RAZim 21.07.2011, 18:19 Uhr 11 13

Balkonnacht

Düster, fast schwarz ist diese Nacht. Und unglaublich kalt. Wie lange wir hier nun schon auf meinem Balkon über der Stadt sitzen?

Heute Abend bist du endlich wieder zu Besuch gekommen.

Wir haben uns lange nicht gesehen, doch wenn du da bist, gibt es so viel zu erzählen, so viel zu schweigen.
Gemeinsam, auf meinem Balkon. Mit dir rede ich anders. Nicht wie mit meinem besten Freund, den Jungs oder einer der Ex-Freundinnen. Mit dir rede ich als Sohn.
Mich interessiert deine Meinung, deine Sichtweise und jede kaum merkliche Regung in deinem Gesicht kommt mir bekannt vor und ich weiß sofort was du meinst. Du bist nicht abwertend oder verletzend. Aus dir spricht nicht Kritik. Du bist interessiert, willst an meinem Leben teilhaben. Du redest mit mir, wie sonst niemand mit mir redet. Du bist mein Vater.

So gut haben wir uns nicht immer verstanden. Ich habe dich verachtet, du warst mir peinlich und Hass brodelte in mir. Das ist lange vorbei. Wir haben uns zusammengerauft und uns schätzen gelernt. Vieles habe ich erst verstanden, als ich damals ausgezogen bin. Und du hast auch gemerkt, dass mehr in mir steckt, als der unreife Teenager, der ich mal war. Ich schaue dich an und fühle mich gut. Gut aufgehoben. Probleme und Sorgen sind kleiner in deiner Gegenwart. Deine Ratschläge wiegen viel.

Wir genießen diese Abende und Nächte. Sie finden nicht häufig statt, sind aber doch regelmäßig.

Düster, fast schwarz ist diese Nacht. Und unglaublich kalt. Wie lange wir hier nun schon auf meinem Balkon über der Stadt sitzen? Eine Schachtel lang. Und zwei Flaschen lang.
Die Lichter hinter den Fensterscheiben der Wohnungen meiner Nachbarn verschwimmen und von Weitem höre ich deutlich die üblichen Geräusche des Güterbahnhofs.
Mir kommt die Ansage, die wir früher beim Einfahren in den Hauptbahnhof hörten, in den Kopf: „Willkommen in der Expo- und Messestadt Hannover“. Ich muss schmunzeln. Du hast die Augen geschlossen und lächelst milde.
Noch einen Schluck. Wodka. Für dich habe ich wie immer Grappa gekauft. Noch eine Chesterfield, das nächste Big Pack liegt schon bereit. Zum Drehen fehlt mir heute die Lust. Rauchen widert dich an, doch du sagst nichts, hast es längst akzeptiert.
Mein Mitbewohner war so nett, zu verschwinden. Er kennt das schon. Heute sind wir uns selbst genug.

2.49 Uhr. „Zeit zu gehen!“ sagst du. Wir umarmen uns etwas unbeholfen und doch ist es eine innige Umarmung. „Gleicher Ort, gleiche Zeit?“ fragst du. Ich nicke.
Die Wohnungstür fällt ins Schloss und mir fällt ein, dass ja noch ein Rest von dem Gras in meiner Dose liegt.
Mit dem Joint und einem letzten Schluck Wodka setze ich mich noch einmal raus.
Ich schlage das Fotoalbum zu. 6 Jahre ist es nun her. Verheilt ist nichts. Du fehlst.

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11 Antworten

Kommentare

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    Der Text gefällt mir auch sehr gut und er ist sehr treffend, wie schon der Text vom Sommerbaum.

    26.08.2011, 11:52 von GeisterHund
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    gefällt mir gut, und schönes ende.

    03.08.2011, 17:40 von mary.jane
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    sehr schön geschrieben!

    25.07.2011, 20:02 von la_la_la
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  • 0

    sehr schön geschrieben!

    25.07.2011, 20:01 von la_la_la
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    berührend...

    24.07.2011, 16:35 von BlitzBlotzDonner..
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  • 0

    "Heute sind wir uns selbst genug".
    Ich glaub, das sind Momente, die sein müssen.
    Bittersweet, wie Faraduna es oben schreibt, trifft es recht gut. Sehr gut eben dieses Gefühl durch den Text transportiert.

    22.07.2011, 19:42 von topfbluemchen
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  • 0

    Das Ende trifft. Ein Satz der alles anders erscheinen lässt. Ich liebe das :)

    22.07.2011, 18:27 von MissesX
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    gefällt.

    22.07.2011, 14:06 von speerspitze
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    gut.

    22.07.2011, 12:15 von Ozelotte
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