Augenblicke
Wo mein Vater denn sei, wurde ich am Tag meiner Einschulung gefragt. Wie bei vielen anderen Kindern zu dieser Zeit, gab es nur eine Antwort:
Er war im Krieg gefallen. Da sah ich ihn das erste Mal, diesen Blick, nahm das erste Mal die Veränderung an Gesicht und Körper wahr. Die Augen meiner Lehrerin bekamen eine merkwürdige Tiefe, einen Glanz, der beinahe so aussah, als würde die Frau jeden Moment in Tränen ausbrechen. Die Stirn zog sich ein wenig zusammen, die Mundwinkel fielen ein Stück weit herunter. Sämtliche Muskulatur im Körper schien an Spannung zu verlieren.
Auf der Kommode im Wohnzimmer, stand ein Foto meines Vaters. Immer wenn Mutter Zeit und Kraft hatte, erzählte sie mir, wie sich die beiden kennen gelernt hatten. Ich liebte diese Geschichte, denn sie erzählte von Liebe und Wärme, von Romantik und Vertrautheit, aber auch von Sehnsucht und Trauer. Die Augen meiner Mutter glänzten dann immer voller Wärme, manchmal weinte sie. Doch immer fasste sie sich, lächelte mich an und sagte mir, wie gut es sei, dass wir beiden uns hätten.
Leider war Zeit ein seltenes Gut, denn Mutter musste viel und hart arbeiten, um uns zu ernähren. Sie war als Schneiderin in einer Fabrik angestellt, an den Abenden und Samstagen änderte sie Hosen, Röcke, Blusen für die Nachbarn. Der Sonntag war Familientag, nur für uns zwei. Wir fuhren mit dem Fahrrad zum Kanal, mit sieben lernte ich dort schwimmen. Einmal bekam ich Wasser in die Luftröhre, ich musste husten, hatte Angst. Mutter sprang ins Wasser, hielt mir den Kopf über die Oberfläche und wartete bis ich mich beruhigt hatte. Ob ich alleine zum Ufer zurück schwimmen könne? Ich konnte, zuerst zögerlich, dann mit immer kraftvoller werdenden Zügen. An diesem Sonntag tranken wir unseren Kaffee und Kakao nicht zu Hause, sondern in einem Café in der kleinen Fußgängerzone des Vororts, in dem wir wohnten.
Neben dem Foto stand ein Sparschwein, unsere Reisekasse. Rosa glänzend und aus Porzellan, mit einem Verschluss am dicken Bauch. Immer wenn ein paar Pfennig oder manchmal auch eine Mark übrig blieben, warf Mutter das Geld in das Schwein. Ich solle schließlich etwas von der Welt sehen. Als ich zehn war, fuhr ich das erste Mal nach Frankreich in die Nähe von Straßburg. Mit vielen anderen Kindern übernachtete ich in einer Jugendherberge mit durch gelegenen Matratzen. Vier Jahre später mit Beginn meiner Ausbildung konnte ich selbst jeden Monat ein paar Mark in unsere Reisekasse legen. Seit diesem Sommer in der Nähe von Straßburg wusste ich es: Ich wollte so oft wie möglich, also wann immer ich es mir leisten konnte, verreisen. Keine Fernreisen mit teuren Flügen oder Pauschalreisen mit unnützen Animationsangeboten. Noch heute liegen meine Ziele in Deutschland und in Europa, noch immer fahre ich mit dem Bus, der Bahn oder dem Fahrrad, übernachte in Ferienwohnungen, Jugendherbergen, bei Familien, mit meiner Tochter, mit Freundinnen oder alleine.
Als ich selbst Mutter wurde und meine Tochter alt genug war, liebte sie es, wenn mein Mann und ich ihr unsere Geschichte erzählten. Wir hatten uns auf einer Jugendreise in England kennen gelernt. Obwohl unsere Elternhäuser nur wenige hundert Meter voneinander entfernt waren, hatten wir uns noch nie zuvor gesehen. Wir hatten uns gerade von unseren Eltern verabschiedet, die Koffer verstaut und warteten vor dem Bus darauf, dass es endlich losging. Wie ich denn hieße, fragte er mich, er sei Friedrich, seine Freunde nannten ihn aber Fritz. Nachdem ich ihm meinen Namen gesagt hatte, redeten wir über Gott und die Welt, über Lieblingsorte und Wunschziele, über unsere Kindheit und über Wünsche für die Zukunft. Als wir wieder zu Hause waren, hatten wir beide noch eine Woche Urlaub. Jeden Tag fuhren wir mit dem Fahrrad zum Kanal, immer an eine andere Stelle. Schließlich wollten wir die Welt erkunden. Nie sah ich einen mitleidigen Blick an ihm, egal was die Leute ihm erzählten. Mitgefühl lag in seinen Augen, aber niemals Mitleid. Litten die Menschen mit, hätten sie schließlich keine Kraft mehr. Seine Augen strahlten immer vor Stärke, ohne dabei überlegen zu wirken. Sein Körper war kraftvoll, auch nach einem Arbeitstag auf der Baustelle saß er mit geradem Rücken am Tisch, erzählte von den Kollegen, fragte, wie es uns gehe.
Ich rief im Büro seiner Firma an und bat die Sekretärin, die Frau seines Chefs, ihm mitzuteilen, dass er doch bitte nach Hause kommen möge. Frau Nowak klang verwundert, versprach mir aber, dass sie sich beeilen werde, aber ihr Mann sei unterwegs und sie müsse warten, bis er wieder zur Firma zurück käme. Dann sorge sie aber dafür, dass er sofort wieder zur Baustelle raus fahre, um Fritz Bescheid zu geben. Ich setzte mich an den Küchentisch und wartete.
Mein Mann betrat die Küche, setzte sich hin und fragte mich, was denn los sei. Er wusste, dass etwas nicht stimmen konnte. Schließlich rief ich ihn so gut wie nie auf der Arbeit an, hätte außerdem zu dieser Tageszeit selbst im Büro sein müssen. Meine linke Brust musste entfernt werden. Nur um ganz sicher zu gehen, hatte der Frauenarzt gesagt. Fritz kam um den Tisch herum gelaufen, bat mich aufzustehen und nahm mich wortlos in den Arm. Mir liefen Tränen, die ich die ganze Zeit über zurück gehalten hatte, die Wangen herunter. Sein Hemd und der rechte Träger des Blaumanns wurden nass. Sanft schob er mich zurück, seine Hände am Übergang von den Schultern zu den Oberarmen liegend, schaute er mich liebevoll an. Er sagte mir, dass er mich liebe, dass wir gemeinsam stark seien und alles gut überstehen würden. Ich glaubte ihm.
Als ich aufwachte, saß er an meinem Bett, sein Blick war klar, sein Rücken gerade. Sie hätten alles entfernen können, ich solle mir keine Sorgen machen, denn es gebe gute Heilungsmöglichkeiten. Er küsste mich auf die Wange. Am Tag meiner Entlassung holte er mich ab und wir fuhren gemeinsam nach Hause. Simone, unsere Tochter, war noch in der Schule. Auf dem Küchentisch lag ein Umschlag mit meinem Namen, geschrieben in der jugendlichen Schrift unserer Tochter, daneben stand ein Strauß Margeriten. Ich öffnete den Umschlag, klappte die Faltkarte auf: Gutschein über eine Woche Norderney.
Schon während meines Krankenhausaufenthaltes war mir aufgefallen, dass Fritz immer häufiger hustete. Er hatte sich nie etwas anmerken lassen. Ein halbes Jahr nachdem ich entlassen worden war, hatte ich es geschafft, ihn dazu zu überreden, zum Arzt zu gehen. Nun saßen wir in der Praxis und warteten auf das Ergebnis der umfangreichen Untersuchung. Es war niederschmetternd. Lungenkrebs. Ohne Aussicht auf Heilung. Der Arzt blickte zwischen mir und meinem Mann hin und her. Fritz fing an zu weinen, sagte, er habe doch eine dreizehn-jährige Tochter, er wolle sie aufwachsen sehen, er wolle mit seiner Familie die Welt erkunden, verreisen. Wie könne das denn sein mit dem Lungenkrebs, er rauche doch gar nicht. Der Arzt schien froh zu sein, dass er endlich wieder etwas sagen konnte. Es gebe noch keine gesicherte Forschung darüber, aber man könne davon ausgehen, dass der Umgang mit Asbest zu Lungenkrebs führe.
Ein Jahr nach meiner Diagnose und ein halbes Jahr nach seiner beerdigten wir ihn. Simone und ich standen an seinem Grab und weinten, hielten uns an den Händen und warfen mit einer Handvoll Erde den Umschlag mit dem Reisegutschein in sein Grab. Wir versprachen ihm, dass wir die Reise irgendwann nachholen würden. Viele Menschen waren da, bekundeten uns ihr aufrichtiges Beileid, schauten uns aus glänzenden Augen an. Auch Simone hatte innerhalb des letzten Jahres immer wieder diesen Blick erfahren, den ich bereits seit meiner Kindheit kannte. Dem Ausdruck im Gesicht, der damit verbundenen Körperhaltung war ich in den letzten Jahren immer wieder begegnet. Bei Freunden, Verwandten, Arbeitskollegen, Ärzten. Bei ihr waren es Mitschüler, Lehrer, Freunde im Sportverein. Oft waren die Menschen verstummt, wenn sie uns so anschauten.
Antrag abgelehnt, lautete das Urteil des Gerichts. Man könne die Erkrankung meines Mannes nicht als Berufskrankheit anerkennen. Ich hätte keinen Anspruch auf eine zusätzliche Rente. Für Simone und mich bedeutete das, dass wir sparen mussten. Jeder Pfennig und jede Mark, später jeder Cent und jeder Euro, die übrig blieben, wurden beiseite gelegt. Schließlich wollten wir die Welt erkunden. Fünfzehn Jahre sollte es dauern, bis die Schädigung der Atemwege durch Asbest als Folge der Berufsausübung anerkannt wurde.
„Mama“, hakte meine Tochter nach, als sie die Terrasse betrat, ihre Augen strahlten zwischen kleinen Lachfältchen aus einem braungebrannten Gesicht, „wir wollten doch noch runter zum Strand spazieren gehen. Außerdem wolltest du mir noch was von Papa erzählen.“ Wir zogen uns an und gingen los. Der raue Nordseewind blies uns um die Nase.




Kommentare
Oh, das ist traurig. Ich hab eine Gänsehaut bekommen.
30.01.2011, 15:45 von topfbluemchen