Lili-Marlen 10.03.2008, 09:25 Uhr 4 5

Bist Du noch mein Papa?

Die Liebe eines Vaters zu seinem Kind ist unumstößlich. Zu seinem leiblichen Kind. Aber ich – ich bin ja nur die Stieftochter.

Ich war sieben Jahre alt, als meine Mama ihn das erste Mal mit nach Hause brachte. Sie war nervös, hatte Angst, dass meine achtzehnjährige Schwester und ich ihn nicht leiden könnten. Doch genau das Gegenteil trat ein. War er zu Beginn noch unsicher, wie er mit mir umgehen sollte, so nahm ich ihn direkt in Beschlag. Ich las ihm Kinderbücher vor, malte ihm Bilder und freute mich schon auf das nächste Treffen. Ich fand ihn toll. So ein bisschen wie ein Teddybär mit braunen Knopfaugen. Ja, ich glaube, ich dachte er sei ein fleischgewordener Teddybär.

Ein Jahr später hat er meine Mama geheiratet. Als er uns Kinder fragte, ob es denn in Ordnung sei, wenn er meine Mama heiraten würde, war ich überglücklich. Dann wären wir eine richtige Familie; Vater, Mutter, Kinder … ich fand die Vorstellung toll. Und es wurde toll.

Noch auf der Hochzeitsfeier fragte ich ihn, ob ich jetzt auch Papa zu ihm sagen dürfte. Einen Moment hielt er inne, sah mich mit den großen Knopfaugen an und lächelte dann. Es war okay. Wirklich eine Wahl ließ ich ihm damals wohl nicht. Was soll man auch sagen, wenn einen die neunjährige Stieftochter bittet, Papa zu einem sagen zu dürfen? Wollte er das wirklich? Heute frage ich mich das schon. Vielleicht wäre es ihm lieber gewesen, er wäre weiterhin nur ein Vorname geblieben. Kein Papa?

Meine Kindheit war toll und mein neuer Papa war toll. Mit ihm konnte ich Fahrrad fahren, Fußball spielen und rum albern. Als ich älter wurde, war er der stolzeste Vater, den man sich vorstellen kann. Ich bestand den Führerschein oder das Abitur und keine halbe Stunde später wusste das ganze Dorf bescheid. Es klang toll, wenn er mich alten Bekannten als „meine Tochter“ vorstellte und diese dann fragend drein blickten. ‚Wieso Tochter? Warum hat der ein so großes Kind?‘ Aber er hat nie Zweifel daran aufkommen lassen, dass ich seine Tochter sei. Er hat nie erklärende Sätze wie „Die Tochter meine Frau“ hinzugefügt.

Wir waren dreizehn Jahre eine Familie, bis ich schließlich auszog. Ich sprach weiterhin von meinen Eltern, wenn ich von zu Hause sprach und ich freute mich immer sehr, nach Hause zu kommen. Dann erzählte ich ihnen von meinen Erlebnissen und erhielt immer diesen stolzen Blick, den nur ein Vater haben kann. Ich hab ihn geliebt.

Doch dann erreicht mich sieben Jahre später dieser Anruf, der alles verändert. Meine Eltern trennen sich. Nach 19 Jahren Ehe. Ich bin schockiert, am Boden zerstört und verstehe nicht, wieso. Es dauert Tage bis ich erkenne, dass ich es nicht verstehen kann oder muss. Dass ich einfach akzeptieren muss. Alle Gespräche in dieser Zeit führe ich mit meiner Mutter. Mein Vater hat sich bisher nicht bei mir gemeldet und die anfängliche Wut schlägt schnell in Trauer um.

Wie ist das eigentlich, wenn sich Eltern entlieben? Wie ist das, wenn da keine leiblichen Kinder dran hängen, sondern nur Stiefkinder? Kann man sich auch von seinen Stiefkindern entlieben? Ich meine, wenn man eines Tages erkennt, dass man die Frau, mit der man neunzehn Jahre verbracht hat, nicht mehr liebt, wieso sollte man die Stieftochter noch lieben? Die Bindung besteht doch genauso lang. Man ist sich ja nicht näher gewesen, als dem Partner?

Schließlich vertraue ich meine Gedanken meiner großen Schwester an und ihre Erklärung leuchtet mir ein. Er schäme sich sicher. Wisse nicht, was er sagen solle und vor allem wisse er nicht, wie ich reagiere. Immerhin habe er meine Mutter verlassen.

Ewigkeiten starre ich mein Handy an, überleg, ob ich ihn einfach anrufen soll und kneife doch immer wieder. Ich habe Angst vor dem Gespräch. Ich weiß nicht, was ich sagen soll oder ob er überhaupt mit mir reden will. In einem Anflug von Übermut schreibe ich schließlich eine SMS. Er kann sich jederzeit bei mir melden, wenn er reden will, schreibe ich rein. Und obendrüber schreibe ich „Hallo Papa“. Damit er weiß, dass er immer noch mein Papa ist. Damit er weiß, dass sich für mich nichts geändert hat.

Die folgenden drei Stunden erscheinen mir eher wie drei Tage und mit jeder Minute sinkt die Hoffnung, dass er antwortet oder anruft. Dann das erlösende SMS-Signal. Sofort habe ich das Handy in der Hand, warte aufgeregt, bis sich die Nachricht aufbaut und oben drüber sein Name erscheint. Er schreibt, dass er sich meldet, wenn es ihm etwas besser geht. Untern drunter steht „Kuss, Papa“ und ich beginne zu weinen, wie ein Kleinkind. Plötzlich tut die Erkenntnis, dass wir keine Familie mehr sind unsagbar weh und wird dabei so real, wie sie nur sein kann.

Zwei Tage vergehen, in denen ich nichts von ihm höre oder sehe. Mit meiner Mutter führe ich Telefonate, bei denen ich stark bin und so objektiv, wie es mir möglich ist. Ich muss jetzt stark sein. Ich kann sie jetzt nicht auch noch mit meinen Sorgen belasten. Und eben die Tatsache, dass ich niemandem helfen und auf Grund der großen Distanz in den Arm nehmen kann, macht mich wahnsinnig. Immer wieder weine ich stumm vor mich hin. Im Auto, auf der Arbeit, zu Hause. Nachts wache ich mehrfach auf, habe plötzlich dieses zerreißende Gefühl von Einsamkeit und wünsche mir doch nichts mehr, als dass es meinen Eltern gut geht. Nicht zwangsläufig zusammen. Ich bin so realistisch, dass ich weiß, dass die Trennung okay ist. Dass es ihnen beiden alleine besser gehen kann, als zusammen.

Dann ruft erneut meine Mutter an, sagt, dass mein Vater sich dringend bei einer Behörde wegen irgendwas melden muss. Wenn er das versäumt, kann das ganz schön Ärger für ihn geben und das will sie nicht. Ich bin erleichtert, dass sie ihn nicht ins offene Messer laufen lassen will, dass sie sich Sorgen um ihn macht und nicht auf einen unnützen Rachefeldzug geht. Aber gleichzeitig bedeutet das auch, dass es nun an mir ist, ihn darüber zu informieren.

Ich quäle mich einen Tag in der Hoffnung, dass er sich von sich aus meldet, aber das tut er nicht. Schließlich greife ich zum Handy, wähle seine Nummer und halte die Luft an. Doch alles was sich meldet, ist seine Mailbox. Ich ziehe noch kurz in Betracht wieder aufzulegen, da sprudelt es auch schon aus mir heraus. Er möge sich doch bitte dringend bei mir melden, sage ich. Und er solle sich nicht sorgen, es ginge nicht um Mama. Die nächsten zehn Minuten veratme ich dieses wahnsinnig beklemmende Gefühl, das mit der Angst, er könne sich nicht melden, einher geht. Dann klingelt mein Handy.

Ich melde mich mit meinem Nachnamen, den ich erst seit sechs Wochen trage. – Meine Hochzeit war die letzte Gelegenheit, bei der wir uns sahen. – Er stutz kurz und sagt dann: „Hallo, hier ist der Papa.“ Es ist ein unglaubliches befreiendes Gespräch, auch wenn wir die nächsten Minuten nur über den Termin sprechen, den er unbedingt wahrnehmen muss. „Hauptsache, er hat Papa gesagt. Hauptsache, er ist immer noch mein Papa“, ist alles, was ich denken kann.
Zum Ende des Gesprächs sage ich ihm, dass er sich jederzeit melden kann, wenn er reden will und er sagt, dass würde er. Bald schon.

Dann sage ich: „Mach‘s gut, Papa. Ich hab Dich lieb!“
„Ich habe Dich auch sehr lieb, mein Kind!“

Wir legen auf.

Ich weine.

Alles ist gut.

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Kommentare

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    der text ist richtig schön und hat mir zu überlegen gegeben meine mum hat auch einen freund schon seit ich fünf bin . wir haben uns auf anhieb gut verstanden und meine mum erzählt mir immer noch wie ich mich ganz früh morgens zu ihm ins bett gekuschelt hab und mit meiner nuckelflasche wieder eingeschlafen bin
    der freund meiner mum und mein dad verstehen sich gut und er kommt manchmal zum essen, ich liebe diese abende.

    worüber ich aber bei deinem text nachgedacht habe ist was wäre wenn sie sich trennen würden... ich bin mir aber sicher , dass wir kontakt halten würden aber noch sicherer bin ich mir, dass es nie dazu kommen wird
    =)

    27.08.2008, 02:53 von xcarlchenx
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    Mann, habe zwar sowas nie erlebt, aber beim letzten Abschnitt kullern doch die Tränchen.

    Hoffe, ihr bleibt weiterhin eine Familie, auch wenn deine Eltern nicht mehr zusammen sein werden.

    08.08.2008, 17:32 von Tanea
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    Deine offene Schreibweise gefällt mir sehr, es geht mitten ins Herz... und in gewisserweise kann ich das nachvollziehen. Mein Stiefvater ist auch wie mein richtiger Vater.

    Am Ende kommt es nicht auf die biologische Bindung an, sondern auf die emotionale.

    Wünsch euch noch viel gemeinsame Zeit!

    05.08.2008, 13:46 von madfairy
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    Wie schön dass es bei dir so gut gegangen ist!
    Das freut mich, und es klingt so schön und ist so gut geschrieben!
    Ich hoffe du siehst dass du deine Familie trotzdem noch hast, auch wenn deine Eltern nicht mehr beisammen sind.
    Ich finds schön dass ihr euch alle so lieb habt...

    (meiner... hat sich nicht gemeldet. )

    11.03.2008, 03:52 von Krchr
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      @Krchr Die Situation ist noch so frisch, dass ich sie nicht als "Ende gut, alles gut" bezeichnen möchte. Dennoch hat mich die Tatsache beruhigt, dass er weiterhin mein Papa ist. Auch wenn es erstmal nur im Herzen ist. ... gemeldet hat er sich seither auch nicht mehr.

      11.03.2008, 11:18 von Lili-Marlen
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