xany 17.10.2006, 22:00 Uhr 14 8

Bitte, Schwester

Unsere zwiespältige Beziehung erreicht jetzt einen neuen Höhepunkt. Denn jetzt muss ich sein, was ich bin: eine Schwester. Und für dich da sein.

Wir haben uns gehasst.
Wir haben uns geliebt.
Deine Anwesenheit hat mich oft gestört, und trotzdem warst du mir immer wichtiger als jeder andere.
Wir haben uns geschlagen.
Wir haben uns umarmt.
Ich habe dich weinen sehen. Und du, du mich.

Als du neu warst, daran kann ich mich nicht mehr genau erinnern, ich war nur 15 Monate alt. Die ganze Liebe, die ich von meiner Mutter erhalten hatte, galt plötzlich dir. Ich habe geschrien, konnte nicht ertragen, wie du all die Aufmerksamkeit an dich gerissen hast.
Ich musste dich immer bekämpfen. So ging es Jahre. Ich war sauer auf dich, auf Grund von Kleinigkeiten, wurde aggressiv, und im Endeffekt tat es mir immer so furchtbar Leid. Von mir gab es für dich immer nur harte Urteile.
Du, du warst immer anders als ich. Du warst immer schlechter.
Schlechter in der Schule, schlechter beim Sport, schlechter beim "Aktivsein" (was auch immer unser Vater damit meinte).
Ständig musste ich zeigen, dass ich besser war. Doch Vater und Mutter interessierte Leistung nur wenig. Mit meinem Streben brachte ich es nie weit, ihre Liebe bekam ich auch nicht. Schnell stand ich auf eigenen Beinen, doch du, du warst noch ewig ein Mutterkind. Mutter tat alles für dich: sie weckte dich auf, wusch dir die Haare, zog dich an, packte deine Mappen, machte dein Schulbrot, räumte dein Zimmer auf. Doch das Schlimmste: du bekamst all ihre Zärtlichkeiten, die ich bald nicht mehr wollte, nicht mehr annehmen konnte. Dir konnte sie ihre Liebe geben, ich hingegen wurde immer kälter euch gegenüber, grenzte mich ab. Ich konnte euch nicht mehr ertragen. Kann es immer noch nicht. Ihr zusammen vereinigt alles, was ich nicht sein will.
So klammerte ich mich an Vater, der dich auch über alles liebte. Von ihm kam nichts zurück. Geradezu krampfhaft buhlte ich um seine Aufmerksamkeit, doch er blieb der kalte Stein, der er immer war. Ich gab, gab, gab. Nichts kam.
Dann wurden wir getrennt. Zwanzig Monate hatten wir keinen Kontakt, du warst aus meinem Leben gestrichen und ich aus deinem. Ich hatte keine Schwester mehr. Als wir wieder zusammenziehen sollten, weigertest du dich, erneut mit deiner Familie zu wohnen. Lieber wohntest du unter einer Brücke, sagtest du. Oh, wie mich das verletzte.
Doch: es ging. Nach wenigen Wochen begannen wir wieder aufeinander zuzugehen. Wir sprachen, wir lachten, wir verbrachten Zeit miteinander. Innerhalb einiger Monate wurdest du eine Freundin. Wir erzählten uns Geheimnisse, gingen zusammen einkaufen, hielten immer zusammen. Ich war so froh, dich zu haben, und du so stolz auf mich.
Zwar waren wir so unterschiedlich, du der passive, ich der aktivere Typ. Du versuchtest auch immer gegen unsere Eltern zu rebellieren, aber es gab etwas, das uns verband.
Von meinen wahren Problemen wusstest du nichts, doch das war nichts, womit ich dich belasten wollte. Langsam ging es mir besser; ich machte eine Therapie und mein Leben wurde mir angenehmer. Du hingegen scheitertest. Musstest eine Klasse wiederholen. Und nein, nach außen war ich nie stolz auf dich, obwohl ich es hätte sein sollen.
Ich merkte, wie du verschlossener wurdest. Du erzähltest mir weniger. Verbrachtest deine Zeit in deinem Zimmer, allein.
Was du da tatest? Ich wusste es nicht.
Jetzt weiß ich es.
Jetzt weiß ich, dass es dir schlecht geht. Dass du deinem Körper wehtust, dass du hungerst, dass du leidest. Dass du dich allein fühlst. All jene Gefühle kenne ich. Mit all jenen schaffte ich es mehr oder weniger zurecht zu kommen. Und dennoch schaffe ich es nicht, dich darauf anzusprechen. Obwohl ich das alles so gut kenne.
Seitdem ich von deinen Gedanken weiß, geht es mir schlecht. Als ich es erfuhr, brach alles in mir zusammen. Wie Tränen sich anfühlten, hatte ich schon lange vergessen. Ich verkroch mich in meinem Bett. Ich wusste, Vater, Mutter, sie würden nicht verstehen. Sie hatten es schon bei mir nicht bemerkt und waren - ach so - überrascht als sie es erfuhren. Und jetzt trug ich die Verantwortung, dir zu helfen. Denn nur ich könnte es. Aber wie?
Bitte, Schwester. Bitte... doch wenn ich nur wüsste, was es ist. Was es ist, das dir helfen könnte. Ich bin verzweifelt.
Auf einmal fühlte ich wieder. Wegen Dir.

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14 Antworten

Kommentare

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    tolle geschichte. bin selbst eine große schwester und kann dich gut nachollziehen!! :)

    26.11.2006, 16:29 von Preussenprinz
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Wow, dieser Text erinnert mich an mich und meine kleine Schwester. Kann gut nachvollziehen, was du da erzählst. Auch wir sind im Moment an einem Punkt, an dem ich nicht weiß, wie ich ihr helfen kann und wie ich an sie rankomme (Essstörungen)... Ich hoffe immer noch, die Lösung bald zu finden.

    Und ich drücke dir ganz fest die Daumen, dass (auch) ihr einen Weg finden werdet!

    19.10.2006, 09:04 von naddyboe
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    Als ich Deinen Text las, erschrak ich. Wurde an meine Vergangenheit erinnert. Erinnerte mich daran, wie es vor 9 Jahren war, als die Geschichte meiner Schwester und mir an genau dem gleichen Punkt war, wie Deine heute. Wir haben damals geredet. All das, was wir über Jahre hinweg nicht voneinander wussten. Mit all den Gefühlen, dir man gegenüber der eigenen Schwester niemals haben hätte haben dürfen. Das tat weh, aber diese Offenheit hat uns schließlich zu dem gemacht, was wir heute sind. Freundinnen, die für die andere durchs Feuer gehen würde. Die jeweils eigene Geschichte wurde zu unserer gemeinsamen. Heute sind wir ein Team. Schade nur, dass unsere familiäre Umwelt auf diesen engen Zusammenhalt immer noch verstört und eher kontraproduktiv reagiert. Ich habe aufgehört, mir Fragen zu stellen, warum das so ist. Warum es für unsere Eltern ein Problem war - und teilweise heute immer noch ist - uns als Team zu begreifen. Ich genieße nur das Gefühl zu wissen, wo mein Zuhause ist. An ihrer Seite. An der Seite meiner kleinen Schwester.

    19.10.2006, 02:19 von Momakha
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    Als ich Deinen Text las, erschrak ich. Wurde an meine Vergangenheit erinnert. Erinnerte mich daran, wie es vor 9 Jahren war, als die Geschichte meiner Schwester und mir an genau dem gleichen Punkt war, wie Deine heute.

    Wir haben damals geredet. All das, was wir über Jahre hinweg nicht voneinander wussten. Mit all den Gefühlen, dir man gegenüber der eigenen Schwester niemals haben hätte haben dürfen. Das tat weh, aber diese Offenheit hat uns schließlich zu dem gemacht, was wir heute sind. Freundinnen, die für die andere durchs Feuer gehen würde. Die jeweils eigene Geschichte wurde zu unserer gemeinsamen.

    Heute sind wir ein Team. Schade nur, dass unsere familiäre Umwelt auf diesen engen Zusammenhalt immer noch verstört und eher kontraproduktiv reagiert. Ich habe aufgehört, mir Fragen zu stellen, warum das so ist. Warum es für unsere Eltern ein Problem war - und teilweise heute immer noch ist - uns als Team zu begreifen. Ich genieße nur das Gefühl zu wissen, wo mein Zuhause ist. An ihrer Seite. An der Seite meiner kleinen Schwester.

    19.10.2006, 00:56 von Momakha
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    wie immer ein toll geschriebener text.

    ich kenne diese "machtspiele" zwischen geschwistern nur zu gut aus meiner kindheit doch ich habe festgestellt das eine gewisse räumliche trennung später wie ein wunder wirken kann.

    zum anderen inhalt des textes möchte ich hier nichts sagen, da ich nicht irgendwas aussprechen möchte was nicht für die öffentlichkeit bestimmt ist. wenn du jmd. zum reden/schreiben brauchst weisst du ja wie du mich erreichen kannst.

    lg und viel kraft
    martin

    18.10.2006, 19:46 von emotionsunited
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    Schön geschrieben, aber sehr traurig. Ich weiss nicht, ob es deine eigene Geschichte ist oder erfunden, aber falls Ersteres würde ich sie ausdrucken und deiner Schwester geben! Das sagt mehr als alle Worte der Welt und irgendwie ist das Leben doch auch einfach zu kurz um noch länger zu warten, zumal ihr ja schon auf gutem Wege gewesen seid um gute Freunde zu werden.

    18.10.2006, 16:27 von cinci
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    Sehr schön geschrieben. Ich habe keine Schwester, bin dafür aber die einzige Frau unter 5 Männern. Meine Brüder bedeuten mir viel..
    Sehr bewegend hast du es geschrieben, ich wünsche dir, dass deine Schwester deine Hilfe annehmen kann..
    Alles Gute und liebe Grüße

    18.10.2006, 15:32 von Sagapao
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    Ich bin der Meinung das du deine Schwester deine Zuneigung spüren lassen solltest, intensiver als sonst. Du muss ihr das Gefühl geben das sie sich auf jeden Fall auf dich verlassen kann, da du da sein wirst.
    ABER du musst deine Schwester auch dazu bringen das sie es dir selber und offen sagt was sie so bedrückt, denn das sollte dann auch bei ihr ein erster Schritt in die richtige Richtung sein.

    Aber echt schön geschrieben.

    18.10.2006, 15:02 von See
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    ich bin auch schwester, die kleine. aber ich bin die aktive! trotz den drei jahren unterschied den wir haben war sie immer die die " mehr" geliebt wurde....

    du musst deiner schwester einfach sagen das du für sie da bist. das du ihr hilfst egal was ist, das du hinter ihr stehst......

    18.10.2006, 13:24 von cindarella20
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