Blut zu Wasser
Oma Martha ist gestorben. Scheiße. Ich fühle nichts
Es klingelt an der Tür.
Ich sitze gerade auf meinem Fensterbrett und starre auf die Straße, die kaum noch zu sehen ist. Das Sonnenlicht ist durch die kahlen Bäume hindurch längst abgehauen. Ich zähle Autos, feure Passanten an, zähle die Minuten. Es ist ein Tag, der mir nichts gebracht hat bis jetzt. Und auch noch nichts genommen. Ich bin angenehm gelähmt von meiner Gleichgültigkeit. Man muss nur einen Schritt zur Seite machen und schon rauscht alles an einem vorbei, als hätte es einen nie gegeben. Wäre es ganz still, man könnte mein Leben so dahinplätschern hören. Nichts stört mich und mein weißes Rauschen.
Es klingelt noch einmal. Zweimal.
Ich habe keine Lust zu öffnen. All die Sachen da draußen gehen mich nichts an. Ich gehe nur mich selbst an. Das Glas meines Fensters beschützt mich. Meine laute Familie, mein langer Job, meine gehetzten Freunde – alles hinter der Scheibe eingesperrt. So herum muss man es sehen in solchen Momenten. Ich bin hier der einzige, der frei ist. Ihr seid eingesperrt in einem Aquarium aus Licht und Schatten. Ich werde müde. Mein Kopf lehnt sich an die weiche Schulter der Dämmerung.
Es klingelt wieder. Der Klingelknopf scheint stecken geblieben zu sein.
Ich stehe auf und gehe zur Tür. Mehr ein Reflex, als mein wirklicher Wille. Meine Beine fühlen sich unbenutzt an. Ich habe so viel gearbeitet in letzter Zeit. Den ganzen Tag gesessen an den Zielen anderer. Keine Sporthalle hat mich seit Wochen von innen gesehen. Das Foto meiner Freundin sehe ich öfter, als ihren nackten Hintern. Meine Mutter hab ich seit Wochen nicht besucht. Mein Halbbruder ruft mich nicht mehr an. Ich geh ja eh nicht ran. Ich hab mein Telefon vor zwei Wochen in den Fluss geworfen. Weil ich es nicht mehr ertragen habe, mich zu entschuldigen. Dafür, dass ich nicht rangehe. Aber immerhin gehe ich zur Tür.
Ich mache auf. Ein Postbote. Er gibt mir einen Brief. Ich muss unterschreiben.
Auf dem Weg zurück zum Fensterbrett schaue ich auf den Absender. Meine Mutter. Erst finde ich nichts dabei. Dann frag ich mich plötzlich, warum sie mir ein Telegramm schickt. Klar. Sie hat bestimmt auf meinem Handy angerufen und mit den Fischen telefoniert. Es muss wichtig sein. Sitzen ist auf einmal nicht mehr so wichtig. Ich kann stehen. Ich reiße den Brief auf und lese ihre Zeilen. Meine Oma Martha ist gestorben.
Scheiße. Ich fühle nichts.
Oder vielleicht doch. Ich setz mich erst mal hin. Auf mein Fensterbrett. Die Seiten haben sich gedreht. Auf einmal bin ich eingesperrt. Sitze ich im Aquarium. Von außen glotzen mich fliegende Fische an und drücken sich die Fischmäuler an der Scheibe platt und hinterlassen fettige Flecken. Oma Martha ist tot. Und ich hab keine Ahnung, wer diese Frau überhaupt war. Ich weiß nicht mal, wann ich das letzte Mal überhaupt an sie gedacht habe.
Ich fühle wirklich nichts.
Oma Martha war die Mutter von meinem Vater. Nachdem sich meine Eltern scheiden lassen haben, hat sie meine Mutter und mich verstoßen. Die alte Faltenschachtel. Einfach ihre Zuneigung wie einen schweren LKW zehn Meter zurückgefahren. Dann Vorwärtsgang rein und ab in die Prärie. Alles platt gemacht hat sie in ihrem Leben und in unserem. Weg war sie. Nur eine Staubwolke und dicke Reifenspuren hat sie hinterlassen. Die Tür zugeknallt hat sie uns vor der Nase, hat meine Mutter immer erzählt. Gesagt, wir sollen uns zum Teufel scheren. Jetzt ist sie beim Teufel. Hoffentlich.
Ich fühle doch was. Wut. Ich koche mir einen Kaffee und rauche am Küchentisch.
Ich war ihr einziges leibliches Enkelkind. Und sie hat sich einen Scheiß für mich interessiert. Hat zu ihrem Sohn gehalten, als gäbs einen Orden dafür. Meine Mutter hat mich allein an den Ohren großgezogen. Immer nach oben, hat sie gesagt, Richtung Sonne. Meine Oma Martha hat nie etwas zu irgendwas gesagt. Zu meinem ersten Fahrrad nicht. Zu meinem Schulanfang nicht. Zu meiner ersten Freundin nicht. Und zu ihrer Ur-Enkelin auch nicht. Und jetzt stört sie mit einem letzten Akt des Egoismus meinen freien Tag und stirbt einfach. Wenn jemand stirbt muss man ja erst mal prinzipiell traurig sein. Aber so geht das nicht, Oma.
Der Aschenbecher füllt sich. Ich lese das Telegramm noch einmal. Beerdigung ist in zwei Wochen. Ich bin eingeladen.
Ich gehe zurück auf mein Fensterbrett und starre auf mein Spiegelbild. Das Wasser in meinem Aquarium rauscht in meinen Ohren. Die fliegenden Fische sind schlafen gegangen. Ich stelle mir vor, wie ich an ihrem Grab stehe. Und nur schlecht über sie denken kann. Ich stelle mir vor, wie ich die Grabrede störe und rufe: Sie müssen schon lauter reden, damit sie sie in der Vorhölle hören kann. Die haben da unten ziemlich dicke Wände! Ich stelle mir vor, wie ich vor ihrem Grab stehe und nicht traurig darüber bin, dass sie jetzt nicht mehr unter uns weilt. Denn das hat sie sowieso nie. Eigentlich wollte ich sie immer mal besuchen. Mit ihrer Ur-Enkelin unterm Arm in ihrem Wohnzimmer Platz nehmen und vorwurfsvoll gucken. Und warten, was sie zu sagen hat. Aber ich hab es nie getan. Zu viel zu tun. Zu viel um die Ohren. Es gibt wichtigeres. Ich dachte auch immer, ich habe noch Zeit. Omas leben ja auch lang. Omas sind doch eigentlich ganz anders. Dachte ich immer. Aber ich habe eine erwischt, die war innen faul. Man hätte es selbst in die Hand nehmen müssen. Aber nun ist es zu spät. Dem Tod war unsere offene Rechnung egal.
Ich denke kurz an die verpasste Chance. Dann höre ich es wieder klingeln. Ich wache auf. Ich sitze unbequem auf meinem Fensterbrett. Mein Rücken krümmt sich schmerzhaft mit der Raumzeit um die Wette. Ich stehe auf und gehe zur Tür. Der Traum ist mir dicht auf den Fersen. Draußen steht meine Mutter.
Sie wollte mal sehen, ob ich noch lebe, sagt sie und lacht warm. Wir setzen uns an den Küchentisch und rauchen zusammen. Ich koche uns Tee. Meine Oma Martha lebt wieder, denke ich. Vielleicht sollte ich diese zweite Chance nutzen und sie endlich besuchen. Alles klären. Ihr Blut müsste ja zumindest dicker als mein Teewasser sein. Vielleicht.
Vielleicht aber auch nicht.




Kommentare
Gefällt...vielleicht auch nur aufgrund des Erlebens einer solchen Situation.
17.09.2010, 13:59 von AntizickeWas soll ich sagen - bei mir war es kein Traum, meine Großeltern väterlicherseits waren so ziemlich genau wie die hier beschriebene Oma.
15.09.2010, 23:36 von chocaAls sie gestorben sind, hat mich das wirklich relativ kalt gelassen, zur Beerdigung war ich nicht mal eingeladen. So kann's gehen...
Und wenn einem die eigenen Großeltern nicht näher sind als irgendeine x-beliebige Omma im Supermarkt, dann ist das nunmal so.
° Dann hat sie wohl der Postbote als Letzter gesehen...
15.09.2010, 21:44 von papaya234@oceaneyes dann bist du mir um einiges voraus.
15.09.2010, 11:13 von hib@oceaneyes @hib u. oceaneyes
15.09.2010, 11:50 von Jackie_GreyUnd genau da liegt das Problem mit Texten bei Neon. Was ist fiktiv, was ist autobiografisch? Bei letzterem ist Kritik dann oftmals unangebracht, dass ein Thema abgenudelt ist.
@Jackie_Grey sorry - sollte heißen: Ist Kritik am Text dann oftmals unangebracht, zu behaupten, dass ein Thema abgenudelt ist.
15.09.2010, 11:52 von Jackie_Grey@oceaneyes Ich hab eigentlich jede Idee, die bei Neon in nem Text verwurstet wird schon besser zwischen 2 Buchdeckel gelesen. (Zugegeben, ein paar Autoren erinnern eher an eine Schippe Ratten oder Michael-Bay-Filme) Aber ich finde, du strapazierst dieses Argument mehr als andere, Oceaneyes.
15.09.2010, 12:36 von MisterGambit@oceaneyes Achso, dann hab ich es missverstanden. a bien tôt
15.09.2010, 13:55 von MisterGambit@MisterGambit ich hab das auch nicht als argument gegen den inhalt prinzipiell verstanden, sondern nur als rein persönliches argument. das ist auch okay. aber sich jetzt deshalb konkret um themen zu bemühen, die hier noch nicht verwurstet wurden, fänd ich auch albern.
15.09.2010, 14:13 von hibwo oceaneyes auf jeden fall recht hat, ist, dass das stilmittel des traumes nicht sonderlich toll ist, wenn man viel liest und filme schaut. das kennt man halt einfach zur genüge und muss man deshalb nicht unbedingt mögen, gut finden oder sonstwas.
Schöner Text, mir gefällt vor allem die Stimmung am Anfang.
15.09.2010, 08:46 von dasLaecheln"die Mutter von meinem Vater" -> das stolpert irgendwie, "die Mutter meines Vaters" klingt mMn besser und man kann ja auch mal zeigen, dass man auch Genitiv beherrscht ;-)
Daumen hoch von mir, mal wieder ;)
14.09.2010, 21:47 von some_kind_of_natureThematik immer aktuell und gut getroffen, bin nur über diese Formulierung gestolpert:
"Nachdem sich meine Eltern scheiden lassen haben,..."
Kann sein , dass ich mich irre, aber da klingt irgendwas zu viel.
Ansonten super, gerade die Vergleiche.
Ich hab deinen Text gern gelesen. Und ich mochte ihn - zumindest zum größten Teil.
14.09.2010, 21:29 von NealaDie Traumsache hat mich persönlich aber unglaublich gestört (mal abgesehen von den gelegentlichen Rechtschreibfehlern - aber das sei nur am Rande bemerkt). Ziemlich blöd, dass ich dir gar nicht sagen kann, wieso.
Dein Bruder versucht dich anzurufen, aber du bist der einzige Enkel deiner Oma?
14.09.2010, 14:33 von lalumbia@lalumbia du hast recht. da müsste halbbruder stehen und ihr einziges leibliches enkel. ich ändere das. danke.
14.09.2010, 16:50 von hibgleichmut ist schwer zu ertragen.
14.09.2010, 13:35 von Babeinthewordsdeine erzählung rührt daraus. ich habe da so einen bitteren aber doch auch faden geschmack der rache beim lesen auf der zunge. das ist dann die schande über der hier bloßgestellten dinglichkeit. vielleicht
hat etwas versöhnliches, ein: zufriedenheit bei zigarrette und tee. und als synonym für feigheit der letzte tritt.
vielleicht ist vielleicht auch gleichmut oder ambivalent.
hier geht es aber weder um ambivalente, noch um gleichmütige personen fürchte ich
@Babeinthewords vielleicht heißt: die gefühle zur sache sind so gegenteilig, dass ein urteil im jetzigen moment verfrüht und allen beteiligten gegenüber nicht fair wäre.
14.09.2010, 13:40 von hibvielleicht heißt vor allem: die sache bedarf dringend einer klärung.