tiptappin 30.11.-0001, 00:00 Uhr 13 27

An Großvaters Hand

Von diesem stummen Tag, Haaren in der Farbe des Himmels, Maikäfern und einem neuen Kleid.

Es war dieser stumme Tag. An dem keiner von uns wusste, was er tun oder sagen sollte. Was das Richtige war. Schweigen, Weinen, Erzählen, Akzeptieren, Grübeln. Dieser Tag für den ich extra ein neues Kleid gekauft habe, obwohl ich es mir nicht leisten konnte. Weil du kein Schwarz wolltest. Du wolltest keine demonstrative Trauer und das verstand ich.

Davor dieser Abend, an dem ich verzweifelt versuchte mein Haar zu flechten, weil du vor zehn Jahren bei dem Versuch verzweifelt bist, es mir beizubringen. Du warst der Meinung es gehöre sich so für eine junge Deern, jedes Mädchen sollte sich das eigene Haar flechten können. Jetzt bereue ich, mich damals so gesträubt zu haben. Dieser Abend, an dem ich mit verrenkten, schmerzenden Armen solange vor dem Spiegel saß, bis ich es konnte. Mein letztes Geschenk an dich. Eine Woche lang trug ich meine Haare so. Wie es sich für eine junge Deern eben gehört.

Es war dieser dumpfe Tag. An dem ich abwechselnd von Gefühlswogen erschlagen wurde und einfach nur gar nichts empfand. Es war grau. Ich traute mich nicht zu weinen. Wir alle verharrten im Wohnzimmer. Das gleiche Wohnzimmer in dem ich schon als Säugling umherkrabbelte, als Kleinkind fasziniert den Strauß  Porzellanrosen bestaunte und mit meinem Bruder eine Technik perfektionierte, um ungehört an das klebrig-süße Innere der kleinen weißen Keramikdose zu gelangen. Wir alle saßen schweigend auf dem riesigen Ecksofa und wussten nicht wohin mit unseren Blicken. Wann immer meiner das Gesicht von Opa traf, erschrak ich. Es war so grausam leer und traurig. Er wirkte allein, obwohl in diesem Raum so viele Menschen waren wie noch nie. Er war so unvollständig ohne dich. Und dann wurde mir klar, dass du nicht gerade in der Küche standest, um Sahne zu schlagen und den Tisch mit viel zu viel Torte einzudecken. Dass du das nie wieder tun würdest. Obwohl ich es die ganze Zeit wusste, begann ich erst da vorsichtig zu begreifen. Als ich in diese geröteten, von Falten umrahmten Augen sah.
Er hatte sich gekämmt wie immer, das silbrige Haar wirkte farblos und passte zum ewigen Grau des Himmels. Als hätten sie sich abgesprochen.

Und als meine Augen sich dann senkten, sah ich seine Hand auf der samtenen Sessellehne ruhen. Mein Hals schnürte sich zu. Es war die gleiche Hand, an der ich einst durch die Straßen spaziert bin. Die mir als Kind über den frisch frisierten Kopf tätschelte, mir einen Maikäfer auf den kleinen Arm setzte und deren Anblick mich jetzt traf wie ein Schlag ins blasse Gesicht. Dabei lag sie doch so regungslos da; so friedlich. Die Adern traten hervor, der Daumen ragte ganz leicht über die Lehne. Ein paar dunkle Flecken auf der weichen, von Linien durchzogenen Haut, erzählten von seinem langen Leben. Doch etwas stach hervor aus diesem Frieden. Seinen Ringfinger schmückten gleich zwei goldene Ringe. Der erst kurz zuvor Angesteckte war kleiner, er drückte die Haut leicht zusammen. Nie werde ich dieses Bild vergessen. Der Ring, der Zeuge von so viel Leben und so vielen Geschichten war, gehörte nun nicht länger an deine Hand. Plötzlich begriff ich vollends warum wir alle hier waren. Wo du warst. Und wo nicht. Bei uns. Es brauchte erst diese Hand, um den Anruf und die Nachricht von deinem verlorenen Kampf in ein absolutes Verstehen zu verwandeln und alle Vorsicht über Bord zu werfen, die mich vor meiner Trauer beschützt hatte.

Also saß ich da. In meinem viel zu teuren Kleid, mit dem geflochtenen Haar, das dir so gut gefallen hätte und starrte auf die Hand meines Großvaters, deines Mannes. Und auf ein Paar Ringe, das vor schmerzlich schöner Symbolik strotzte. Es war nur der Bruchteil einer Sekunde und der Sturm, der in mir tobte, blieb unbemerkt. Aber es war die bisher längste Sekunde meines Lebens.

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13 Antworten

Kommentare

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    Auch von mir eine Schauerträne...

    05.01.2016, 17:04 von Alex.Regensdorff
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    Putenpocken pur. Wunderschön, weckt viele Erinnerungen.

    16.05.2015, 15:42 von backtotherules
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    Sehr schöner Text.

    Ging mir bei meiner Omi vor ein paar Monaten sehr ähnlich.

    07.05.2015, 11:44 von kleine.Sori
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    super echt geschrieben, hat mich auch sehr berührt!

    28.04.2015, 17:08 von flume
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  • 1

    Es ging mir damals genau so, bei meiner Oma! Ich hatte Gänsehaut bei deinem Text! Wirklich gut geschrieben!

    09.04.2015, 20:49 von fraeulein.Wunderlich
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  • 1

    Toller Text, weil er mit so viel Gefühl geschrieben wurde.
    Nach dem letzten Satz, hatte ich richtig Gänsehaut.

    09.04.2015, 17:21 von -Maybellene-
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      Ach verdammt, danke. Ich wusste, dass mich irgendwas gestört hat, aber bin nicht darauf gekommen so ein eingeschleiftes Wort zu hinterfragen. Sofern du das altmodische e gemeint hast und nicht den Kommafehler. Sonst steh' ich nämlich auf'm Schlauch.
      Inzwischen darf man offiziell übrigens beide Versionen vom Präteritum 2. Pers. pl.benutzen. Verrückt..

      09.04.2015, 00:56 von tiptappin
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    • 1

      Ach die paar Abkürzungen..
      Hab ich doch längst geändert. Lass ma jetzt Freunde sein, ich bring das Popcorn mit.

      09.04.2015, 01:01 von tiptappin
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  • 0

    Eine der schönsten und intensivsten Erinnerungen an meine Kindheit: an der Hand des Großvaters

    08.04.2015, 00:14 von FrankFrangible
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