Bissspuren
Wohl erzogene Kinder beißen andere nicht in die Wade.
Maren sitzt mit locker umwickeltem Unterbein im Wartezimmer, die letzte Tetanusimpfung ist schon etliche Zeit her. Wer rechnet auch damit, dass ein bildungsbürgerliches Kleinkind, mit musikalischer Früherziehung, wöchentlichem Austobekurs an der Kletterwand und zahllosen Vorlesestunden mit ausschließlich pädagogisch höchstwertvollem Material, plötzlich die spitzen Zähnchen bleckt und sie einem im Bein versenkt? Mit schmerzverzerrter Miene zupft Maren am Verbandsprovisorium. Das hat sich schon sehr schön in die offene Wunde eingeklebt. Sieht doof aus. Gibt vielleicht eine Narbe. Sie wird sich dazu die tollsten Geschichten ausdenken. Von wildgewordenen Liebhabern, die ihre Leidenschaft nicht zu zügeln wussten und sie „zum Fressen gern hatten“. Hoffentlich sieht man der Narbe nachher nicht an, dass sie anstatt von fremden Männern tatsächlich von winzigen Milchzähnen verursacht wurde. Das wäre ihr dann doch irgendwie peinlich und sie wäre gezwungen, immer die richtige Geschichte erzählen zu müssen. Etwas anderes war ja dann auch nicht mehr im Mindesten wahrscheinlich.
Der Dokter beobachtet sie milde lächelnd über die randlose Brille. Man sieht, dass er denkt, dass hier so etwas nicht alle Tage passiert. Man sieht ihm auch an, dass er begierig ist, zu erfahren, wie es dazu kam. Maren wird einen Teufel tun, ihm das zu erzählen. Er jagt ihr die Spritze in den Arm und holt die Arzthelferin. „Frollein Jäger, wenn Sie so freundlich wären, diese aparte Blessur zu versorgen?“ „Aber gern.“ Frollein Jäger nickt demütig ergeben und trollt sich, die steril verpackten Mullbinden und Kompressen zu holen. Maren rollt mit den Augen und fragt sich, weshalb ausgerechnet sie immer an die besonders merkwürdigen Exemplare der Medizinerzunft gerät. Frollein Jäger schüttet Maren großzügig höllisch brennendes Jod über die Extremitäten. Maren wünscht sich, sie hätte ein dickes Lederband, auf dem sie zur Schmerzvertreibung herum kauen dürfte. Sie hat leider nichts Greifbares hier und ballt deshalb die Fäuste, bis die Knöchel weiß und weit heraus stehen: irgendwie muss man den Schmerz verteilen. Wie im richtigen Leben: konzentriert er sich auf eine einzige Stelle, droht diese sich zu sehr abzunutzen. Dann muss man Ausgleich schaffen. Schmerzausgleich.
Der Biss war eigentlich nur die natürliche Fortsetzung einer Aneinanderreihung von Scheiße, die sich ihr Leben im Augenblick nannte. Am Morgen ein Zettel. Benjamins krakelige Schrift. „I can’t listen to your stories. About right ways, dead ends and final glory. “ Sonst nichts. Er hatte seine Schuhe mitgenommen. Untrügliches Zeichen, dass er nicht vorhatte, je wieder zu kommen. Zähne zusammenbeißen. Tag begrüßen. Die Milch flockt in den Kaffee. Maren hat damit gerechnet.
Frollein Jäger hat eine Verbandklemme angebracht, grinst schief und verabschiedet sich von Maren. Der Arzt schaut noch einmal hoffnungsvollen Blicks, aber Maren ist nach wie vor nicht gewillt, ihm die Bissgeschichte auf dem Silbertablett zu servieren. Er glubscht beleidigt, schiebt die Brille auf die Nasenwurzel und murmelt immerhin etwas von „guter Besserung“. Maren schleppt sich zur Bushaltestelle. Dass der nächste Bus erst in einer guten halben Stunde kommt, verursacht kaum eine Gefühlsregung in Maren. Wenn sie heute etwas gelernt hatte, dann ihre Emotionen zu regulieren.
Der Biss puckert leise vor sich hin. Unangenehm. Lenkt immerhin von Benjamin ab. Der Idiot hatte ihr jetzt auch noch den Song gestohlen. Nicht mal wenn er sich von einem trennte, benutzte er seine eigenen Worte, sondern schändete lieber fremder Menschen Worteigentum.
Wenn Maren mutiger gewesen wäre, hätte sie das blöde Kind zurückgebissen. Ihre gute Erziehung vergessen und einfach herzhaft losgebissen. Hatte das Kind schließlich auch gemacht. Einfach ein Biss. Nichts weiter. In die kleine runde Schulter. Hätte Kinderknochen zwischen ihren Zähnen gefühlt, warmes Blut und weiches, rohes Fleisch. Darauf hätte sie stolz sein können. Dann hätte sie jetzt nicht auch noch anfangen müssen zu heulen.
Vielleicht hatte sie das am Ende doch noch nicht so gut drauf mit der Emotionsregulation.




Kommentare
28.04.2010, 15:16 von LudwigMartinJetzt sitz ich hier und fühl mich wie ein sensationsgieriger alter Doktor, der nix über irgend einen Benjamin oder Schlußmach-Stil-Kritiken wissen wollte, sondern sich die ganze Zeit für die Anamnese des bissigen Konflikt interessiert hatte.
*Brille wieder hochschieb*
@Transgressor: teile deinen Ärger, wenngleich es hier nicht an der Metapher, sondern an modernem Aberglauben liegen mag. Das ist so dumm, daß es die Kinder beißen. ;-)
@LudwigMartin ok, dann mach ich jetzt was, was ich nie machen wollte: einen eigenen artikel kommentieren.
28.04.2010, 15:20 von frau.von.ungefaehrdiese geschichte war eine auf bestellung.
der einzige hinweis, oder wenn man so will, das thema, den/das es gab, war "emotionsregulierung".
so und jetzt lasst ihr euch mal schön was besseres einfallen! ptsss
@frau.von.ungefaehr
29.04.2010, 12:23 von LudwigMartinUnd - war doch jetzt gar nicht so schlimm mit der Eigenkommentierung, oder?
;-)
Ich hätte gebissen UND an den Haaren gezogen!
28.04.2010, 15:00 von sun-chan87ich dachte in der Mitte irgendwann Maren hätte sich selbst gebissen..
30.03.2010, 16:34 von altes_Kindnee, nicht den armen Rotzlöffel bestrafen, der kriegt sein Fett noch weg..
Maren sollte lieber den Typen beißen, mit nem Song Schluss machen, finde ich auch assig..
aber da sieht man es mal wieder, Weinen ist und bleibt nunmal der beste Emotionsregulator, oder?
Ich mag den Text!
warum hat das mist-balk sie denn nun gebissen?? kinder gehören verboten. und erwachsene auch!
17.03.2010, 15:58 von Junger_FaustDass das Ganze unterm Strich doch wieder nur eine Metapher für irgendeine Geschichte mit irgendeinem Typen ist, finde ich enttäuschend. Aber Stil ist nice.
12.03.2010, 09:24 von Transgressor@Transgressor Das ist es nicht. Es ist keine Metapher. Sondern einfach nur eine Geschichte. Über EMotionsregulation.
12.03.2010, 09:26 von Icke_un_du_oochZurückbeisen finde ich tatsächlich legitim. Damit das Kind merkt, wie weh das tatsächlich tut.
12.03.2010, 08:34 von Tanea