kryptonite 05.07.2009, 13:43 Uhr 2 0

Alles wird gut.

Vom Leben gelernt: Familie heißt nicht Mutter-Vater-Kind-Eigenheim-Hund-Heile-Welt. Und doch wird alles gut.

Ich gebe zu, dass es manchmal anstrengend ist. Manchmal hat Muttern schwierige Phasen, für die mir die exakte medizinische Bezeichnung fehlt, da nie irgendwas diagnostiziert wurde, was diese Problematik aus der viel beschworene Unsere Vier Wände Ebene auf etwas Klinisches, Rationales gehoben hätte.
Muttern teilt sich dann in das oft beschworene Mutter-Monster Schema und die "ich bin so furchtbar stolz auf dich" Frau lallt mir aus den Tiefen der Couch unschöne Dinge entgegen. Du alte Schlampe. nur weil du studierst. glaubst, du wärst was besseres. du aufgeblasene dumme Kuh.

Nachdem man sich dann gewohnheitsmäßig im Kinderzimmer eingeschlossen hat -schließlich ist man nur zu Besuch- wartet man die üblichen zwei Stunden ab, gibt ihr noch eine mehr, und versucht sie dann vom Sofa ins Bett zu klauben. Das Schema ist das gleiche, erfährt aber bisweilen ungeahnte Variationen.
Hinsichtlich dem Grad der Beleidigungen -das kennt man nach so vielen Jahren- und aber auch hinsichtlich des Grades der Verwahrlosung in der Wohnung, den man vorfindet. Das variiert von Zeit zu Zeit. Da kann man fast von so etwas wie spontaner alkoholgeschwängerter Kreativität sprechen.

Vom Leben gelernt: Meine Mutter ist krank. Alkoholkrank auf jeden Fall, gepaart -vielleicht- mit einer Persönlichkeitsstörung von der ich noch nicht exakt sagen kann, was es ist. Aber ich hatte meine ganze Kindheit um dabei zu zusehen, und habe, je älter ich werde, die Möglichkeit, es differenziert zu betrachten. Das Muster zu suchen, nach dem da was schief läuft.
Allerdings auch gelernt habe ich: Meine Mutter liebt mich. Ganz und gar und vorbehaltslos und ich kann erst jetzt, mit Anfang 20 überhaupt ermessen, wie viel Mühe und Liebe und Herzblut sie in meine Erziehung gesteckt hat. Was sie sich alles hat einfallen lassen, damit ihr Mädchen mal aufs Gymnasium gehen und sich selbst verwirklichen kann. Meine Mutter unterstützt mich bei ausßnahmslos allem was ich tue, auch wenn ich mich seit Studienbeginn vollends in einer Welt bewege, die ihr kaum noch zugänglich ist. Aber ab und an schaut sie rein und staunt und freut sich.
Hätte meine Mutter sich nicht so dafür aufgegeben mich zu fördern, würde ich bei Weitem nicht sein, wo ich jetzt bin.
Darum weiß ich: Ich liebe meine Mutter und zwar mit allem was sie ist, inklusive ihres Alkoholismus und ihrer Störung. Sie ist Mutter und auch Monster, und auch wenn mich dieser bizarre Dualismus fast zu viel gekostet hätte: Ich liebe sie trotzdem, oder gerade deswegen. Mit all dem Schwächen und Stärken- sie wird wohl kaum absichtlich suchtkrank sein, auch wenn ich lebenslang einen Vorbehalt gegen ihre Suchtstörung haben werde und auch Abstand von anderen Suchtkranken halte. Sie ist der Suchtkranke, für den ich nun streckenweise zu viel gebe, wie sie das für mich getan hat.

Wir haben gute Tage, wir haben schlechte Tage. Aber ich weiß somit immerhin, was für ein Geschenk funktionierende familiäre Beziehungen sind. Ich will keine andere Mutter, keine Ersatzfamilie und -Funktionen. Muttern ist super, so wie sie ist, und Muttern hat mich stark gemacht.

Meine Eltern, auch wenn das von Ferne für das distinguierte Publikum fast herausfordernd scherenschnittartig wirken mag -Mutter mit Suchtstörung, Vater mit phillipinischer Frau- haben immer alles, wirklich alles für mich getan und tun das heute noch.

Mag sein, dass ich oft allein war, weil sie überfordert waren. Mag sein, dass ich hilflos war und mir so vieles anders gewünscht hätte, was sie mir aber nicht geben konnten. Aber sie lieben mich, sie unterstützen mich, ich weiß, dass ich immer zu meinen Eltern gehen kann, egal was ist und gleich was ich angerichtet habe. Meine Eltern sind nicht perfekt, nicht hochgebildet oder sonst irgendwas, was man vielleicht als Maßstab für die perfekte Eltern-Kind-Beziehung anlegen würde. Aber sie lieben mich, und sie haben versucht, mir all das zu geben, was sie nicht hatten.
Sie kommen aus kaputten Familien, kaputte herzliche Familien mit bizarren Strukturen und noch bizarreren Regeln.

Und sie haben es geschafft, dass ich trotz vieler innerfamiliärer Scheidungen, inklusive ihrer eigenen, eine Familie habe. Mag sein, dass sie ein wenig kaputt ist und ein wenig eiert und an den Ecken schon ausfranst. Es gibt schönere Familien, ohne Skandale und Ausfälle mit Hochglanzfotos im Poloshirt überm Kamin und trauter Dreisamkeit unterm Weihnnachtsbaum, mit Mittags nach Hause kommen "und Schatz wie wars in der Schule" mit gemeinsamem Skiuralub und täglichen Telefonaten.

Meine Familie hat Ecken und Kanten und Dellen und sie ist etwas unbequem und sperrig, und auf eine herzzereißende Art etwas eigen und knorrig. Aber es ist meine Familie, mit all den Störungen und Zweit- Drittehepartnern und Stiefcousins und Lebensabschnittsgefährten mit denen, an die wir nur noch denken können, und jenen, die wir jeden Tag sehen.
Es ist die Familie, zu der ich immer nach Hause kommen kann und die mir vieles beigebracht hat, nicht zuletzt, mich mit einer ähnlich knorrigen, sperrigen Art durchzubeißen und mich von all den Hochglanzfotos im Lacostehemdchen nicht blenden zu lassen.

Meine Familie ist nicht heil und helle und sie wirds auch niemals sein, und trotzdem wird alles gut.

2 Antworten

Kommentare

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    Pragmatischer Erkenntnistext ohne Schnörkel, aber auch manchmal etwas holprig in der Form.

    Trotzdem gelungen!

    12.07.2009, 14:09 von DarenBRens
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