Barfuß über Glas
und kein Ausweg in Sicht
Es fängt an mit D, D, die ich eigentlich verachten wollte, wegen allem was sie weiß, allem was sie tut und nicht tut. Allem was sie ist und allem was sie nicht ist.
Sie ist deine Frau, sie liebt und respektiert dich.
Ich kann dich nicht offen lieben und respektieren kann ich dich auch nur heimlich.
Manchmal tust du mir leid (was beweist, dass ich dich doch sehr liebe). Ohne D wärst du heute ein allein stehender, 50-jähriger Mann mit 2 Kindern aus einer Ehe und 2 weiteren aus einer missglückten Beziehung. Ohne sie wärst du allein. Ich könnte mir dich gar nicht vorstellen, allein, in einer Wohnung im besten Viertel Münchens, mit Essen von lieferheld.de oder dem Italiener um die Ecke und trotz allem einem Job, den sich 1000e junge Ärzte wünschen würden.
Ich sollte ihr danken, für das schlechte Gemüse, das sie kocht, für die Diskussionen, die ihr habt, über Restaurants, über Kinderkleidung und das Wetter, über das Chaos, mit dem sie Leben in deine Wohnung und Liebe in deine Welt bringt.
Ohne sie wärst du allein. Bei allem, was man gegen sie anführen kann, ist sie doch deine Frau, ist sie da, wenn du einsam bist, ist sie da, wenn du jemanden braucht, ist sie da, wenn du niemand anderen hast. Sie ist da, wenn deine Kinder sich von dir abwenden, weil du uns nicht geben kann, was wir von dir wollen. Sie ist da, wenn ich nicht da bin. Sie sieht, was ich nicht sehe. Sie kann, was ich nicht kann. Sie tut, was ich nicht tue. Sie hat das, was ich will. Diese Beziehung zu dir. Alles, was ich immer wollte.
Warum kann ich es nicht? Was hab ich falsch gemacht? Was mache ich falsch? Sollte ich aufhören, so zu denken? Du liebst mich.
Du liebst mich. Ein Satz, den ich inzwischen wiederholen und nachsprechen, aber doch noch nicht so ganz glauben kann.
Warum zeigst du es mir nicht?
Ich bin immer noch deine Tochter. Ich bin keine ausgebildete Psychologin wie D, die ein sicheres Leben und eine Familie will, die dafür vieles zu verstehen versucht und vieles akzeptiert. Ich bin deine Tochter. Ich will anerkannt und geliebt werden, respektiert mit all meinen Wünschen und Bedürfnissen. Toleriert. Geliebt, wieder mal geliebt. Warum fällt es dir so schwer? Ich weiß, du versuchst dein bestes. Aber mein bestes ist dir auch nie gut genug und ich leide, ich leide, leide, leide. Unter dir, unter mir. Unter uns. Und ich weiß nicht, wie ich es ändern soll. Keiner kann es mir sagen. Keiner, du nicht, ich nicht.
Was soll sich ändern, wer soll und wann?
Warum spielst du immer noch eine so große Rolle in meinem Leben? Während ich diesen Satz tippe, bereue ich es. DU bist mein Vater. Ich will nicht, dass du alles beeinflusst, alles bestimmst. Ich bin zu alt, um dir alle Schuld in die Schuhe zu schieben. Aber das tue ich gar nicht mehr. Ich versuche zu verstehen, versuche, erwachsen zu werden. „Dein Vater ist kaputt, aber du bist es nicht“, das ist ein Lied, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht. Du bist kaputt. Bist du es? Deine Familie ist zerbrochen, als du 15 warst. 16? Du warst jung. Viel älter als ich, als meine Welt zerfallen ist. Zusammengebrochen. Auseinander gefallen. Du hättest weiterleben müssen, aber du hast es nicht richtig getan. Konntest es nicht? Wolltest es nicht? Wer weiß. Ich weiß nur, dass ich es musste. Und dass ich so nicht mehr kann.
Ich bitte dich, lass mich rein in deine Welt oder lass mich gehen.






Kommentare
Wundervoll geschriebener Text, wirklich. Frage mich, warum dieser Text bisher nur so wenig Beachtung gefunden hat und warum hier gleich 2 Leute meinen, es wäre besser, ihn deinem Vater zu geben.
Der Vater auch nicht. Wenn er kaputt ist, was soll er dann schon sagen? Würde vielleicht irgendwelche Phrasen dreschen, die nichts helfen und nur noch mehr kaputt machen. Oder gleich nicht zuhören, dann kann heldenwiewir das ja genauso gut gleich hier veröffentlichen.Ist das nicht offensichtlich? B.tina und jetsam, lest doch noch mal:
Deine Veröffentlichung des Textes verwundert mich! Weil so krass persönlich, brauchst du die Rückmeldung? In einem Verarbeitungsprozess würde es doch auch reichen, wenn du das nur für dich selbst auf den Computer tippst und abspeicherst? Was ist dein Grund, dich selbst einfach so bedingungslos zu öffnen?
06.07.2012, 03:37 von tiefversteckt
Hast Du das Deinem Vater schon mal so gesagt?
Das würde ich, wenn er mir einerseits zuhören würde und ich andererseits nicht zu große Angst davor hätte, dass ich schon längst kein Teil seiner Welt mehr bin und es mir nur nicht eingestehe.
28.06.2012, 00:30 von heldenwiewirIch würde es trotzdem machen. Kann doch nur besser werden? Oder anders: besser Klarheit, die wehtut als so ein Schwebezustand.
Und ich frage mich warum der Text hier steht. Hilft dieser Befreiungsschei wirklich was? Manchmal schon, jedoch gehören diese Zeilen auf ein Papier und an die richtige Adresse gesendet. - für einen Antwort und den inneren Seelenfrieden-
27.06.2012, 21:26 von jetsamDer "Befreiungsschlag", wie du es so schön nennst, ist mehr Teil eines Verarbeitungsprozesses. Du hast Recht, ist hier wohl ein bisschen fehl am Platz, aber leider trotzdem besser aufgehoben als bei ihm! Den inneren Seelenfrieden muss ich ohne Antworten finden
28.06.2012, 00:23 von heldenwiewirWas hat es für einen Sinn, an Stelle eines Namens einen Buchstaben zu verwenden?
27.06.2012, 20:58 von forstWas würde ihr Name ändern?
27.06.2012, 21:03 von heldenwiewirFrag ich dich. Generell: Was würde ein Name ändern?
27.06.2012, 21:11 von forstEr würde nichts ändern, weswegen ich ihn auch getrost weglassen kann!
27.06.2012, 21:13 von heldenwiewirDarum gehts in meiner Frage. Du hast ihn ja nich weggelassen, sondern nur alles außer den ersten Buchstaben.
27.06.2012, 23:39 von forstUnd was genau stört dich daran?
28.06.2012, 00:19 von heldenwiewirGar nichts. Stell dir einen netten alten Senior vor, der teetrinkend neben dir auf seiner Lieblingsbank sitzt und gerade deinen Text gelesen hat. Dann kuckt er dich mit einem gutmütigen aber fragenden Gesichtsausdruck an – vielleicht ein kleines Runzeln auf der Stirn, ein kleines Lächeln – und jetzt lies meine Ausgangsfrage nochmal.
28.06.2012, 00:42 von forstIst mir auch aufgefallen. Ist doch ein beliebtes literarisches Stilmittel.
28.06.2012, 08:27 von MadElaine