Als der Himmel über uns, nicht mehr der Selbe war.
Wir sind durch harte Zeiten gegangen. Zu zweit. Beide nicht ganz unversehrt. Wir haben Schlachtfelder gesehen und hinter uns gelassen.
Fast 16 Jahre ist es jetzt her, dass ich im Krankenhaus neben Mamas Bett gestanden und gefragt habe, wer denn das Baby in ihren Armen sei. Man hat mich angelächelt und mir erklärt, dass ich jetzt viel Verantwortung trage, weil ich in dieser Nacht eine große Schwester geworden bin.
Ich habe das damals nicht sehr ernst genommen.
Anfangs fand ich dich auch echt scheiße. Du hast immer geweint und
geschrien und gegessen. Außerdem warst du dick und dauerhaft rot im
Gesicht.
Nach und nach wurde das dann aber ganz cool mit uns. Wir haben viele Abenteuer erlebt und größtenteils zusammengehalten.
Du
mochtest es, wilde und gefährliche Sachen auszuprobieren, was dir auch
oft zum Verhängnis wurde. Beispielsweise, als du das erste Mal gebügelt
und dir mit dem Rand des Bügeleisens, einmal quer über den Bauch
gebügelt hast. Oder als wir Mama eine Freude machen wollten, indem wir
die Türen in der ganzen Wohnung geputzt haben und du es total lustig
fandest, mal zu sehen was passiert, wenn man die Tür zuschlägt, während
man seinen Daumen in der Türritze hat. Du hast auch gerne mal die Hand
auf die heiße Herdplatte gelegt, oder den Finger in eine Lampe ohne Birne
gesteckt.
Dir ist so viel passiert. Aber du warst zäh und hast alles wie ein richtiger Mann weggesteckt.
Wir sind durch harte Zeiten gegangen. Zu zweit. Beide nicht ganz unversehrt. Wir haben Schlachtfelder gesehen und hinter uns gelassen. Wir sind gestorben und wieder auferstanden. So wie unsere Hoffnung. Aber irgendwann hat sie nicht mehr gereicht.
Wir wurden älter und älter. Die Zeit ist uns voraus gerannt.
Ich bin gescheitert. Das weiß ich heute. Bitte verzeih mir.
Als alles anfing und Tage kamen, an denen du anders aussahst, anders gesprochen hast und durchsichtig schienst, da hat sich dieser Gefühlshebel in mir einfach runtergeschoben. Ich musste das machen. Ich hatte selber zu viel zu tragen. Hätte ich an dich gedacht, über dich nachgedacht, dann wäre ich nicht mehr hier. Genauso ist es bei Mama. Ich wünsche mir so sehr, dass du das irgendwann verstehen kannst.
Als ich dich das erste Mal nach langer Zeit wieder sah, da wusste ich, dass es zu spät ist. Dass ich dich nicht mehr retten kann. Man hat mir eingeredet, dass ich das auch nicht müsste, aber heute würde ich alles dafür tun, um die Zeit zurückdrehen zu können, um dich zu beschützen.
Wenn ich dich anschaue, kenne ich dein Gesicht nicht mehr. Du hast nicht mehr diese schönen, hellbraunen Augen, mit den tollen Wimpern. Deine Wimpern sind alle weg. Das Hellbraun ist verschleiert und irgendwie starr. Ich kann nicht mehr in sie hineinsehen, weil ich weiß, dass mein Blick nicht mehr ankommt, sowie die unausgesprochenen Worte, in Form von Entschuldigungen, Bitten und dem Flehen, nach Hause zu kommen. Überall hast du Narben und deine Lippen sind wund, trocken und aufgesprungen. Ich will dich in den Arm nehmen. Aber ich kann nicht. Ich will neben dir einschlafen und mit dir reden und all das Versäumte wieder aufholen. Ich will wieder deine Schwester sein. Weil ich dich liebe. Und das wird so bleiben. Auch wenn ich es dir nicht mehr sagen kann.





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Kommentare
lange geschichte.
31.10.2012, 20:07 von wonderchild.Was ist denn mit ihr?
31.10.2012, 19:03 von See_Emm_Why_Kay