freddie 05.11.2007, 12:00 Uhr 1 2

Besoffen Sein......

und wo die wilden Jahre enden können

Zum ersten Mal trafen sie sich beim Schützenfest im Ort.
Andreas war 24 und fest angestellt in einem Betrieb der die meisten Arbeitsplätze schaffte in der Umgebung. Seine Mutter hatte ihm das kleine Haus vermacht. Es war sein Elternhaus. Alle unter einem Dach damals, beengt zwar, aber mit einem Garten und zwei Apfelbäumen. Die vier Geschwister teilten sich ein Zimmer und es gab einen Keller, wo man herrlich mit ein paar Kumpels auf Matratzen im Lichte bunter Partylampen absaufen konnte. Die Eltern tolerierten das, wo sollte sich die Jugend sonst treffen?
Andreas war beliebt in seiner Clique.
Die meisten waren im Ort geblieben, einige sind Berufssoldaten, wenige leben in der Kreis-Stadt, auch die Geschwister.
Zum Schützenfest allerdings gab es alljährlich ein großes Beisammensein und jeder war aufgebretzelt.
Sie kam von außerhalb, drei Dörfer weiter. Lena war klein und rundlich, hatte schöne Augen aber ein energisches Kinn.
Die Feierlichkeiten des traditionellen Schützenfestes dauern 3 Tage bis zum Krötenumzug am Montagmorgen.
Andreas war alle drei Tage besoffen, glücklich und jetzt auch noch verliebt. Alle staunten nicht schlecht als er Lena beim Ball am Samstag zum Tanzen aufforderte. „Unser Andreas, so kennen wir den gar nicht.“
Sie war eine Fremde, aber immerhin gut in Fahrt.
Ausgelassen und fröhlich schnappte sie sich immer wieder den schon
end-montierten Andreas der eigentlich auf das Pausenklingeln wartete.
Der Morgen dämmerte und sie lagen sich in den Armen auf den karierten Wachsdecken, die wackelige Holztische schonen sollten.
Es roch nach schalem Bier, abgekotztem Leben und kaltem Rauch der in den Zeltwänden hing wie eine höhere Gewalt.
Lena könnte diesen Mann lieben, dachte sie sich, und bekam 9 Monate später ihr erstes Kind.
Ein Mädchen.
Es wurde kräftig auf Sarah angestoßen die angeblich unter der Geburt zu wenig Sauerstoff bekommen hatte und von daher etwas zurückblieb, für immer und ewig.
Sarah lernte spät laufen und spät sprechen. Sie hatte aber im Alter von 3 Jahren ein wunderbares, helles Lachen. Alle sagten, sie sei ganz der Andreas. Blond, dick, lieb.
Lena lebte zurückgezogen im kleinen Haus mit kleinem Garten in dem kleinen Ort.
Sie kümmerte sich um Sarah, um Andreas und um die Schwiegermutter die immer öfter vorbeikam um nach dem Rechten zu sehen.
Sarah wurde verwöhnt mit Spielzeug. Das Zimmer war die reinste Kirmes. Es quietschte und flunkerte und plapperte aus allen Ecken. Das meiste Plastikspielzeug hatte Knöpfe und Schalter und diente zum in die Ecke schmeißen.
Im Sommer wurde hinter dem Haus ein Plantschbecken aufgebaut und wenn Andreas abends von der Arbeit kam, legte er sich mitsamt Tochter in das Becken und quietschte ebenfalls wie ein Gummitier. Er war glücklich, er hatte Familie, eine Arbeit und zwei Apfelbäume.
Lena mähte nie den Rasen. Sie hörte nie Musik, sie kochte aus der Truhe tiefgefrorenes und rauchte HB.
Sie brachte Sarah zweimal die Woche zur Therapie und später morgens in den Kindergarten. Sie bestellte beim Otto-Versand die hübschen rosa Kleider für Sarah und sie selbst trug neuerdings Leggins mit einem lässigen, weiten Pullover darüber. Sie hatte zugenommen, aber immer noch schlanke Beine.
Es war alljährliches Sportfest im Dorf, als Lena zum ersten Mal nach 4 Jahren entschied nicht mit zu kommen.
Sie wolle ins Kino und Sarah blieb bei Oma. Lena hatte sich Wimperntusche gekauft .
Andreas öffnete schon mal ein Bier zu Hause und schaute sie kaum an, stieg in den silberfarbenen Opel, ein älteres Model frisch aufgetuned, und fuhr zum Sportplatz.
Im ganzen Dorf hörte man das Rumpta Rumpta Rumptata vom örtlichen Blasorchester, später dann die Discomucke aus der Röhre vom DJ auf Rädern.
Ganz spät in der Nacht hörte man ein Scheppern und Polizeisirenen. Ein Unbekannter raste in ein parkendes Fahrzeug. Totalschaden.
Jeder wusste am nächsten Tag das es Andreas war, der die paar Schritte nicht laufen wollte.
Seine demolierte Karre hing eine Straße weiter in der Hecke vor seinem Haus.
Jemand zeigte ihn früh am Morgen an und er war geständig. Führerscheinentzug für unbestimmte Zeit, weil er immer noch genug Promille im Blut hatte.
Lena hatte verheulte Augen, alles verschmiert von der Wimperntusche.
Ein Jahr später war sie mit Sarah ausgezogen aus dem kleinen Haus mit dem langweiligen Ausblick, dem lächerlichen Garten und dem feuchten Keller, wo das Bier kühl stand. Das Auto nahm sie mit.
Andreas fährt jetzt mit dem Fahrrad zur Arbeit. Er hat abgenommen und sich zurückgezogen.
In einer Gartenecke liegt noch ein verknautschtes Plantschbecken, schon überwuchert von wilden Brombeeren.
Manchmal sieht er Sarah, bevor er zur Mittagsschicht radelt wenn sie aus dem Kindergarten kommt.
Lena hat den Kontakt zu ihm abgebrochen. Laut Gerichtsbeschluss hat sie das alleinige Sorgerecht.
Die Nachbarn sehen kein Licht im Haus, nur manchmal abends das Flimmern eines Fernsehers. Muss wohl jetzt in Sarahs Zimmer stehen, vor der Ernie und Bert Tapete. Die Gardinen müssten auch einmal gewaschen werden.
Andreas muss zahlen und - es sei ungerecht, wird im Dorf gemunkelt.

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