watersoul 13.02.2019, 16:39 Uhr 0 8

Auf der Suche nach Konstanten...

Auf der Suche nach der Liebe die du mir nicht geben konntest. Auf der Suche nach Sicherheit die ich bei dir nie spürte. Auf der Suche nach mir...

Die erste Konstante in meinem frühen Dasein war dein Herzschlag. Er war mein ständiger Begleiter neun Monate hindurch. War einfach immer da, und schien von überall um mich herum zu mir zu dringen. Jedes winzigste Gefäß pulsierte davon wieder und vermischte sich mit dem Klang meines eigenen, noch so kleinen Herzens.
Bumbum Bumbum..

Eine weitere Konstante waren die Pillen. Ich spürte immer schon wenn es wieder so weit war. Spürte deine wachsende Unruhe, deinen aufsteigenden Zorn, deine unbändige Angst. Dein Herzschlag wurde dann immer für wenige Momente unregelmäßig, schneller, dann  schwerer.  Die Pillen holten dich wieder runter.
Mich warfen sie in einen Nebel, Schwerelosigkeit, jegliches Gefühl für meinen noch in der Entwicklung befindlichen kleinen Körper verlierend. Einen undurchsichtigen Schleier, nur durchdrungen von deinem kontinuierlich langsamer werdenden Herzschlag.

Und manchmal blieben die Pillen aus. Über Tage hinweg. Wenn die Selbstüberschätzung dich mal wieder in ihren Bann zog. Dann wurde stattdessen alles um mich herum immer lauter. Dein Herzschlag. Deine Stimme . Dazwischen mischte sich seine. Und dann meistens Sirenen. Dann war es immer so weit. Die Fahrten in die Klinik, die Stimmen der Sanitäter - Routinen, Konstanten in meinem frühen Dasein..

Angekommen in der Klinik, bekannte ja fast schon vertraute Stimmen der immerzu arbeitenden Ärzte. Dazu mischten sich Stimmen anderer. Es brauchte einige Pfleger um dich zu bändigen. Ich kannte bereits die Laute der Magnetschnallen, wie sie klickten wenn man dir die Fixiergurte um Arme, Beine und deinen jedesmal etwas größeren Bauch schnallte - um mich. Die Spritzen waren wesentlich stärker als deine Pillen. Wenn sie ihre volle Wirkung entfalteten, was meist nur wenige Sekunden dauerte, wurde es stundenlang ruhig um mich, regungslos. Dein Herzschlag jeweils nur noch ein zaghaftes Klopfen. Ein verloreren Kampf.

Als ich nach diesen neun Monaten endlich zur Welt kam, hörte ich deinen Herzschlag nur noch am Wochenende. Die restliche Zeit waren es andere Geräusche, andere Gerüche, andere Stimmen, andere Berührungen die mich umgaben. Ein mit Plastikfolie abgedecktes Bett. Ein muffiges Sofa. Diese laute Großmutter die in einer Sprache auf mich einredete die ich nicht verstand. Alte faltige und raue Hände denen man die Jahre anmerkte und die krankhafte Händewascherei.

Nur die Wochenenden verbrachte ich bei euch. Weil am Wochenende die Mühlen der Bürokratie stillstehen. Weil am Wochenende das Jugendamt keine Kontrollbesuche machte. Weil ihr so nicht fürchten musstet man würde euch auch noch mich wegnehmen. Ein Kind verlieren sollte genug sein.
An diesen Wochenenden kehrte dein Herzschlag jeweils zu mir zurück. Doch Konstanten? Fehlanzeige!

Weitere drei Monate vergingen so. Dann holte mich das Jugendamt von euch weg. Und damit veränderte sich alles.


Ich bin heute 27Jahre alt. Meine Erzeugerin (Mutter wäre wohl definitiv zu viel gesagt) ist eine Gefangene der Psychopharmaka ohne die sie nicht existieren könnte. Und mit denen sie mehr existiert, als dass sie leben würde. Eine Gefangene ihres eigenen Mannes, dem meist mehr daran gelegen war seine Frau kleinzuhalten, als ihr wirklich zu helfen. Bis zu dem Zeitpunkt wo jegliche weitere Hilfe letztlich vergebens gewesen wäre.


Immerzu unter Drogen, Spritzen, Tabletten, schlägt dein Herz heute nur noch träge... Aber ich habe es seit Jahren nicht gehört..

Seither bin ich auf der Suche nach anderen Konstanten. Konstanten in meinem noch frühen Leben.
Auf der Suche nach der Liebe die du mir nicht geben konntest. Auf der Suche nach Sicherheit die ich bei dir nie spürte. Auf der Suche nach Ruhe, die bei dir meist nur von kurzer Dauer war. Auf der Suche nach mir selbst...

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