derHalbstarke 29.10.2012, 12:17 Uhr 18 29

Bumsen mit Oma

Bumsen?!?

Oma war ne klasse Frau. Nicht nur, dass sie mit ihren strammen 76 Jahren noch ziemlich zackig zu Fuß war, nein, auch was so kopfmäßig bei ihr abging, passte damals Mitte der Siebziger nicht gerade in das Bild einer spießig konservativen Großmutter, die strickend im Ohrensessel saß und zur Blasmusik der „Original Egerländer Musikanten“ flötete. Mitnichten, sie verabscheute jegliche Art von Volksmusik und da mussten schon Musiker der Sorte Bill Haleys oder Elvis’ ran, um Omas Hüfthalter in Schwingungen zu bringen. Und selbst den, also den Hüfthalter, konnte sie nicht ausstehen, hielt ihn aber angesichts der Tatsache, dass ihr Hintern gefälligst „nicht in den Kniekehlen zu schlackern“ hatte, rein optisch gesehen für eine leidige Notwendigkeit, die sie grummelnd in Kauf nahm und dies besonders dann, wenn sie zum Tanzcafe ging. „Schließlich will so ein Kerl beim flotten Foxtrott bittschön knackig grapschen“, wie sie zu sagen pflegte.

Überhaupt hatte Oma es mit den Männern. Sie war der absoluten Meinung, dass, nur weil Opa meinte längst vor ihr das Zeitliche segnen zu müssen, sie ja deshalb nun nicht die vertrocknete Witwe geben musste, man lebe ja nur einmal und genau das würde sie auch bis zum finalen Umkippen tun. Basta. Dass Oma mit ihren Ansichten, mit ihrer Art Lebensweise nicht unbedingt bei allen auf Gegenliebe stieß, besonders was die Leutchens ihres Jahrganges betraf, ging ihr ziemlich am miedereingepressten Hintern vorbei und es bereitete ihr geradezu diebische Freude, bei jeder sich bietenden Gelegenheit noch einen draufzusetzen. Sicherlich war sie kein „loses Ding“, wie ihre schandmäuligen Altersgenossinnen hinter vorgehaltener Hand zu tuscheln beliebten, wenn Oma keck das Tanzbein schwang, aber sie war eine selbstbewusste Frau mit Herz und Klappe und weigerte sich partout in den Zwängen irgendwelcher auferlegten Konventionen zu leben. „Ich hab in diesem beschissenen Krieg fünf meiner Kinder verloren und selbst diesen verdammten Irrsinn überlebt, mir soll keiner kommen und mir was vom Leben erzählen!“, so ihre Einstellung, die wir Kinder und besonders ich sehr bewunderten.

Nein, Oma war das Beste was man in Sachen „Oma“ haben konnte. Immer ein Lachen parat, immer Herzenswärme und Güte ausstrahlend und immer zu sich selbst und ihren Dingen stehend, von denen sie überzeugt war. Und es war nicht so, dass sie gar versuchte anderen ihre Sichtweise, ihre Meinung aufzudrücken, nein, leben und leben lassen war ihre Devise – und wer sie nicht so leben lassen wollte wie sie es für richtig hielt – und das, ohne andere damit zu belasten oder besser, zu beeinflussen, der könne sie mal getrost im Mondschein besuchen. Und das fand ich besonders klasse. Natürlich hatte Oma, mal ganz liebevoll gesagt, nen Knall – aber gerade das machte ihr unglaubliches Charisma aus. Egal ob wir mit ihr „Mensch ärgere dich nicht“ spielten, oder ob sie mal wieder im Clinch mit der Nachbarin lag, weil sie laut Hausordnung die Treppe zum zigsten Mal zu putzen vergessen hatte – der Schalk funkelte immer aus ihren grau-grünen Augen. „Wer sich selbst zu ernst nimmt, sollte sich beim Kacken mal im Spiegel betrachten, da relativiert sich so einiges…“ – nun, Oma war nicht nur zuweilen recht derbe, sie war ebenso eine ausgesprochen kluge Frau.

Apropos „Ernst“ und um wieder auf das eigentliche Thema zurückzukommen, nämlich „Oma und die Kerle“ – ich erinnere mich noch wie heute an den frühen Morgen im Jahre 1976, als „Ernst“ mit zersaustem Grauhaar und nur mit einer Bettdecke, nämlich Omas, bekleidet in unserer Küche stand und dabei war, für sie einen starken Kaffee zu brühen. Oma hatte Ernst, der sechs Jahre jünger und ebenso verwitwet war, am Abend zuvor im besagten Tanzcafe kennen gelernt – und abgeschleppt. Dass Oma in ihrem eigens für sie reservierten Zimmer im ersten Stock unseres damaligen Hauses machen konnte, was sie wollte war klar, wenn sie mal wieder für ein paar Tage zu Besuch kam – nur, Muttern hatte nun nicht damit gerechnet, dass Oma in ihrem Alter noch Herrenbesuch empfangen würde und schon gar nicht über Nacht. Während ich feixend am Frühstückstisch saß und Herrn Ernst dabei beobachtete, wie er einerseits Haltung wahrend mit der Bettdecke ums Bedecken seiner Dinge bemüht war, und andererseits versuchte, Oma ein ansehnliches Kaffeegedeck für eine Dame ihres Standes hinzubekommen, knallte meiner Mutter angesichts dieses Szenarios die sprachlose Klappe aufs Dekolleté – was sie dennoch nicht davon abhielt, weniger sprachlos sondern lauthals nach Oma zu rufen, die gefälligst sofort runter zu kommen hatte.

„Hör auf zu feixen!“ fuhr sie mich wütend an, also Muttern, als Oma mit derangierter Frisur aber korrekt sitzendem Hüfthalter – natürlich züchtig bedeckt, in die Küche getrabt kam und so tat, als könne sie kein Wässerchen trüben. Ernst zwar leicht bedröppelt und ich schwer weiter feixend – saßen wir Jungs nun nebeneinander einträchtigerweise auf der Küchenbank und amüsierten uns köstlichst über das Mutter-Tochter-Gekeife über Moral und Anstand und sowieso, immerhin sind Kinder im Haus und überhaupt, so geht das nicht und so weiter, das darin gipfelte beziehungsweise damit endete, dass Oma lapidar meinte „…bumsen hält fit mein liebes Kind und das täte dir auch mal wieder gut zu Gesichte stehen. Sonst wächst dir am Ende noch ein Damenbart!“

Außer dem nach Luft schnappen Mutterns: Stille

Die verdatterte Situation nutzend, schnappte sich Oma im schnappenden Gegenzug Ernst und verschwand ohne ein weiteres Wort mit ihm die Treppe hinauf zurück in ihr Zimmer. Nachdem sie ihre Tür mit einem lauten Knall ins Schloss hatte knallen lassen, blieben meine Mutter und ich zunächst schweigend in der Küche zurück. Sie glotzte, ich glotzte, wir glotzten uns an:

„Mama, was ist denn bumsen?“

„Raus!!!“

Da war die nächsten Tage erst mal Sense mit Kommunikation. Hatte ich schon erwähnt, dass ich Omma vergötterte?

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18 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Yo Omma, hat mal was Wahres gesagt:)

    26.01.2013, 10:23 von Emil_Empire
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  • 0

    Wunderbar geschrieben und wunderbare Oma :)

    11.11.2012, 15:04 von PinkParticle
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  • 0

    "Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad..."

    EIne tolle Oma hast du!

    04.11.2012, 11:35 von Hildegardt
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Sex ist doch kein Privileg der Jugend und des Mittelalters.Der Wunsch nach Zärtlichkeit wird mit dem Rentenantrag nicht abgehakt. Und das Reden über Sex im Alter ist gesellschaftsfähig geworden. Angesichts des demografischen Wandels wird sich da wohl noch einiges wandeln.

    31.10.2012, 17:57 von limpstone
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  • 1

    schon nach dem ersten absatz: mag ich! 

    30.10.2012, 20:10 von panccake
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  • 1

    super-omma!

    30.10.2012, 19:36 von lavish
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  • 0

    Omma sagt danke, mit nem Knicks, versteht sich. ^^

    30.10.2012, 13:58 von derHalbstarke
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  • 1

    hach. dat mag ich. und deine omma.

    30.10.2012, 13:54 von YOLK
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  • 0

    Hihi, hoffentlich hat sie die Pille genommen

    29.10.2012, 22:03 von EliasRafael
    • 0

      Also wirklich, dafür gabs doch damals Lümmeltüten, tsssss! ^^

      29.10.2012, 22:07 von derHalbstarke
    • 0

      MIt Muckefuck Geschmack, lecker

      29.10.2012, 22:13 von EliasRafael
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  • Links der Woche #35

    Diesmal u.a. mit dem bestangezogensten Obdachlosen, kiffenden Omas und jeder Menge fotogener Füchse in der Arktis.

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