.niewinter 17.07.2008, 22:38 Uhr 1 3

AusgeSohnt...

Ich wurde eben entsohnt. Die unsichtbare postnatale Nabelschnur wurde durchtrennt. War es Ignoranz oder Resignation?

Ein Abend wie immer. Ich komme später nach Hause, ich war die letzten Tage fort. Setze mich mit zweimal Erdbeermarmelade auf neben meine Mutter aufs Sofa. Sie schaut fern. Arte.
Ich kann das Fernsehen kaum ausstehen.
Sie sagt "wir leben nur noch aneinander vorbei, oder nebeneinander. Nicht mehr miteinander." und ich weiß, dass sie irgendwie recht hat, auch wenn ihr Ton verraten könnte, dass dieser Satz ein Lippenbekenntnis ist.
Ich bin oft weg, auch um es zu vermeiden, zuhaus zu sein. Ich beginne, von den vergangenen Tagen zu berichten, ein Teil von mir tut es, um ihr einen Gefallen tun, ein anderer Teil will es erzählen. Dann kommen ihre Fragen. "Hast du gefragt ob..", "Woher weißt du, dass...", "Wann machst du.." "Was hast du..." - Fragen, die mir unbehagen bereiten, mein Inneres erkalten lassen und mich unter Druck setzen. Ich esse meinen Toast auf und verschwinde, hagere Worte zurücklassend. Als ich aus der Küche komme, kommt sie mir entgegen. "Gehst du ins Bett?", fragt sie, und ich sage "Nein.. Ich gehe weg.. Von dir und deinen Fragen, da sie mich alle erdrücken... Das ist irgendwie in letzter Zeit immer so."

Schweigen. Die Küche ist erfüllt mit Schweigen. Eine Stille die neben allen Tönen auch die Zeit verschlingt und die Sandkörner einzelnd lautlos fallen lässt. Sie sagt nichts.

Plötzlich betritt mein Bruder die Küche. Meine Mutter behandelt ihn wie immer, redet mit ihm, sagt sie geht ins Bett. Dann geht sie, und lässt unsere Wunden offen im Raum verwesen.

Ich wurde grad entsohnt. Meine Mutter lässt die Probleme, die es zwischen ihr und mir gibt, bestehen, sie möchte scheinbar nicht daran arbeiten.

Ich sitze hier und habe mir noch einen Marmeladentoast gemacht. Die Marmelade ist von ihr, und jeder süße Bissen macht mir mehr und mehr klar wie naiv ich war. Dass die Umkehr jeder Abnabelungsfantasie so betäubend ist, hätte ich mir in meinem naiven Kopf nicht vorgestellt.

..

Ich esse nun auf und gehe zu ihr. Vielleicht bin ich ja doch noch ein bisschen angenabelt.

3

Diesen Text mochten auch

1 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Manchmal das zerreist das Herz, wenn die Zeit seinen Lauf nimmt. Jedoch geht es immer weiter.
    Aber auch wenn es so scheint, als entfremde man sich immer mehr voneinander... die Beziehung ändert sich und man muss einen neuen Zugang finden. Das ist nie die universelle Garantie, aber es wäre immerhin ein Anfang.
    Das Problem, nicht miteinander reden zu können und sich ständig in dieser Fluchtsituation zu befinden ist nicht nur bedrückend, sondern kann vieles zerstören. Das innere zerbricht, Stück für Stück. Wenn man nicht einen kompletten Scherbenhaufen in sich tragen will, dann sollte man mit Vorsicht und Gefühl an die Sache herangehen und das zerbrechliche Gut beschützen, das die Beziehung so wertvoll macht. Ansonsten schneiden die Scherben nur Wunden in das Innere und ein Splitter bohrt sich in das Herz... tiefer, bis das starke Gefühl durch Stumpfheit ersetzt wird, oder man zerbricht, wie das innere zuvor.

    17.07.2008, 23:43 von Shiko
    • Kommentar schreiben

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare