frl.sommersprosse 31.01.2012, 09:59 Uhr 37 36

Annelie und Caspar

Annelie mag diesen Tisch. Caspar auch, irgendwie.

Sie trinkt ein Glas Wasser. Langsam. Bewusst. Sie spürt, wie die kühle, angenehme Flüssigkeit sacht ihren Hals herunter fließt. Sie stellt das Glas zurück auf den Tisch, streicht mit der Hand über den selbigen, spürt die kleinen Unebenheiten im alten Holz. Sie sieht die Kratzer und die Verfärbungen, die mit den Jahren hinzu gekommen sind, das kleine Brandloch, wo bei einer Party eine Zigarette ihre Spur hinterlassen hat. Jeder dieser Makel  machte den Tisch einzigartig, gibt ihm seine eigene Geschichte. Ob sie sich nicht einen neuen kaufen wollen, hatte Caspar gefragt. Aber sie wollte keinen neuen. Sie wollte diesen. Sie möchte all das, was er erzählt, immer da haben. Wie viele Gespräche er gehört hat, wie viele Auseinandersetzungen er erlebt hat, wie viele Partys er ausgehalten hat und wie viele Persönlichkeiten an ihm gesessen, gespeist, getrunken, gelacht, geweint, gehofft haben. Sie könnte es nicht sagen. 

Jedes Mal, wenn Caspar seine Arbeitskollegen zum Essen einlud, bestand er auf eine Tischdecke. Der Tisch sei schließlich nicht mehr schön und wenn sie schon keinen neuen wollte… Er verstand sie nicht. Das machte Annelie nichts aus. Wenn er mal wieder meckerte, über den Tisch, machte sie ihnen einen Tee, setzte sich mit ihm hin und erzählte eine der Geschichten, die diesen Tisch zu etwas besonderem machte, auch für ihn. Sie erzählte über das erste Essen, das sie an diesem Tisch gegessen hatten, als er noch ganz neu war. Damals war er teuer und sie war so stolz gewesen, als sie ihn sich leisten konnten. Sie erzählte von der Einweihungsparty in der neuen Wohnung, als der Tisch zu später Stunde zum Tanzen missbraucht wurde und das ein oder andere Bier umgekippt ist. Sie erzählte ihm von den Wochen, als sie sich getrennt hatten und er ausgezogen war und sie nächtelang mit ihren Freundinnen an diesem Tisch saß. Sie weinte, ihre Freundinnen trösteten. Sie tranken Sekt und lästerten über ihn. Sie erzählte von dem Moment, als er sie gefragt hat, ob sie ihn heiraten will. Sie hatten gefrühstückt, nach einer langen Nacht ,und sie war völlig müde und fertig und er hatte sie angeguckt, über die Tassen hinweg und ihr gesagt, dass sie wunderschön sei. Annelie hatte nur gelacht und gemeint, er müsse ja noch völlig betrunken sein, wenn er sie jetzt schön finden würde. Caspar grinste nur. Heirate mich, sagte er, und stieß eine Tasse mit rotem Tee um, als sie ja sagte.

Annelies Lieblingsgeschichte an dem Tisch ist die, als sie Caspar sagen wollte, dass sie schwanger ist. Sie hatte gekocht, und er als er von der Arbeit kam, war alles fertig. Aber irgendwie war es nicht sein Tag und er war mies darauf. Eins führte zum anderen und sie stritten sich. Caspar schrie, Annelie schrie, die Schüssel mit dem Salat ging zu Bruch, aus der Schublade zerrte sie die Babysocke mit dem ersten Ultraschallbild und schmiss sie ihm zu Füßen. Caspar war still, Annelie war still. Caspar weinte, Annelie weinte. Alles war gut.

Wenn Caspar die Geschichte Freunden erzählte, ließ er immer den Teil mit den Tränen aus, aber das störte Annelie nicht. An diesem Tisch hatte ihre Tochter ihr erstes Wort gesagt und ein paar Jahre später auch geschrieben, leider nur ohne Blatt. Ihr Sohn hatte dort mit dem Taschenmesser ein Peace- Zeichen eingeritzt, als er der Meinung war, seine Eltern wären zu spießig. An diesem Tisch hatten sie gesessen, als Caspar sich entscheiden musste, ob er den Job in der anderen Stadt annehmen sollte oder nicht. An diesem Tisch hatten sie gesessen und gebangt, als ihre Kleine nach dem Abi alleine nach Afrika ging und als ihr Sohn Polizist wurde.  An diesem Tisch hatte ihre Tochter ihnen ihren ersten Freund vorgestellt, ihnen gesagt, dass sie heiratet und ihnen gesagt, dass sie Großeltern werden. An diesem Tisch hatten sie so viele Weihnachten gefeiert, erst mit den eigenen Kindern, dann mit den Enkeln. Wenn sie ihm all das erzählte, schmunzelte er immer ein bisschen. Naja, ein paar Jahre hält er wohl noch, war sein Satz nach ihren Geschichten. 

Annelie steht auf, kniet sich hin und sieht die Worte Für immer unter dem Tisch. Caspar hatte sie dort hingeschrieben in ihrer Hochzeitsnacht, er hatte es erst an ihrem ersten Hochzeitstag gesagt.

Es klingelt. Das muss ihr Sohn sein. Irgendwann wird sie ihm und seiner Tochter die Geschichte erzählen, wie Caspar und sie entschieden, dass er keine weiter Chemo anfangen wird. Wie sie weinten und wie sie beschlossen, glücklich zu sein über die Zeit, die sie hatten und die zu nutzen, die blieb. Aber nicht heute. Heute würden sie alle ihre Kraft brauchen, um sich zu verabschieden.

Draußen scheint die Sonne. Caspar hätte sich gefreut.

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37 Antworten

Kommentare

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  • 1

    ich dachte, es wäre mir zu kitschig. aber irgendwie kam da grad doch romantikstimmung auf... 

    13.02.2012, 01:33 von clarinet
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    Warum muss immer alles traurig enden?

    Auch ohne den Schluß wäre es eine Geschichte gewesen, die Liebe zum Ausdruck bringt.

    07.02.2012, 22:05 von Lunasol
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  • 0

    So eine traurige Wendung der Geschichte. Aber wahnsinnig schön geschrieben. & wirklich lesewert. ♥

    01.02.2012, 23:32 von -i-tuepfelchen-
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    • 1

      Ist das so wichtig?
      Hast du etwa dadurch versucht, das Alter zu rekonstruieren?

      Ich hab da keine Sekunde dran gedacht, obs die Ultraschallbilder damals schon gab...

      01.02.2012, 09:42 von Jingeling89
    • 0

      Tut mir leid, soweit hab ich leider auch nicht gedacht.

      01.02.2012, 10:08 von frl.sommersprosse
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      so eine traurige Wendung der Geschichte. Aber wahnsinnig schön geschrieben. Sehr lesewert. ♥

      01.02.2012, 23:30 von -i-tuepfelchen-
    • 0

      "Im Jahre 1958 wurde der Ultraschall durch den irischen Professor Ian Donald in die Geburtshilfe und Frauenheilkunde eingeführt."

      Soviel dazu..
      Und warum soll man vor 30 Jahren noch nicht Babysocken als Zeichnen für ein Baby genommen haben? Wahrscheinlich waren sie selbst gestrickt. ;)


      04.02.2012, 10:38 von FraeuleinLuise
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    Sehr schöner Text, bringt einen wirklich zum Nachdenken :) Ich glaube, jeder hat so ein Möbelstück oder einen Gegenstand der viele Erinnerungen hervor ruft.
    Ich finde, das Ende schadet nicht wirklich, gefällt mir, so wie es ist.

    31.01.2012, 22:58 von faon
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  • 1

    Ich glaube gar nicht, dass es an den Namen liegt, dass das Paar so jung wirkt, sondern eher an der Beschreibung, wie viele Partys der Tisch schon miterlebt habe, etc., was alles auf ein junges Alter schließen lässt.
    Formulierungen mit "wo" finde ich grundsätzlich ganz ganz schrecklich.
    Den letzten Satz kapiere ich nicht. Er lebte doch im letzten Absatz grad noch?!
    Und das Ende finde ich auch zu theatralisch, wie einen Stempel aufgesetzt. Viel lieber hätte ich nur die Geschichten gelesen, die der Tisch erzählt. Hmm.

    31.01.2012, 18:24 von nyx_nyx
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      Achja.... mh.. danke. Hab ich net geschnallt. Sowas.

      01.02.2012, 17:37 von nyx_nyx
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    So einen Tisch besitze ich auch und freue mich jeden Tag darüber.

    31.01.2012, 17:49 von cosmokatze
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