Brief an den Vater
Wir haben uns nie gstritten. Das war aber auch wie unmöglich. Schließlich war ich damals Vier.
Seitdem haben wir uns nicht mehr gesehen. Es ist komisch, ich kann mich an kein anderes Treffen mit Dir erinnern, obwohl ich weiß, dass wir uns gar nicht so selten gesehen haben. Damals. Ich dachte, wir würden nach Leningrad ziehen. Das meinte Mama damals zu mir, um unsere Ausreise nicht zu gefährden. Du weißt es ja auch, dass das damals nicht legal war. Du hast gewartet, bis die Sowjetunion sich auflöste, dann bist Du in die USA ausgewandert. So hat man es mir erzählt. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Ich weiß gar nichts über Dich. Ich kenne nur Geschichten über Dich. Geschichten, ein Foto und die Erinnerung an unser letztes Treffen. "Kommst Du mich in Leningrad besuchen", fragte ich Dich. "Natürlich", meintest Du. Und mehr weiß ich nicht. Du warst in etwa so alt wie ich jetzt, als Mama und Du geheiratet haben. Es gibt ein Foto davon, ich sehe heute so aus wie Du damals. Mit einem Unterschied: Ich habe die Augenfarbe meines Opas und seine Haare. Nicht Dein Vater hat mich geprägt, der meiner Mutter war es. Obwohl es Dein Vater war, der mir seinen Namen gab, weil er 24 Tage vor meiner Geburt starb. Ich bin Dir heute nicht mehr böse. Ich verstehe Dich nur nicht. Du hast Dich nie bei mir gemeldet. 20 Jahre lang nicht. Heute bist Du mir eine vollkommen fremde Person. Ich weiß nicht, ob Du ebenso wie ich Musik oder Fußball liebst. Ich weiß nicht, ob ich gewisse Eigenschaften von Dir übernommen habe. Es hat mir nie an etwas gefehlt. Wo ich Dich gebraucht hätte, war Opa da. Er hat mir Schwimmen und Fahrrad fahren beigebracht. Er war mir, bis ich 12 wurde, ein guter Vater. Dann brauchte ich keinen mehr. Dann entwickelte ich meinen eigenen Kopf. Habe ich das von Dir? Meine Oma sagte früher häufig, dass ich meinen schwierigen Charakter von Dir habe. Wenn das stimmt, ist es vielleicht besser, dass wir nie aneinander geraten sind. Heute bin ich ruhiger. Ich habe eine Freundin, die ich liebe, ein gar nicht so schlechtes Verhältnis zu meiner Mutter und die besten Großeltern der Welt. Ich wollte Dir nur sagen, falls Du das irgendwann mal lesen wirst, was unwahrscheinlich ist, dass Du kein schlechtes Gewissen zu haben brauchst. Ich bin erwachsen, und mir geht es gut. Nur melde Dich bitte niemals bei mir. Ansonsten hoffe ich, dass es Dir gutgeht.






Kommentare
Du scheinst mit der von dir beschriebenen Person abgeschlossen zu haben...was der vorletzte Satz ja eindeutig zeigt. Ich frage mich nur, ob du das auch wirklich überzeugt meinst? Mit der Hoffnung, "dass es Dir gutgeht", erscheint es mir so, als hättest du gerne eine Antwort von ihm...aber vielleicht täusche ich mich auch. P.S. Ich habe mit Interesse gelesen!
15.01.2004, 17:15 von SenSation