Bademantel Of Destruction.
Fünfundzwanzigjahre. Du sagst das immer so, als wären die Worte miteinander verschmolzen.
Als könntest du sie nicht mehr voneinander trennen. Doch musstest du erkennen, dass sie nun wieder auseinander gehören und die fünf keiner sechs mehr weichen wird.
Ja gut, diese Zahl, sie ist schon schwer nachvollziehbar, erinnere ich mich gerade mal an meine letzten zwölf. Betrachtet man Beziehungen, die nach vier Jahren bereits heiser keuchend einen Dauerlauf rennen, ohne jemals genug Puste für das Ziel zu haben. Bedenkt man die Erinnerungen, die sich vor dir wie ein weiter See erstrecken, auf dem du, falls er überhaupt irgendwann zufrieren kann, immer wieder einbrechen wirst.
Du hast so hübsch ausgesehen, viel besser als sonst, als ich den Raum betrat. Ihr habt gemeinsam am Tisch gesessen. Euch angeschaut. Irgendetwas war falsch. Ein beklemmendes Schauspiel im Wintergarten. Winter. Er war eingebrochen. Du auch.
Geglaubt hab ich es erst, als ich vor ihrem Haus stand, mit seinem Auto in der Auffahrt. Links oben brannte Licht. Rotlicht. Anstatt die Dekokugeln aus dem Vorgarten direkt in dieses Fenster zu schmeißen stand ich rauchend an der Grundstücksgrenze. Ruhig. Dreimal klingelte ich, ohne damit zu rechnen, dass Jemand öffnet. Ich hoffte auf Scham, auf Reue, auf ein schlechtes Gewissen, oder wenigstens auf einen Interruptus ihres vermutlich stattfindenden Coitus. Doch dann öffnete sie die Tür. Gönnerhaft lächelnd. In einem gelben Bademantel. Keine sarkastische Bemerkung, keine Träne war sie von diesem Moment an wert. Wie ein anständiges Kind zog ich sorgsam die Schuhe aus und wartete auf ihn im Flur. In diesem fremden Haus. Nur um ihn ein letztes mal fest anzuschauen. Für dich. Für mich. Für unsere einstige Familie.
Es war absehbar, will ich sagen. Dich an die Hand nehmen, wie einer dieser Vergangenheitsgeister bei der Weihnachtsgeschichte, um dich durch unsere Zeit zu führen. Dir zu zeigen wie unglücklich du warst. Einsamer als jetzt. Mit dir den Schmerz,wie mit meinen Freunden einst, wegtrinken und dir dabei zusehen, wie dir Fremde in Kneipen Anerkennung in dein auslaufendes Selbstbewusstseinsfass stopfen. Dir eine Wohnung hier beim mir suchen. Mit dir tausend bunte Zettelchen mit all seinen schlechten Eigenschaften beschreiben und sie quer im Haus verteilen. Mit dir ein Café aufmachen, indem du dich entfalten kannst. Dein eigener Boss bist. Seine Anzüge, die noch zu Hause hängen zunähen. Uns über ihre alberne Dauerwelle lustig machen. Einen Monat in unser Refugium nach Italien fahren. Ihn ignorieren. Dich auffangen.
Das wird nichts.
Du hast es nicht kommen sehen, hast du gesagt. Die Vergangenheitsreise zu lang und schmerzhaft für dich. Du bist einsam. Jetzt noch einsamer. Du trinkst allein, doch dein Schmerz sitzt nicht in der Blase. Er wird nicht ertrinken. All die Fremden mit ihren Korken bleiben aus, denn du fühlst dich zu alt in Kneipen. Läufst weiter aus. In der Wohnung hier bei mir wirst du nie dein Bett aufschlagen, zu stark ist die Bindung an das Haus. Unser Haus. Die bunten Zettel liegen verteilt zu Hause herum, doch farbenblind ziehst du an ihnen vorbei. Unser Café wird wohl nie einen einzigen Gast begrüßen können, denn du wirst weiter mit ihm arbeiten müssen, bis zu letzten Cent die Schulden tilgen. Die Anzüge die noch zu Hause hängen, können auch ruhig zugenäht werden. Es sind die, die er bewusst da ließ. Er wird sie nicht mehr holen. Unsere guttuenden, gehässigen Worte über ihre Frisur können wir gern pausenlos herausbrüllen. Ihn werden sie nicht interessieren. Schliesslich ist es jetzt seine Dauerwelle. Und selbst in unser Refugium willst du nicht mehr. Sie waren dort, aßen unsere Pasta, auf unserem Campo, in eurem Bett.
Und zu gern würd ich Ihn ignorieren, wirklich. Doch zu viel Blut steckt in mir. Seins.
Ohnmächtig. Selbst auffangen musst du dich allein. Ich werd ihn nicht ersetzen können. Dazu fehlt mir nicht nur der Bauch und der Bart. Aber festhalten werd ich dich weiterhin. So lange bis du nicht nur Fünfundzwanzigjahre sondern auch Ohnmächtig auseinander schreiben kannst. Und mit dem "Ohn" schmeissen wir dann ihr linkes oberes Fenster endlich ein.



Kommentare
baby, was soll ich sagen. i love it. immer noch. moje mala
15.11.2011, 19:58 von mo_chroiBeeindruckend und erdrückend zugleich. So kann es sich wohl anfühlen, wenn die Eltern sich trennen, wenn die Kinder keine Kinder mehr sind. Ich war 6, mir blieb diese Reflexion erspart....
12.02.2010, 18:18 von HidihoEs geht nicht nur um dich. Es geht um sie, um ihn, um deine Mutter. Du, ich, wir sind Nebendarsteller. Es ist schwer für alle. Für ihn besonders und für deine Mutter erst recht. Das wissen wir. Schon oft erlebt. Du zum ersten Mal, anmaßend. Es tut weh, die wichtigsten Menschen in seinem Leben verletzt, traurig, getrennt zu sehen. Es ist ein neuer Abschnitt, Lebensabschnitt. Denn darum geht es, um sein Leben. Seine Entscheidung für ein Leben mit ihr, nicht gegen ein Leben mit dir. Undankbar.
09.02.2010, 22:56 von TriangleWalksNächtliche Besuche. Die Dreistigkeit schlechthin.
Aus diesem und wie wir wissen auch aus anderen Gründen, sollten sich vielleicht ausnahmslos alle in dieser Geschichte einmal schämen.
@TriangleWalks Anmaßend. Bemerkenswert, dass du das sagst.
10.02.2010, 14:43 von WesCadleAlso, ich mag den auch.
09.02.2010, 16:49 von frl_smillaHab ihn heute Mittag gelesen und mal sacken lassen.
Läuft sehr gut rein.
Nüchtern und sprachlich nix auszusetzen.
Achtung, ich mach jetzt mal was, was ich -- glaube ich -- noch nie gemacht habe:
*thumbs up*
bääähm!
09.02.2010, 16:40 von TochterAusElysiumdas sitzt.
sehr sehr schön. sehr sehr tief.
irgendwie ist es wohl die angst jedes kindes – auch grundlos – dass eltern sich entlieben. ich wünsch mir, dass das nie passiert. und euch alle kraft der welt.
Schöne Sätze. Wie dieser:
09.02.2010, 11:03 von coronaria"Winter. Er war eingebrochen. Du auch."
Gefällt mir.
Danke. Bei mir wars letztes Jahr, nach 23 Jahren.
08.02.2010, 22:42 von ZimtsternschnuppeBesonders der letzte Absatz hat mir gut getan.
sehr bildhaft geschrieben. 25 Jahre sind 1/4 Jahrhundert, Erinnerungen, Schmerz, Freude, Glück, Trauer. Die Geister der Weihnacht zeigen auch die Zukunft. Ist sie in 25 Jahren so anders? Danke.
08.02.2010, 21:55 von 03ich88Wieder eine dieser Ehegeschichten, in der beide wissen dass es nicht mehr funktioniert, aber erst eine andere Frau auftauchen musste, um wirklich ein Ende zu setzen?
08.02.2010, 16:16 von sun-chan87Schön geschrieben.
@sun-chan87 Es bieten sich andauernd Möglichkeiten schwierige Beziehungen zu beenden, die wahren Probleme indes lösen sich damit selten.
09.02.2010, 03:44 von schauby