit, die wir miteinander haben, und ich bin natürlich derjenige in der Familie, der finanziell am ehesten in der Lage ist, die anderen zu unterstützen. Ich helfe ihnen, wo es geht - aber nicht aus Pflichtgefühl.
Vor acht Jahren hatten Ihre Eltern einen schweren Motorradunfall. Was haben Sie da empfunden? Meine Exfreundin war zufällig am Unfallort vorbeigefahren, sie rief mich an, unter hysterischem Weinen: Deine Eltern liegen auf der Straße, völlig reglos. Ich bin zum Krankenhaus gerast, wo sie mit dem Helikopter hingebracht werden sollten. Da stand ich dann, schaute hinauf und wusste: In dem Helikopter liegen deine Eltern, niemand weiß, ob sie überleben werden. Normalerweise kann ich, wenn ich kurz vor dem Weinen stehe, das eigentlich sehr gut kontrollieren. Aber in dem Moment sind mir zum ersten Mal einfach die Tränen rausgeschossen.
Ihr Vater lag dann drei Wochen im Koma. Ja, ich bin jeden Tag zu ihm hin, um auf ihn einzureden, ihm Musik vorzuspielen. Ich werde nie vergessen, wie er zum ersten Mal die Augen wieder aufmachte und meine Schwester und mich anschaute. Er hat zunächst nur wirres Zeug geredet - aber jedes einzelne Wort hat uns zum Lachen gebracht und Mut gemacht.
Wie hat dieses Erlebnis Ihr Verhältnis zueinander verändert? Mir ist in der Zeit erst so richtig bewusst geworden, wie wichtig es mir ist, dass sie noch da sind; wie viele Sachen in meinem Leben ich noch mit ihnen gemeinsam erleben will. Ich bin noch heute nicht der Typ, der jeden Tag zu Hause anruft, aber wir halten zumindest per E-Mail eigentlich immer Kontakt - allein schon um zu wissen, wie es dem anderen geht. Und wenn wir uns sehen, versuchen wir, jeden Moment miteinander zu genießen, so gut es geht - man weiß schließlich nie, wie das Leben noch spielt.
Wenn Sie selbst mal Kinder haben - was für ein Vater wollen Sie sein? Ich habe jedenfalls nicht vorab schon Vorstellungen, was aus den Kindern mal werden soll. Ich werde versuchen, es relaxt anzugehen, die Zeit in den jungen Jahren mit ihnen zu genießen. Und dann mal schauen, was für Talente sie haben und was sie interessiert - darin will ich sie unterstützen, so gut es geht. Ich hoffe jedenfalls, dass sie meine guten Gene abbekommen. Was auch immer sie dann draus machen wollen.




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