muff. 24.07.2012, 22:17 Uhr 22 29

Alles ist in Ordnung, wir sind Kinder

Du hast ihn im Bad gefunden, auf dem Boden liegend. Du hast ihn aufgehoben. Du konntest noch klar genug denken, um ihn aufzuheben.

Als Kinder waren wir oft zusammen, wir haben Fußball gespielt, ohne Regeln, über den ganzen Hof. Wir haben Kirschen gepflückt, Himbeeren, haben die Hühner gefüttert. Mittags haben wir die Schweine gefüttert, mit Kartoffeln, die unsere Oma vorher in einem rießigen Kessel gekocht hatte. Weiche, heiße Kartoffeln, unglaublich lecker, auch wenn sie natürlich nicht für uns, sondern für die Schweine waren. Die Kartoffeln wurden im Herbst geerntet, wir durften mit dem Traktor fahren, im Dreck wühlen, über das ganze Feld rennen. Alle Verwandten waren da, jeder brachte Brote mit, Kuchen, Tee. Im Sommer spielten wir draußen, jeden Samstag. Der Bäcker kam und wir bekamen einen Euro, um uns Gebäck zu kaufen. Wir fuhren mit dem Fahrrad, spielten Kicker. Irgendwann wurde geschlachtet. Die Schweine, die wir noch wenige Tage vorher mit warmen Kartoffeln gefüttert hatten, lagen jetzt tot und halbiert auf dem Tisch, unsere Väter und Opa nahmen sie auseinander, drehten sie durch den Wolf, froren sie ein. Oma kochte. Wir sollten das Herz, die Leber, die Organe der Schweine essen, damit wir groß werden und die Sonne morgen wieder scheint. Irgendwann hat uns ihre Argumentation nicht mehr überzeugt, wir haben es ihr überlassen sich der fränkischen Spezialitäten zu widmen. Wenn geschlachtet wurde, stank das ganze Haus nach frischem Fleisch, ich habe es gehasst. Mein Bruder hielt mir den Schwanz eines Schweines vor die Nase und lachte über mein entsetztes Gesicht. Wir waren Kinder, alles war in Ordnung. Wenn es regnete blieben wir drinnen, Oma gab uns Bücher, Stofftiere, Schokolade. Wo die "Speiß" war, wussten wir genau und auch, wie man es am klügsten anstellte mit der stibitzten Schokolade nach draußen zu flüchten. Wir malten Bilder, versuchtem unserem 60 Jahre alten Opa begreiflich zu machen, dass Zigaretten nicht förderlich für die Gesundheit sind, malten Gemüse, Obst, Schokolade, um ihm zu erklären, dass das viel besser schmecken würde. Oma schimpfte, Opa ignorierte uns.
Weihnachten verkauften wir Bäume. Opa, Oma, unsere Väter, deine Mutter, verkauften, wir sprangen draußen herum, mussten manchmal mit anpacken, aßen Plätzchen, tranken Schokolade. Unsere Großeltern hatten immer den schönsten Baum. Nicht, dass er besonders groß gewesen wäre, aber es hing Schokolade an ihm - "Gutzela", die Oma nur unseretwegen dorthin hängte.

Ich war oft neidisch auf dich. Du lebtest auf einem Bauernhof, bei Oma und Opa, ihr hattet mehr Platz, Tiere, auf Familienfeiern hattest du die schöneren Klamotten.

Jetzt sind wir 17 und 18 Jahre alt, der alte Schweinestall ist jetzt ein Partyraum, Opa schimpft nicht mehr nur, er schreit. Er schreit Oma an, weil sie ihn nicht heilen kann, weil sie ihm keine neuen Beine geben kann. Er hält sie wach, weil er es nicht ertragen könnte allein zu sein. Er schreit, weil er nicht versteht, wie es soweit kommen konnte. Er jammert, weil er nicht mehr laufen kann, weil seine Beine nicht kräftig genug sind, um ihn zu halten. Er schimpft, weil niemand ihn besucht, weil keiner Zeit hat. Weil er nicht mehr Sonntags ins Wirtshaus fahren kann, die Autoschlüssel hat mein Onkel, dein Vater, ihm schon vor einiger Zeit abgenommen.Weil er kein Gefühl mehr in den Beinen hat, weil er sich schämt, er sich ausgeliefert vorkommt. Er tyrannisiert unsere Oma, weil er es nicht besser weiß.

Letztlich hast du ihn im Bad gefunden, auf dem Boden liegend. Du hast ihn aufgehoben. Du konntest klar genug denken, um seine Knie anzuwinkeln, seine Hände an den Rand der Badewanne zu legen. Du hast um Hilfe gerufen, Oma hat dir geholfen. Du weinst oft ihretwegen, sagst du.
Wir stehen zwischen hunderten von Leuten, die meisten davon angetrunken, mit einer Zigarette in der Hand. Menschen, die komische Gesten malen, oder gerade auf dem Weg zur Tanzfläche sind. Um uns herum laute Musik, Stimmen, Geschrei, gute Stimmung. Wir stehen da, wir halten uns in den Armen. Ich weine, weil meine Kindheit vorbei ist. Unser Opa stirbt und ich hab keine Zeit ihn öfters zu besuchen. Lächerlich. Ich falle. Meine Kindheit ist vorbei, die Menschen, die sie geprägt haben verschwinden. Zum ersten Mal wird mir bewusst, dass ich nie wieder fünf sein kann und Oma den Schweinen nie wieder heiße Kartoffeln kochen wird. Ich wusste das schon vorher, natürlich. Aber was ist schon sicher?
Du sagst, dass es unglaublich sei, dass wir hierfür Jahre gebraucht hätten. Ja, das ist es.
Wir weinen, versuchen uns festzuhalten, versuchen es aufzuhalten, versuchen die Tränen zurückzuhalten. Wir haben selten über uns gesprochen; oft über Alkohol und Freunde und Prinzipien. Über das, was uns verbindet fast nie. Mich tippt jemand von hinten an, ich drehe mich um, wische mir die lächerlichen Tränen aus dem Gesicht, lächle ihn an. Er fragt, ob er meine Handynummer haben kann, ob wir zusammen heim laufen. Klar.
Fünf Minuten später verschwinde ich auf die Tanzfläche.

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Kommentare

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  • 0

    auch wenn es mit dem Euro zeitlich nicht ganz aufgeht, find' ich den text super. genau solche gefühle überkommen mich immer wieder. schon noch doof, kein kind mehr zu sein.

    10.08.2012, 22:42 von deterioratedSystem
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      Danke und warum sollte das nicht aufgehen? Den Euro gibt's seit 2002 und ich bin 17 Jahre alt. Mit 7 konnte ich also schon mit 'nem Euro zum Bäcker laufen.

      12.08.2012, 20:10 von muff.
    • 0

      oh. na klar. ups. xD da sieht mans wieder weshalb ich mich mit dem matheunterricht nie anfreunden konnte. tschuldigung :P
      wäre ja eh nur ein detail, den text finde ich super :))


      14.08.2012, 15:14 von deterioratedSystem
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      Kein Problem, Mathe ist auch keine meiner Stärken :D
      Nochmals danke :)

      14.08.2012, 19:48 von muff.
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  • 0

    ja, find ich gut.

    Kartoffel für Schweine zu kochen, ist hart dämlich.
    was soll das? Sollen die Beisser der Schweinchen geschont werden?
    Die hacken dir das Schienbein kaputt und du machst denen die Katoffeln bissfest?

    dämlich

    30.07.2012, 18:13 von Surecamp
    • 1

      Für Menschen und Hunde sind rohe Kartoffeln giftig/unverträglich.

       

      Schweine können sie zwar im rohen Zustand ohne Schwierigkeiten fressen, aber auch nicht ausreichend verwerten. Gekocht dagegen sind sie ein ausgezeichnetes Mastfutter.

       

      Also, gar nicht dämlich.

      31.07.2012, 14:43 von Pixie_Destructo
    • 0

      oh Gott! Bauernkunde auf Neon! was dann noch alles???

      31.07.2012, 14:49 von Surecamp
    • 1

      Och...

      Dass rohe Kartoffeln nicht der Bringer sind, kann man wissen.

      Wie's um die Schweine bestellt ist, hat man sich dann in einer halben Minute dazu ergooglet.

      So wild ist das jetzt nicht...

       

      Außerdem hast Du doch angefangen :P

      31.07.2012, 15:35 von Pixie_Destructo
    • 0

      Wenn du fragst warum die Kartoffeln gekocht werden, musst du damit rechnen, dass du 'ne Antwort kriegst ;)
      Danke Pixie! :)

      09.08.2012, 22:51 von muff.
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    PS : beim zweiten lesen viel die Pasage mit dem ;" wir bekamen einen Euro.... ....dann war Ihr 17 18 ..? auf. Den Euro gab es ab 2002 als Geld Währung ..demzufolge erzählt deine Geschichte von 2019-2020 ?  Oder habe ich damals nicht aufgepasst ?? sonst ein gelungener Text

    27.07.2012, 22:22 von My_Key
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      ja eben, 2002 gab es den Euro doch schon ;)
      Warum sollte die Geschichte dann von 2019-2020 erzählen?

      28.07.2012, 09:33 von muff.
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    ich schwelge in Erinnernen.........

    27.07.2012, 22:12 von My_Key
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    Traurig, aber berührend traurig.

    27.07.2012, 09:17 von FraeuleinLiebtMusik
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    das hab ich damals gedacht, als meine Oma starb und ich schwanger mit einer Tochter war.... Jetzt sind wir die Erwachsene Generation, die eigenen Eltern werden Großeltern.... werden wahrscheinlich als nächstes gehen und dann schon rückt man selber nach und dazwischen liegt Zeit, unendlich viel Zeit, die so schnell verrinnt, dass man sie nicht festhalten kann, egal wie sehr wir uns das doch wünschen.... 

    27.07.2012, 02:11 von Insomnia291986
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      So geht's wohl jeder Generation irgendwann. Es geht ja nicht drum die Zeit festzuhalten, es gilt sie zu füllen. So zu füllen, dass man später darauf zurückblicken und sagen kann: Ja, passt, muss man nicht viel ändern.

      09.08.2012, 22:58 von muff.
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    berührt, irgendwo ganz tief.

    27.07.2012, 00:02 von SunFeather
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  • 1

    Erinnert mich daran:
    http://www.youtube.com/watch?v=yJzLh7ZZc5o

    26.07.2012, 20:59 von Oachkatzlschwoaf
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    Der Text macht mich traurig.

    Dennoch ist er toll. Wenn man dich beim Worte nimmt ("ich kann nicht schreiben"), ist es umso beeindruckender, wie gut du es eben doch kannst.

    26.07.2012, 19:14 von Pflomp
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      Mich auch.
      Und naja, es kommt eben auf die Zeit an. Hätte ich noch zwei Tage mit dem Schreiben gewartet, wäre ich verzweifelt und hätte kein Wort mehr auf's Papier gebracht, hätte dir vorgejammert, dass ich nicht schreiben kann und es wäre nur Mist dabei rausgekommen. Danke liebster Pflomp :)

      28.07.2012, 09:46 von muff.
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  • 0

    mal was anderes, gefällt. stimmig verfasst, liest sich sehr gut!

    26.07.2012, 18:53 von wasauchimmerundsoweiter
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