ABgestempelt 23.01.2009, 23:12 Uhr 1 2

Aus dem Rhythmus

Ich hatte es schon immer geahnt....Hormone regieren die Welt!

*"MIST!" ,denke ich, "MIST, MIST, MIST!" Hatte ich mir beim letzten Mal nicht vorgenommen, dass mir so etwas NIE wieder passieren würde? Dass ich ab jetzt IMMER umsichtig damit umgehen würde? DASS ich vorausschauend, erahnend immer den richtigen Moment erspüren würde? IMMER zum richtigen, zum wichtigen Zeitpunkt, dem Zenit, DEM TAG, IMMER und ganz GENAU dann vernünftig sein würde? Hatte ich mir das nicht vorgenommen? Ganz fest?

Und nun? WO bin ich hingekommen?!
Richtig, genau da, wo ich gar nicht mehr sein wollte.

Ich sitze hier in meinem kleinen Zimmer, links flankiert von einem Glas Rotwein, welches ich über das übliche untere Drittel hinaus bis zum obersten Rand gefüllt habe.
Scheiß doch drauf, dass der Rotwein eigentlich Atmen müsste, um sein volles Aroma entfalten zu können.
Wieso soll es dem anders gehen als mir, hä?! Entfalten! TZ!
-Ja! ALSO! Sag ich doch!
Rechts von mir türmt sich ein klitze-, klitzeklitzekleiner Papierberg. Alles Bewerbungsunterlagen, die ich eigentlich schon längst fertig machen wollte.
Ich sitze dazwischen und trommle wie wild mit meinen Fingerspitzen auf die himmelblaue Tischplatte.
Der Tisch ist ein Überbleibsel.
Eine Beziehung aus vergangenen Tagen hat sich in seine Oberfläche eingebrannt: das Lachen, als wir durch die Hallen dieses wunderbaren Antik- und Trödelmarktes sprangen, Du mit dieser unmöglichen Hippiesonnenbrille auf der Nase, ich mit diesem scheußlichen Hut auf dem Kopf.
Alles schien möglich.
Der Himmelblaue Tisch war für uns perfekt. Du wolltest ihn Himmelblau lassen.
Ich wollte ihn lieber abschleifen und auf seinen hölzernen Grund schauen.
Nun sitze ich hier. Du bist fort.
Nein, ich bin fort und ich habe unseren Tisch mitgenommen.
Ein "uns", oder "wir", geschweige denn "unseren" gibt es nicht mehr.
Und das "Du", das gilt jetzt einem anderen.
Noch immer trommeln meine Fingerspitzen nervös auf die Tischplatte.
Ich nehme einen großen Schluck vom Rotwein der nicht Atmen kann.
In diesem Augenblick reanimieren wir uns gegenseitig, der Rotwein und ich.
Mein Pony nervt mich.
Er ist viel zu lang. Ich wollte schon vor zwei Wochen zum Friseur. Immer wieder versuche ich ihn hinter meine Ohren zu klemmen. Die wirren Haarsträhnen halten sich dort genau den Bruchteil einer Sekunde, bevor sie wieder in ihre Ausgangsposition vor meinen Augen zurückfallen.
Genervt puste ich die Haarspitzen weg. Vergeblich.
Meine beste Freundin hat mir, kurz bevor sie ihr erstes Kind bekommen hat, erzählt, dass man unbedingt vor der Geburt noch zum Friseur gehen sollte. Denn, so sagte sie weisheitsvoll, obwohl sie es ja eigentlich noch nicht aus eigener Erfahrung wusste, es war ja schließlich selbst ihr allererstes eigenes Kind, sei dieses Kind erstmal da, so sagte sie damals, hätte man in den ersten Wochen keine Ruhe mehr sich stundenlang vom Friseur die Kopfhaut massieren zu lassen.
"Ja", denke ich. "Genau."
Und dann denke ich: "MIST, MIST, MIST!"
Noch einen Schluck Rotwein.
Ein großer Schluck.
Schließlich soll es ja mit dem Wein und mir darauf hinaus laufen, dass ich endlich mal auf die Toilette muss.
Aber, wie das dann immer so ist im Leben: Wenn man muss, dann muss man nicht.
"MIST!"
Noch einen Schluck.
Draußen regnet es. Den ganzen Tag schon. Die ganze Woche schon.
Als ob der Himmel gemeinsam mit mir Trübsal bläst. Eine Woche.
Normalerweise bin ich immer im Rhythmus.
Es ist das Erste Mal, dass ich wirklich richtig und ganz lange schon überfällig bin.
Eine Woche.
Gott, was würde ich jetzt für ein paar kräftige Bauchschmerzen tun. Meine Seele würde ich für ein paar Unterleibsbeschwerden verkaufen. Egal. Auch an den windigsten Vertreter der jetzt an meiner Tür klopfen würde. Alles, alles, alles. Ich würde ihm sogar noch den Staubsauger aus den Händen reißen.
Ich bräuchte sowieso einen.
"Vielleicht sollte ich putzen", denke ich, "das lenkt ab."
Stattdessen nehme ich noch einen Schluck Rotwein.
Ich stehe auf und schlurfe ins Bad. Ich muss immer noch nicht, aber ich kontrolliere ob auch alles für den großen Augenblick bereit ist.
Sauberes, nicht mit scharfen Lösungsmitteln gereinigtes Behältnis zum Auffangen des Urins? -CHECK!
Pipette, zum Aufsaugen der paar Tropfen die man dann letztendlich braucht? -CHECK!
Das Ding, vielleicht nennt man es Adapter, Applikator... oder so, wo man dann das alles drauftröpfelt? -CHECK!
Taschentücher? (Die kann man immer gebrauchen) -CHECK!
Uhr? -CHECK
Ich atme ein paarmal tief durch, mein Herz rast.
"Oh bitte, bitte", denke ich, "bitte, bitte, lass es nur dieses eine mal noch gutgehen, ich schwöre auch ab jetzt IMMER ganz penibel und genau und ÜBERVORSICHTIG zu sein! NIE WIEDER SEX! ICH SCHWÖRE! "
Ich verlasse das Bad und kehre zu meinem atemlosen Rotwein zurück. Mittlerweile hat er allerdings den Level für die richtige Aroma-Entfaltung im Glas erreicht. "Drauf geschissen", denke ich und trinke den Rest auf Ex,
Mahnend trohnen die Bewerbungsunterlagen vor mir.
Ich werde sie weiterhin ignorieren.
Erstmal müssen hier andere Dinge geklärt werden.
Ich ruckel auf meinem unbequemen Stuhl hin und her. Ich glaube ich muss mal.
Muss ich? Muss ich wirklich?
Ich horche tief in meine Blase hinein.
-Tatsächlich, ich MUSS!
Es überfällt mich eine leichte, panische Übelkeit. Der Zeitpunkt der Klarheit rückt immer näher.
Ich gehe rüber ins Bad. der Reißverschluß klemmt. "War glassonnenklar", denke ich, "wie in so einem verdammt schlechten Film." Ist nur keiner. Ich muss jetzt wirklich ganz plötzlich ganz dringend auf die Toilette. Endlich alle Hosen runter. Die Obere, die Untere. Ich sitze. Ich will gerade...., "ACH MIST, der Becher!"
Schnell noch druntergeklemmt. Das wäre jetzt wieder typisch gewesen. Die ganze Zeit darauf warten und dann, wenn es darauf ankommt, die ganze Sache vermasseln. Aber, ich habe es hinbekommen. Alles wird gut.
ALLES WIRD GUT!!!
Hose wieder hochziehen. Zumachen kommt später. Pipette her und dann einfach loströpfeln.
Halt!
Die Zeit!
Nicht vergessen die Zeit im Auge zu behalten. Fünf Minuten.
O.k.
Aaaaaaaab..........JETZT!
19.52 Uhr
Um 19.57 Uhr wird sich mein Schicksal entscheiden.
Den nächsten Schluck Rotwein nehme ich direkt aus der Flasche.
Es könnte für laaaange Zeit der letzte Schluck Rotwein gewesen sein.
Schnell nehme ich noch einen Schluck.
Ich renne im Zimmer auf und ab, mache das Radio an, mache es wieder aus.
Noch einen Schluck, dann ein Blick auf die Uhr. 19.54 Uhr.
MIST!
"WAS mache ich WENN?"-Gedanken rasen durch mein Hirn
Sie werden gejagt von "Es kann aber ja eigentlich gar nicht sein"-Gedanken.
19.56 Uhr
Jetzt oder nie: ich lasse den Rotwein links liegen. Ich brauche jetzt was Härteres. Grappa! EKELIG!! Aber durchaus wirkungsvoll!!!
19.57 Uhr.
Die Grappaflasche umarmend gehe ich wieder ins Bad.
Die Flasche tut gut. Sie gibt mir Halt.
Starr habe ich den Blick geradeaus auf die Duschkabine gerichtet.
Unter mir lauert, auf der Ecke meiner extra schmalen Waschmaschine (eine Andere hätte beim Einzug nicht durch die extraschmale Tür gepasst), mein Schicksal. Es lauert und lauert. Ein paar kleine Striche die mein ganzes Leben verändern könnten.
Ein Stoßgebet nach Oben, ein Blick nach Unten.
-------
Ich wäre wirklich eine gute Mutter gewesen! Glaube ich -

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1 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Nee. Nich wirklich. In dem Moment auch noch Alkohol zu dir zu nehmen, spricht nicht für gute Mutterschaft...

    24.01.2009, 12:24 von pirlie
    • 0

      @pirlie da haben se recht junge frau!
      aber...wie immer liegen fiktion und wahrheit nah beieinander....und berühren sie dennoch lediglich mit den fingerspitzen.
      in wahrheit war es kräutertee....aber pst...das verraten wir hier keinen....sonst....isses ja irgendwie....langweilig...dann regt sich ja keiner auf... ;)
      (hui...und jetzt regen sich alle auf, weil sie denken, das ich es nötig habe etwas künstlich herzustellen nur damit sich alle aufregen....hach...es ist schon ein kreuz! ich sach et ihnen!!!)


      24.01.2009, 13:02 von ABgestempelt
    • 0

      @ABgestempelt :D
      Sowas in der Art hab ich mir schon gedacht. Wär ja auch zu doof^^

      24.01.2009, 13:17 von pirlie
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