Kiyan 29.03.2008, 02:25 Uhr 10 16

Anna

Du und ich. Nur wir beide, ganz allein in diesem Zimmer und vielleicht mit einem Stückchen Frieden. Zwischen uns.

Deinem Bett gegenüber brennen auf der Kommode ein paar Kerzen.

Sie werfen flackernde, seltsame Figuren an die Wand. Sonst ist es dämmerig. Genauso, wie du es immer gerne mochtest. Ganz tief ist dein Kopf in dem großen Kissen eingekuschelt. Das eingefallene, blasse Gesicht wirkt entspannt. Nichts ist mehr von dem Schmerz zu sehen, der so viele Monate an dir gezehrt hat. Spürst ihn nicht länger. Dein geschundener, müder Körper hat kapituliert.

Und was aufgegeben ist, empfindet man auch nicht mehr.

Ruhig und flach dein Atem.
Zwischendurch ein Krächzen. Dann wieder Stille. Habe mich an diese Geräusche gewöhnt und erschrecke nicht mehr, wenn sie so völlig unerwartet kommen. Immer wieder schaue ich in dein Gesicht. So faszinierend. Dein ganzes Leben kann man darin lesen. Gezeichnet von Erlebnissen erzählt es von Dingen, die wir beide zu gern vergessen würden. Dieses Gesicht, das zuletzt so alt und faltig geworden ist.

Dein Leben war nicht immer einfach.
Bestimmt nicht. Ich weiß. Oft genug haben wir zusammen gesessen und du hast von damals erzählt. Deine Kindheit. Geboren am Ende eines grausamen Kriegs. Aufgewachsen in den Trümmern der Bomben und mit den Entbehrungen der Zeit nach der verheerenden Zerstörung. Ohne Mutter. Die Jugend. Oft unbeschwert, fröhlich. Doch auch geprägt von den Schlägen deines Großvaters.

Bist von daheim weggegangen.
Es gelang dir schnell, allein zurecht zu kommen. Wohntest mit einer Freundin zusammen und hast nachts in einer Bar gearbeitet. Hinter der Theke gestanden und Drinks gemixt. Harmlos und ehrlich verdientes Geld. Für die Leute warst du die Bardame. Das Ami-Flittchen. Lerntest meinen Vater kennen. Wurdest kurz darauf schwanger und hast ihn bald wieder verlassen. Untreue, versoffene Männer waren nicht dein Ding.

Der Mann, den du später geheiratet hast, auch nicht. Er liebte dich, ja. Konnte dir Sicherheit und Geborgenheit bieten. Die Ehe hat dann doch mehr als 30 Jahre gehalten. Eure Scheidung war freundschaftlich -– ein Wunder nach all dem. Er konnte deinen unsteten Lebenshunger, die melancholische Sehnsucht nach etwas Ungreifbarem, auch nicht stillen. Wie oft warst du getrieben von dieser Rastlosigkeit, die dir am Ende den Atem nahm. Nicht selten hast du dich im Alkohol ertränkt und in Selbstmitleid gesuhlt.

Heute verstehe ich das gut.
Kann es nachvollziehen. Damals als Kind nicht. Gerne hätte ich dir so oft die Flasche vom Hals gerissen. Dann, wenn du es wieder nicht sein lassen konntest, dich zu betrinken. Beinah bis zur Bewusstlosigkeit. So oft. Heute ist es nicht mehr wichtig. Vergessen werde ich das wohl nie. Vergeben? Vielleicht. „Verzeihen ist gesund“, hast du immer gesagt. Stimmt. War ja auch nicht ganz uneigennützig. So häufig, wie Du Vergebung von uns wolltest – und sie immer wieder bekommen hast. Von uns. In den vergangenen Jahren ist es dir gelungen, vieles von den unschönen Momenten vergessen zu lassen. Auf einmal war da ein Verhältnis zwischen uns. Freundschaftlich und innig. Etwas, das ich nicht von uns kannte. Wir haben viel gelacht. Und selbst als wir längst von deiner Krankheit wussten, nie ganz damit aufgehört. Welch makabere Bedeutung Spaß doch haben kann.

Jetzt sitze ich hier neben dir am Bett.
Der Mond leuchtet durch das kleine Fenster und lässt dein Gesicht noch blasser, fast unwirklich erscheinen. Mein Herz zieht sich merkwürdig zusammen. Mir fällt es schwer, dich anzusehen. Wenn du Glück hast, wirst du noch die ersten Lichtreflexe der Morgendämmerung durchs Fenster lugen sehen. Dein Kampf ist zu Ende. Mutig und ohne zu jammern hast du alles ertragen. Die Schmerzen, die Nebenwirkungen der Medikamente. Den Stolz musstest du neu definieren. Wie hast du dich geschämt und erniedrigt gefühlt, wenn dir irgendeine Schwesternschülerin den Hintern abgewischt hat. Warst zu schwach, dir dieses letzte Stückchen Würde selbst zu erhalten.

Vieles gelernt hast du noch.
Gelassenheit, Toleranz und Freude am Leben. So manches Mal war ich erstaunt. Überrascht, was für ein liebenswerter Mensch da wirklich in dir wohnte. Spät durfte ich dich noch einmal kennen lernen. Vielleicht zu spät? Ich weiß es nicht.

Zu spät für das Stückchen Frieden zwischen uns war es nicht. Das weiß ich.

Ich muss wohl eingenickt sein.
Irgendein Geräusch hat mich aufgeschreckt. Mit übermüdeten Augen schaue ich zum leicht geöffneten Fenster. Kühle, frische Luft dringt durch den Spalt. Die Dämmerung setzt bereits ein und die ersten Spatzen begrüßen den neuen Tag. Drehe mich zu dir rüber – und du siehst mich an. Nehme deine Hand und halte sie ganz fest. Halte dich fest, mag dich nicht loslassen. Aber ich muss. Du willst was sagen, doch ich kann dich nicht hören. Verstehe nichts von deinen lautlosen Worten. Selbst das Flüstern fällt dir schwer. Wir beide wissen, dass sich für uns die Zeit nicht mehr buchstabieren lässt. Dass sie uns nicht mehr will. Das, was sich Zeit nennt.

„Verzeih mir“.
Mühsam, aber klar und deutlich hast du das gesagt. Kann meine Tränen nicht mehr halten. Will sie nicht länger unterdrücken. „Es gibt nichts zu verzeihen. Geh nicht weg, bitte“. Lächelst mich an. Kurz. Schwach. Und doch, noch einmal fühle ich deine Stärke. Noch einmal sehe ich das junge Mädchen, das ich von alten Bildern kenne. Nichts mehr von der Frau, die mir so wehgetan hat. Du atmest schneller und wirst unruhig.

Wir sehen uns an.
In deinen Augen erkenne ich deine Liebe. Liebe, die du für mich empfindest und mir so selten zeigen konntest. Sehe den Abschied. Von mir. Dein Blick verfängt sich im trüben Licht der Morgendämmerung. Drückst meine Hand. Lasse sie nicht los. Lasse dich nicht los, während ich aufstehe um das Fenster ganz weit zu öffnen. Ein seltsam warmer Windzug streift mein Gesicht. Als wäre er ein letztes, sanftes Streicheln. Von dir.

Ich weiß es.
Spüre, dass die Zeit keine Bedeutung mehr für dich hat. Wage kaum, dich wieder anzusehen. Aber ich will. Ich muss.

Gute Reise, Anna.

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    04.04.2008, 09:48 von iananderson
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    Ach, ist das schön, abr so traurig. Ich habe Tränen in den Augen

    02.04.2008, 14:43 von B.tina
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    Wunderbarer Text. Berührt.

    02.04.2008, 09:58 von faahr
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    Verzeihen kann, wer im Einklang sein kann..
    Frieden kann nur spüren, wer vorher Krieg erlebt hat.

    Dieser Text zeigt, dass du den Frieden im Einklang gefunden und den Krieg verzeihen gelernt hast.

    Die Spur bleibt.

    01.04.2008, 01:58 von elixa
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    wunderbarer frieden

    29.03.2008, 17:00 von bolognana
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      @[Benutzer gelöscht] ...dem schließe ich mich an.

      29.03.2008, 11:47 von wortpiratin
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    Wunderschöne und warme Worte für einen schweren Weg. Danke!

    29.03.2008, 03:29 von FrauKowalski
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