schejne_kind 08.03.2009, 00:32 Uhr 0 0

Aufgeschnitten und zugenaeht

Da sitzt sie nun im Krankenbett. Ungeschminkt und auch farblos. Der Versuch ihres edlen Morgenmantels der Lage Eleganz einzuhauchen, hat keine Chance.

Er muss der Unerbittlichkeit dieses Dramas weichen. Nichts ist edel, nichts ist retouschierbar in Zeiten in denen ein intriganter Tumor den Versuch gewagt hat, meiner kleinen, starken Mutter das Leben auszuhauchen.

Vor ein paar Stunden haben ein paar Handwerker in weissen Kitteln das Geschwuer rausgeholt aus ihrer Brust. Davor haben sie sie betauebt, damit sie dann so daliegen konnte, wehrlos mit geschlossenen Lidern, ausgeliefert.

Sie ist noch benommen, aber ihre Augen hat sie schnell wieder charakteristisch zu kleinen Schlitzen verzogen und die sprechen wie immer Beande. Heute nehme ich Ernst, was sie zu sagen haben, denn heute geht es nicht um jene Nichtigkeiten, denen sie es ueblicherweise erlaubt, an ihrem ohnehin feingewebigen Nervenkostuem zu ruetteln.

Ihrem Intimfeind namens Angst, dem sich meine Mutter in dieser verschaerften Situation nach kurzem Kampf geschlagen geben musste, war Kamerad Zorn hinzu gekommen. Mit einem ausgepraegtem Unrechtsbewusstsein gesegnet, fragt sie sich und mich, was das alles eigentlich soll. Warum sie da so liege, aufgeschnitten und zugenaeht.

Gerne waere ich jetzt frei von Sarkasmus und waere es moeglich, dann verdonnerte ich mich auf der Stelle sogar zum Goetzendienst, wuerde es mir nur zu einer Express-Laeuterung verhelfen. Ausgestattet mit dem noetigen spirituellen Ruestzeug waere ich so in der Lage, meiner Mutter jetzt weiss machen, dass in jedem Leiden ein Sinn steckt. Dass diese Krankheit ein Zeichen ist und sie sich gluecklich schaetzen sollte, da ihr die Chance, ihr Leben zu aendern, zu Teil wird. Wir koennten uns an den Haenden halten und und Dinge wie “wen Gott liebt, den prueft er” und “auf Regen folgt immer Sonnenschein” predigen.

Meine Mutter wuerde gelaeutert und mit Vertrauen ins Universum das Krankenhaus verlassen. Sie wuerde die Behandlungen martyrerinnenhaft ueber sich ergehen lassen und mit ihrem sonnigen Gemuet Aerzte und Krankenschwestern bezaubern. Sie koennte anfangen, Sport zu treiben und die gesamte Nachbarschaft durch ihr hartnaeckiges Power-Joggen so lange mit ihrem ungebrochenen Lebenswillen beeindrucken, bis sie den Stadtmarathon gewinnt und es aufs Titelblatt der Morgenpost schafft. In der Oeffentlichkeit wuerde sie Bewunderung fuer ihre schicke Peruecke ernten, die sie, wie man ihr nachsagen wuerde, mit bemerkenswerter Natuerlichkeit trage.

Durch die Krankheit zu einer Art Auszeit gezwungen, haette sie auch endlich einmal die Zeit gefunden, sich darueber klar zu werden, wer sie eigentlich ist. Hochmotiviert ihr Innerstes zu ergruenden, koennte sie ihr Zuhause fuer ein paar Monate verlassen, um in einem indischen Kloster die Kunst der Meditation zu erlernen. Nach ihrer Rueckkehr wuerden ihr nur noch spirituell wertvolle Nahrungsmittel ins Haus kommen und wir faenden sie jeden Morgen um fuenf mit geschlossenen Augen und kniend vor Demut und Respekt vor dem Leben auf der Yoga-Matte wieder.

Ich erwache aus meinem Tagtraum, weil meine Mutter meinen Namen ruft. Sie will eine Antwort und ich habe keine. Ich nehm sie fest in den Arm, sage ihr, dass es in Ordnung ist, eine Zeit lang wuetend zu sein und Schwaeche zu zeigen. Ich sage ihr, wie lieb ich sie habe und dass sie keine Spitzenleistungen erbringen muss, um Lebenswillen zu demonstrieren. Dass die Maer von der „Lebenschance Krankheit“ fuer sie ruhig auf ewig eine Maer bleiben darf und sie dem Krebs niemals Dank schulden muss. Sondern dass sie genau so in Ordnung ist, wie sie ist und sie sich nur darauf konzentrieren soll, gesund zu werden, um sich spaeter das vom Leben zu nehmen, was ihr nach diesem Albtraum zusteht.

Und das ist einiges.

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