Axthiebe
Er schaut wieder auf die Zeile unterhalb des Fotos.
Lange betrachtet der alte Mann das Foto in seinen Händen. Es wirkt ein wenig fehl am Platz, so glänzend und poliert, auf schwerem Papier gedruckt, neben seinen faltigen, kantigen, grau behaarten Fingern. So sitzt er da, der alte Mann, und starrt auf den Zeitungsausschnitt. Um ihn und seine flackernde Öllampe liegt erstickend die Dunkelheit der angebrochenen Nacht im Raum.
Der Tisch, auf den er seine massigen Arme stützt, ist grob aus Holz geschlagen, so auch die restlichen Möbel in der Hütte. Dicke Balken stützen Decke und Wände, eingerahmt von groben Kalksteinen. Die Hütte scheint für die Ewigkeit gebaut, nichts ist zerbrechlich oder etwa filigran. Alles ist stark, braun, grau und dunkel.
Eigentlich müsste er sich freuen. Die Zeit, in der sie nicht mal ein Foto zu ihm sandte, ist noch nicht lange her. Eigentlich müsste er Erleichterung spüren. Darüber, dass sie lebt. Darüber, dass es ihr gut geht. Darüber, dass sie ihm schreibt. Der alte Mann seufzt schwer und ist etwas unsicher. In all den Jahren, die er nun hinter sich gebracht hat, gab es für ihn nie einen Anlass, sich selbst etwas zu fragen. Es gab den Wald und es gab seine Axt. Jeden Morgen ging er in den Wald und schlug Bäume, viele Bäume. Und wenn er nach Hause in diese Hütte kam, in der schon sein Vater und sein Vatersvater gelebt und Bäume geschlagen hatten, dann wartete seine Frau auf ihn und brachte ihm einen Teller Suppe. Später am Abend stieg er auf sie. Dann nahm er sie mit groben Stößen, mit gewaltigen Hieben. Je älter er wurde, desto weniger brauchte er es, desto weniger oft packte es ihn. Sie schenkte ihm eine Tochter.
So liebte er sein Leben und er sah keinen Grund, es zu verändern. Noch viel weniger sah er einen Grund, es zu hinterfragen. Im Winter lag Schnee und im Sommer waren die Wiesen grün. Sein Selbstverständnis war groß und stand stark hinter ihm, füllte den ganzen Raum aus. Bis er eines Tages nach Hause kam und keine Suppe vorfand.
Normalerweise roch er die Suppe bei Westwind schon an der kleinen Kreuzung der beiden Jagdsteige. Seine anfängliche Verwunderung schlug schnell in Besorgnis um, als er erkannte, dass aus dem Schornstein der Hütte nicht wie üblich Rauch kam. Er beeilte sich und betrat hastig die Stube – und fand seine Frau zusammen gekauert neben dem erloschenen Ofen sitzen. Die Augen rot und leer geweint, hielt sie in der Hand einen Zettel, der ihm später sagen würde, dass seine Tochter weg gegangen war. Dass ihr Leben eine Hölle gewesen war, dass sie die große Welt sehen wollte, dass sie vorankommen wollte. Und dass sie deswegen nie wieder nach Hause kommen würde. Er verstand nicht.
Auch jetzt versteht er immer noch nicht. Und er fühlt seine Verzweiflung, fühlt seine Wut und weiß nicht, wohin damit.
Nach einigen Monaten hatte er sich damit abgefunden. Anfängliche Fragen presste er unbeantwortet zurück in sein Herz und schlug Bäume, noch mehr Bäume. Wenn er nach Hause kam, stand oft genug keine Suppe auf dem Tisch, sondern seine Frau saß neben dem Ofen und starrte vor sich hin. Dann riss er sie hoch und schlug ihr ein paar Mal ins Gesicht. Öfter auch mehr, als er dachte, dass angebracht war. Ab und an schlug er sich in einen Rausch und erkannte erst sehr spät, dass er von ihr ablassen musste. Danach fühlte er sich besser.
Manchmal wütete er und schrie ihr die Schuld zu. Verfluchte beide, Mutter und Tochter, die ihm sein Leben ruiniert hatten. Die ihm die Freude am Bäume Fällen genommen hatten und die ihm seine täglich verdiente Suppe verweigerten. Ihn überkam die Wut oft unverhofft und er sah keine Möglichkeit, das zu ändern. Aber auch daran gewöhnte er sich.
Er schaut wieder auf die Zeile unterhalb des Fotos.
Wenn ich in meine Kindheit zurückblicke, dann sehe ich dich, Vater, und deine Schuld.
Der alte Mann liest die Zeile wieder und wieder. Er kann seine Schuld nicht erkennen, weiß nicht, was sie meint. Er hatte sich immer ordentlich verhalten. Sein verletzter Stolz reibt sich an dem Verlust seiner Liebe und brennt höllisch in seiner Brust. Die Wut als Ausweg hat seinen Sinn verloren. Noch einmal hat sie ihn gepackt. Als er den Zettel aus der Hand seiner Frau nahm und ihn las. Da wurde der Schmerz zu stark und die Wut zu groß.
Jetzt liegt sie in der Dunkelheit, so dass er sie nicht sehen muss. Liegt da wie ein Schatten im Nichts. Und trotzdem ist es, als würde sie ihm die Kehle zu schnüren. In ihm rast die Angst.
Der alte Mann steht auf und nimmt seine Axt. Ohne einen Blick zurück zu werfen, öffnet er die Tür und geht hinaus in die Dunkelheit des Waldes.




Kommentare
Verdammt guter Text. Und Dein, in meinen Augen, zweitbester dazu.
13.10.2010, 15:37 von DarenBRensKlare Empfehlung, da klar geschrieben sowie dicht und konsequent erzählt.
Ja, da ist das Elterntum schön erklärt und erzählt.
26.09.2009, 02:08 von frl_smillaJeder hat seine Wahrheit, der alte Mann hat seine und seine Tochter hat die ihre. Jede dieser Wahrheiten scheint subjektiv richtig und geeignet, das eigene Tun zu rechtfertigen.
25.09.2009, 19:47 von SonglineWer mag da Richter sein?
"Verurteile niemanden, bevor Du nicht in seiner Lage warst", steht im Talmud. Ein wahres Wort.
Toller Text!
Irgendwie hatte ich das Gefühl gleich auch auf das Foto blicken zu können. Wo ist es? Das Bild?
25.09.2009, 13:40 von TaneaSehr dicht, nimmt einen mit und lässt einen ebenso im Dunkeln stehen, wie den alten Mann.