Auf der Überholspur an einem Tag im April
Diese Wärme wird nie ganz aus mir geflossen sein und manchmal, wenn ich sie an meinen Sohn weitergebe, lebt ein Stück von ihm in uns beiden auf.
Bis zu dem Anruf war es ein Tag wie jeder andere.
"Komm. Schnell. So schnell du kannst", hastete mein Bruder, der selten aus der Ruhe zu bringen war. Wenn seine Stimme mit derlei Ernsthaftigkeit und Dringlichkeit gepaart war, stand hinter jedem Satz ein unsichtbares Ausrufezeichen.
Nein. Es wurde definitiv kein Tag wie jeder andere.
In solchen Momenten sind nur Brieftasche, Autoschlüssel und eine Jacke wichtig. Später erntete ich schiefe Blicke für meine nachlässige Kleidung, unter der mein Herz raste wie noch nie: Die Wohnungstür hinaus, die Stiegen hinunter, wo war der Wagen gleich noch geparkt? Verwirrung im Kopf, sekundenlang stand ich auf dem Gehweg, den Blick verloren, irgendwo. Manchmal stehe ich auch heute noch so da, nur für einen Moment.
Ich liebe Automatismen, sie erleichtern das Leben. Man steuert mit ihnen im Blindflug durch quälend lange Augenblicke, vermutet verlorene Zeit, aber das ist sie nicht: diese Routine, die einen trägt, wurde hart und bitter erkämpft. Um zu einem Automatismus zu gelangen, benötigt es Übung, viel Übung. Die soll zum Meister machen, nur: In Momenten wie diesem, wenn der Verkehr wie tausend Mal zuvor an einem vorbeifließt, man selbst sich wie ferngesteuert durch ihn hindurchwindet, jahrelang geübt durch mehr als 400.000 Kilometer Fahrpraxis, dann fragt man sich: Wer will schon ein Meister eines Todesritts sein? Nein. Liebe darf nie Automatismus werden, dann lieber schwer.
Samstag zur besten Ausflugsverkehrszeit und alle haben es eilig, nur ich, ich habe es eiliger, ich kämpfe um Sekunden, so bilde ich es mir zumindest ein. Dass es tatsächlich so ist, dass sich herausstellt, dass ich nur deshalb rechtzeitig ankomme, weil ich den einen geschnitten, den anderen angehupt, den nächsten bedrängt habe, das weiß ich in jenem Moment nicht. Automatismus. Hätte er zehn Minuten länger auf mich gewartet? Ich spürte wie das Leben sich beschleunigte. Mit mir auf der Überholspur. An so einem Tag rast das Leben um Jahre voraus.
In letzter Zeit warteten wir nicht oft aufeinander. Ich sah ihn nur noch bei sporadischen Besuchen, fast schämte ich mich dafür im Nebel meiner Gedanken, am Lenkrad drehend, Lebensmomente auskramend wie aus einer Pappschachtel voller vergilbter Bilder. Das, wo er mich auf den Arm genommen hatte mit diesen Riesenpranken. Mich stolz vor sich hochhob, anhimmelte, sein breites Grinsen auf meinen fröhlichen Pausbacken gespiegelt. Ich kann mich leider nicht an den Blick hinab zu ihm erinnern, der ist verloren, für immer. Mir bleibt nur dieses Foto.
Oder das, auf dem er die rote Baseballmütze trug, eine Zigarette im Mund, ein Glas Cola haltend. Obwohl er zu dem Zeitpunkt Amerika gering achtete, schon lange nicht mehr rauchte, Süßzeug aller Art verabscheute. Er hatte Humor. Ich hatte vergessen, dass er manchmal richtig originell und lustig sein konnte. Vor allem, wenn man auf ihn einging. Wenn man da war.
Auf halber Strecke, so nach etwa einer Stunde Vollgas, wo immer es ging, erinnerte ich mich an den Geschichtenerzähler, der er in bestimmten Situationen sein konnte. Einmal, beim Leichenschmaus nach der Beerdigung seines Vaters, war die gesamte Verwandtschaft, etwa vierzig Kopf stark in einem großen Raum an einer rechteckig angeordneten Tafel versammelt, er als ältester Sohn in der Mitte, aufrecht sitzend, mit fester, lauter Stimme die Versammlung mit glänzend vorgetragenen Anekdoten in seinen Bann ziehend. Er, der die größte Trauer hätte zeigen müssen, legte seine klare Stimme über das Grab.
Am Tag der Bestattung seines Vaters blühte er auf, trug episodenhaft in bilderreichen Geschichten Stationen seines Lebens an der Seite seines Vaters, im Elternhaus und aus jungen Jahren so mitreißend vor, dass die befangene Trauerstimmung der feierlichen Runde kippte, sie sich an den richtigen Stellen auf die Schenkel klopften, der kleine Saal bisweilen vor Lachen barst. Ich saß stumm daneben, schmunzelte mit, bewunderte meinen Vater. Was war ich da stolz auf ihn, den großen Geschichtenerzähler, der kriegsbedingt nur drei Jahre lang die Schulbank gedrückt hatte und dessen Krakelbuchstaben in Tausenden von gelösten Kreuzworträtseln torkelten, als brauchten sie das Gitternetz, um Halt zu finden.
Dabei war er immer zurückhaltend gewesen. Im Mittelpunkt zu stehen, war nicht sein Ding, er war ein schweigender, oft mürrischer, aber unermüdlicher Macher. Ein Frühaufsteher, der mir meine ersten Brotwürfel in den Kakao schnitt. Der auf nichts so stolz war wie auf seine Familie. Er wollte beim Essen Ruhe haben und trank so gerne ein Bier mit mir, am liebsten nach einem arbeitsreichen Tag. Oft trank er eins zu viel. Muss wohl an etwas bestimmten gelegen haben. Muss wohl.
Die letzten zwanzig Kilometer waren Herzrasen. Ich fühlte, dass meines mit seinem um die Wette schlug. Mir wurde immer bewusster, dass dies der Augenblick war, auf den man nicht wartet, den ich bis dato verdrängt hatte. Der Moment, in dem ich ein Stück Lebenshalt verlor. In den ersten zwanzig Jahren lernte ich von meinem Vater das Leben. Auf den letzten zwanzig Kilometern lernte ich den Tod hautnah kennen. Und ich lernte, wie man mit Haltung die schwersten Tränen seines Lebens bekämpft.
Die Krankenhausauffahrt hinaufjagend, sah ich meinen Bruder hinter einem der matten Fenster, wie er mir wild zugestikulierte. Am Portal wartete eine Krankenschwester, die mich zum Zimmer lotste und dort musste ich unwillkürlich innerlich ächzen: die Anordnung der Gerätschaften war ein aberwitziges Deja-vu-Erlebnis aus dem Fernsehen. Richtig klassisch: Ein sterbender aschfahler Mann, halb unter ordentlich platzierter weißer Bettdecke, eine mit verheultem Gesicht schuldig dreinblickende Frau, daneben ein verlegen bis ungehalten aussehender jüngerer Herr, der wohl der andere Sohn sein musste. Alles eingerahmt von medizinischen Gerätschaften, die leuchteten, blinkten, leise piepten und dem nicht wegzudenkenden Monitor, auf dem in grellgrünen Linien und Kurven ein Leben angezeigt wurde, das bald für immer ausgelöscht sein würde.
Für Sekunden starrte ich gebannt auf die Ausschläge der grünen Linie. Piep. Kurve für Kurve tanzte mit grünem Zacken nach rechts. Piep. Was für ein Film lief da ab, in welche Szene war ich da hineingeraten? Wieso fühlte ich mich plötzlich schuldig? Was sollte ich hier?
Er lag steif und regungslos da, die Augen verschlossen, ein wenig unrasiert, kaum atmend. In den Handgelenken Kanülen. Schläuche in Mund und Nase. Es roch nach Tod.
"Du kommst spät", flüsterte mein Bruder. "Wo warst du so lange?"
Ich antwortete ihm nicht. Nicht hier. Nicht schon wieder. Nicht jetzt.
Meine Mutter weinte plötzlich vernehmlich, murmelte: "Er bewegt seine Finger!"
Wortlos ergriffen mein Bruder und ich jeweils eine Hand, die sich ein wenig kühl und sehr weich anfühlte, so unglaublich weich. Und da: Diese einst so starke Hand, die immer so fest zupacken konnte, versuchte die meine sanft zu drücken. Kaum eine halbe Minute später ließ die leichte Anspannung der Finger nach und erlosch langsam. Unwillkürlich drehte ich den Kopf zum Monitor, nur um bestätigt zu bekommen, was ich ohnehin schon wusste: Nur noch eine fette grüne Linie. Ein leiser langgezogener Piepton. Ein Nichts.
So also sah das Nichts aus.
Aus seinem Gesicht war die Anspannung gewichen. Für ein letztes Aufbäumen war er zu schwach gewesen, aber nicht für einen sanften Händedruck. Den spüre ich heute noch bisweilen, wenn ich meinem Sohn die Hand reiche, sie betrachte, mir vorstelle, wie er einmal... Nein, weiter stelle ich mir nichts vor, weiter komme ich nie. Weiter mag ich nicht kommen. Nicht wegen mir, nein.
Alles wie im Film, dachte ich. Eine Farce. Ich mochte das nicht mehr sehen. Weg. Fluchtgedanken. Eine Krankenschwester kam herein, drückte mit betretener Miene wortlos ein paar Knöpfe, verschwand wieder.
"Er hat auf dich gewartet", sagte meine Mutter zu mir. "Auf euch beide. Er wollte euch beide noch einmal zusammen sehen."
"Ich mag dann noch einen Moment allein sein mit ihm", würgte ich roboterhaft hervor und fast schien es so, als wären sie deswegen beleidigt.
Ich saß nur da und hielt wieder seine Hand, die sich schon kälter anfühlte. Spürte die Liebe zu ihm, die er mir nie so richtig zeigen konnte. Stolzer, harter, weicher Mann. Dafür hatte er mir beigebracht, wie man das Öl an einem Lastwagen wechselte. Wie man organisierte. Wie man Regale zimmerte. Wie man einen Ofen anfeuerte und wie man ein Publikum bannte. Dass man manchmal unnachgiebig und streng sein muss, um gewisse Dinge richtig zu machen und in Ordnung zu bringen. Dass große Liebe bisweilen auch sehr grob daherkommen kann.
Als ich ihn verließ, verschwand ein Stück von mir selbst aus meinem Leben. Ich hatte ihm nichts auf die lebende Hand versprochen. Nur noch die tote einmal gehalten, nur für mich allein. So tief und vertraut wie selten zuvor. Ich fing einen Gedanken auf und mein Blick hinab auf ihn erinnerte mich an das Foto, auf dem er mich stolz grinsend über sich hält. Seitdem denke ich an ihn, wenn es sehr schäumt, wenn ich ein Bier in ein Glas einschenke. Er liebte es so. Ich mittlerweile auch.
Ich habe keine Träne vergossen an seinem Grab. Das erste Mal nicht und auch nicht die folgenden. Die zwanzig Lebenskilometer Erfahrung helfen mir dabei. Aber in mir weinte ich Hunderte. Tausende. Still. Nur für mich. Ich habe ihm in Gedanken kurze Geschichten erzählt. Immer wieder. Später dann mir, während meine Finger über die Tasten flogen. Solche, die einen ganzen Saal, in dem Tische mit blütenweißen Tischdecken tafelartig ringsum angeordnet sind, hätten mitreißen können. Wenn ich darauf Wert legte. Wenn mir Applaus wichtig wäre. Lustige und traurige Geschichten. Geschichten für ihn. Und diese eine hier: seine. Danke, Papa.
Mir bleibt dieses Foto: Ich in seinen dicken starken Armen über ihm hängend, stolz auf ihn herabblickend. So ein Zufall: Ich hab ein ähnliches Foto von mir mit meinem Sohn. Ich hoffe er hat es nicht in nächster Zeit sehr eilig, mich ein letztes Mal zu sehen. Aber der Tag wird kommen.




Kommentare
Wirklich wunderschön geschrieben
07.11.2006, 16:18 von SolskinnDas ist der beste Text, den ich hier bisher gelesen habe.
03.10.2006, 12:41 von Pandora77Sehr schön geschrieben, bin ganz gerührt.
02.10.2006, 16:55 von NinaBerthIst es nicht schade, wenn wir den Eltern nicht zu Lebzeiten auf diese Weise sagen können, wie wichtig sie für uns waren?
Bei mir ist's leider auch zu spät dazu. Aber vielleicht bringt ja deine Geschichte den einen oder die andere dazu?