Baby come, Baby go
Zwei rosa Streifen, die alles verändern. Leider nicht so, wie ich es mir immer vorgestellt hatte.
Ich hatte immer eine Vorstellung davon, wie diese Situation eines Tages ablaufen würde. Der Test färbt sich rosa. Ich schaue ungläubig auf den zweiten Strich. Ich begreife. Das Glück steigt siedendheiß in mir hoch, meine Augen füllen sich mit Freudentränen. Ich bekomme ein Baby! Juhu!
„Eines Tages“ lief dann so ab: Schlaftrunken, an einem Mittwochmorgen pinkelte ich auf den Test. Da färbte sich gar nichts rosa. Typisch, dachte ich. Verdammte Regel, warum kommst Du nur immer zu spät? Ich stieg in die Dusche, stieg wieder aus der Dusche. Als ich nach meiner Zahnbürste griff, fiel mein Blick auf den Test. Und meine Augen fast aus dem Kopf. Ein zweiter Strich. Ganz zart rosa. Lag das nur an der Badezimmerlampe? Ich griff nach dem Test, hielt ihn in jedem Winkel unter die Leuchte. Ein Strich? Kein Strich? Hilfe! Ich kam mir vor, wie im falschen Film. Das Drehbuch stimmte nicht. Wo waren denn die Freudentränen, die ich mir ausgemalt hatte, seit ich 13 gewesen war? Alles, was ich jetzt fühlte, war Konfusion.
Ich stürzte mit dem Test in der Hand ins Schlafzimmer. Mein Freund lag im Bett. Ich musste gar nichts sagen, hielt nur den Test hoch. Mein Freund begriff, sprang auf. Wir setzten uns auf die Bettkante, inspizierten gemeinsam die beiden Streifen. Einer knallrosa. Einer zartrosa. „Dann bist Du wohl schwanger“, sagte mein Freund und küsste mich. Ich wartete immer noch auf die Freudentränen. Aber da waren keine. Der erst positive Schwangerschaftstest meines Lebens und nur drei Gedanken schwirrten in meinem Kopf. Kann das sein? Ist das mein Baby? Werde ich wirklich die Mutter von jemand sein?
Wir hatten uns ein Kind gewünscht. Ich hatte die Pille abgesetzt und jetzt sah ich das Ergebnis. Beim ersten Versuch hoffte ich verbissen auf Erfolg. Ich wollte doch so gerne ein Juli-Baby haben. Der zweite Versuch ging genauso daneben. Im dritten Monat dachte ich trotzig, dann eben nicht. Und zack. Ein September-Baby.
Das war die erste Lektion, die ich lernte. Kinder lassen sich nicht planen. Sie kommen, wenn es ihnen passt. Und Du kannst es nur so hinnehmen.
An diesem Tag war nicht viel los mit mir bei der Arbeit. Den ganzen Tag googelte ich heimlich meine Schwangerschaftswoche, Entbindungstermin und Ultraschallfotos. Der Tag zog sich wie Kaugummi.
Das war die zweite Lektion, die ich lernte. Wenn Du schwanger bist, vergeht die Zeit nicht. Jeder Tag krallte sich fest. Weigerte sich, für den folgenden das Feld zu räumen. Mir kam es vor, als erlebte ich jede Stunde doppelt. Ich versuchte, nicht immerzu an den Zellhaufen in meinem Bauch zu denken. Es gelang mir nicht.
Das nächste Etappenziel war der erste Arztbesuch. Zwei unendlich lange Wochen musste ich darauf warten. „Früher hat es keinen Sinn“, sagte mir die Sprechstundenhilfe am Telefon. „Da sieht man noch nichts auf dem Ultraschall.“
Also warteten wir. Ich horchte auf jede Veränderung. Ich staunte darüber, wie ein Wesen, kaum größer als ein Stecknadelkopf, die Regie in meinem Körper übernahm. Mir war rund um die Uhr übel. Meine Brust wurde größer. Dauernd musste ich zur Toilette. Ich konnte Zigarettengeruch nicht ertragen. Parfümgeruch morgens in der U-Bahn ließ mich fast in Ohnmacht fallen. Und noch nie in meinem Leben hatte ich so tolle, reine Haut gehabt.
Ich fing an, mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ich einen Mitbewohner hatte. Ich stellte mir vor, wie aus dem Mini ein Mensch werden würde. Mein Kind. Immer tiefer buddelte sich das Baby in mein Herz.
Komisch, wie eine Situation das Leben so verändert, dass man sich gar nicht mehr vorstellen kann, wie es vorher war. Seit dem zartrosa Teststreifen waren erst ein paar Tage vergangen. Und doch konnte ich mich kaum noch daran erinnern, wie sich mein Leben vorher angefühlt hatte. Wie es gewesen war, nicht schwanger zu sein. Meine Welt stellte sich auf den Kopf. Und ich fand es mit jedem Tag großartiger.
Klar, ich hatte auch Angst. Mir dämmerte, dass ich noch nicht mal erfassen konnte, was sich alles ändern würde. In meinem Leben würde kein Stein mehr auf dem anderen stehen. Ich hatte Verantwortung für jemand anderen. Und die spürte ich schon jetzt, wenn ich auf Räucherlachs und Wein verzichtete. Überall im Internet las ich von Fehlgeburten, von Statistiken und Wahrscheinlichkeiten, das so ein Kind zur Welt kommt. Ich hatte Angst um mein Baby. Auch wenn ich nicht glaubte, dass ihm etwas zustoßen könnte.
Wir behielten unser Geheimnis erst einmal für uns. Erst nach den kritischen 12 Wochen wollten wir es dann unseren Familien und Freunden sagen.
Der erste Ultraschall-Termin kam – nach gefühlten 500 Tagen. Nie in meinem Leben war ich so aufgeregt gewesen. Auch von diesem Termin hatte ich eine Vorstellung gehabt. Und es spielten wieder Freudentränen eine Rolle. Dieses Mal musste ich nicht darauf warten. Als der Arzt uns das puckernde Herzchen zeigte, öffneten sich alle Schleusen. Ich sah in die feuchten Augen meines Freundes. Eine halbe Stunde später standen wir im Regen vor der Praxistür und streichelten das erste Ultraschall-Foto unseres Babys.
Bis zum nächsten Termin mussten wir wieder zwei Wochen warten. Sie vergingen noch langsamer als die letzten beiden Wochen. Wenn dann alles in Ordnung ist, sagen wir es unseren Familien, beschlossen wir. Ich malte mir stundenlang aus, wie meine Oma auf die Nachricht reagieren würde. Oder meine Schwester. Oder meine Freundinnen.
Ich horchte immer noch auf meinen Körper. Die Übelkeit machte mir am meisten zu schaffen. Und die Müdigkeit. Aber das war mir egal. Für jedes Zipperlein war ich dankbar. Ein gutes Zeichen, dachte ich.
Der zweite Ultraschall-Termin beim Arzt kam – nach gefühlten 1000 Tagen. Ich war unendlich aufgeregt und konnte es kaum erwarten, mein Kind wiederzusehen. Dieses Mal sollte auf dem Ultraschall-Monitor schon ein richtiges Baby erscheinen, mit Kopf, Rumpf und Ansätzen von Armen und Beinen. Beim letzten Mal war es noch ein grauer Fleck mit einer pulsierenden Mitte gewesen. Gebannt starrten wir auf den Bildschirm. „Da ist es“, sagte der Arzt. „Es ist schön gewachsen.“ Und dann sagte er nichts mehr. Zoomte den grauen Schatten näher. „Ich sehe kein Herz“, sagte er. „Sehen Sie etwas pulsieren?“ Nein. Da war nichts.
Komisch, wie eine Situation das Leben so verändert, das man sich gar nicht mehr vorstellen kann, wie es vorher war. Noch vor fünf Minuten hatte ich mich auf mein Baby gefreut, hatte mich als Mutter gefühlt. Und nun musste ich entscheiden, wann ich den toten Embryo ausschaben lasse. Missed Abortion heißt es, wenn das Herz einfach aufhört zu schlagen. Ich hatte davon gelesen. Ich hatte nie gedacht, dass es mir passieren könnte.
Eine halbe Stunde später standen wir im Regen vor der Praxistür und weinten.
Ich weiß nicht, wie viele Tränen ich dieses Wochenende geweint habe. Eigentlich wollten wir Samstag die Mutter meines Freundes besuchen und ihr von unserem Baby erzählen. Stattdessen gingen wir ins Kino. Versuchten, uns abzulenken. Die Zeit anzutreiben, damit endlich Dienstag wird.
Ich habe meiner Schwester erzählt, dass sie fast Tante geworden wäre. Noch eine Sache, die ich mir immer anders vorgestellt hatte.
Ich war froh, dieses Wochenende nicht alleine zu sein. Heute ist mein Freund zur Arbeit gegangen. Ich bin alleine mit mir, dem toten Kind in meinem Bauch und meinen Gedanken. Hätte ich etwas tun können? Habe ich etwas falsch gemacht? War das Baby krank? Was stimmt nicht mit mir? Wird es ein nächstes geben? Werde ich auch das wieder verlieren? Einer Statistik zufolge erlebt jede dritte Frau in ihrem Leben mindestens eine Fehlgeburt. Vielleicht ist es einfach nicht für mich vorgesehen, dass ich Mutter werde.
Morgen muss ich ins Krankenhaus. Dann wird die Uhr zurück auf Null gestellt. Aber es wird nichts mehr so sein, wie als die Uhr zuletzt auf Null stand.
Wann wird es aufhören, weh zu tun?




Kommentare
Oh Du Arme!
16.02.2009, 11:00 von amidalaDiese Situation ist einfach schrecklich. Ich selbst habe in meinem Bekanntenkreis einige Frauen, die bereits ein Kind verloren haben, obwohl sie sich so sehnsüchtig eins wünschen. Es ist einfach so: es passiert ziemlich häufig - nur dass niemand gerne darüber spricht. Meist erfährt man diese Geschichten erst, wenn einem selbst so etwas widerfahren ist oder wenn man vom Verwandtschaftsgrad dicht genug dran ist.
Aber gib die Hoffnung nicht auf! Ich selbst wäre einmal Beinahe-Tante geworden und inzwischen, einige Tränen, verzweifelte Fragen und Unverständnis später, bin ich die Tante des süßesten kleinen Mädchens, das Du Dir nur vorstellen kannst!
Alles wird gut! Nicht sofort, aber in einigen Wochen und Monaten, vielleicht auch in einem Jahr! Ganz sicher!
Hab gehört, zwei Fehlgeburten pro Frau wären noch in der Norm.
16.02.2009, 10:59 von TaneaHört sich scheiße an, ich weiß.
Bei einer Bekannten hat es erst im vierten Anlauf geklappt. Das Ergebnis ist aber ein Prachtexemplar .