limpstone 30.01.2012, 09:59 Uhr 26 25

Alice in ihrer Welt

Wenn ich mich nur ein wenig bewege, verändert sich mein Gesicht im Glas. Was für eine Fratze!

Mit zögerlichen Schritten steige ich die alte Holztreppe in den 2. Stock. Das Treppenhaus ist düster und muffig. Verstaubte Plastikblumen stehen in einer braunen Keramikvase auf einem Hocker mit Häkeldeckchen. Die Stufen knarzen laut. Zögerlich bin ich deshalb, weil ich nicht weiß, ob ich mir zu viel zumute und ob ich dem gewachsen bin, was mich hier erwartet.

Ich hatte versprochen, heute meine Tante Alice, die hochgradig dement ist, zu betreuen. Die Frau, die das sonst tut, hat einen wichtigen Termin und ich wollte nett sein. Alice hatte keine eigenen Kinder. Ich war sozusagen ihre Ersatztochter. Mein letzter Besuch ist viele Wochen her und das schlechte Gewissen ist mir bestimmt meilenweit anzusehen. Leise und zaghaft öffne ich die Wohnungstür und ein säuerlich stechender Geruch steigt mir sofort in die Nase. Jetzt bereue ich es ein bisschen.

Meine Tante kommt mit wackeligen Schritten auf mich zu, lächelt und sieht mich fragend an. Ihre dünnen Brauen über den wasserblauen Augen sind schief und völlig unsymmetrisch mit einem Stift nachgezogen. Die Lippen glänzen vor üppig aufgetragener Vaseline. Die hat sie früher schon benutzt, auch wenn sie keine rissigen Lippen hatte. Dünne weiße Haare lassen die helle Kopfhaut durchschimmern. Sie liegen nicht mehr in zarten Wasserwellen wie früher. Ich strecke ihr meine Hand zur Begrüßung entgegen und erwidere ihr Lächeln. Sie nimmt sie zittrig und führt mich in die Küche. „So, hier kochen wir immer.“ Ich drücke ihre Hand und sage ihr, dass ich das weiß, weil ich doch schon ganz oft bei ihr war. „So?“ Sagt sie nur gedehnt und blickt dann unsicher an sich herunter. Sie kennt mich nicht mehr. „Das Telefon ist kaputt“, flüstert sie und presst den Zeigefinger auf den Mund.

Im Wohnzimmer ist es warm. Die beiden Fernsehsessel sind abgewetzt. Auf dem einen saß früher immer mein Onkel, der seit einigen Jahren tot ist. Auf dem Sofa sitzen zwei Plüschtiere mit Glasaugen und vom vielen Waschen verfilztem Fell. Eine alte Puppe mit Strohhut thront  zwischen ordentlich aufgereihten Kissen. In der 70-er Jahre Schrankwand stehen Unmengen von Goldrandgläsern und gestapeltem Geschirr. Sie erinnern mich an die vielen Feste, die wir früher hier gefeiert haben. Lustig und laut. Ein Tonbandrecorder steht im Regal wie eine Filmrequisite. Als ich Kind war, habe ich hier gerne nach den alten Schlagerkasetten getanzt.

Die alte Dame setzt sich langsam auf ihren Sessel, nimmt ihre Plüschrobbe liebevoll in den Arm und schaut mich erwartungsvoll an. Ich erzähle ihr von meiner Familie, an die sich wohl nicht erinnern kann, von meinem Alltag, der für sie sicher unverständlich ist und dann vom Wetter, weil ich nicht mehr weiß, was ich sonst noch erzählen könnte. Dann entsteht eine Pause. Sie sieht mich immer noch an, aber grinst jetzt schelmisch. Dann erzählt sie mir Geschichten aus meiner Kindheit, an die ich mich nur vage erinnere. Wie ich Buttercreme für Torten mit ihr gerührt und gefrorenen Rosenkohl mangels Eiswürfeln zum Kühlen meiner Limonade genommen habe. Aus ihrem Mund sprudeln klare Sätze. Ihre Augen glänzen. Sie lacht lauthals und klatscht wie ein Kind in die Hände.

An der Wand hängen gemalte Bilder meines Onkels. Eines in schwarz-weiß zeigt meine Tante im Halbprofil, als sie jung war, mit Porzellanteint, sinnlich geschwungen Lippen und wunderschönen, lasziv blickenden Augen. Eine gemalte Liebeserklärung und ein Zeugnis scheinbar unvergänglicher Schönheit. Weil ich ihr heute eine Freude machen wollte, hatte ich Nagellack mitgebracht. Ich feilte ihr die noch immer schönen Nägel, cremte ihre dünnhäutigen Hände und lackierte ihre Nägel zartrosa. Ihre Hände in meinen. Früher war es umgekehrt. Ungläubig, wie ein Kind beim Anblick eines Weihnachtsbaumes an Heiligabend bestaunte sie das Ergebnis. „Da werden sie aber staunen morgen im Geschäft.“

Ich richte Kartoffeln, sämiges Gemüse und grau gekochtes Fleisch vom „Essen-auf-Rädern“-Service auf einem Teller an und füttere die alte Dame mit mundgerechten Häppchen. Es kleckert etwas auf ihren Pullover weil ich ungeschickt bin. Sie lächelt geduldig. Später erzählt sie, dass sie gestern tanzen war, aber ihr „Dicker“, wie sie meinen Onkel früher nannte, nicht mit ihr tanzen wollte und sie viele hübsche Verehrer hatte. Mario Adorf wäre heute auch schon bei ihr gewesen. Sie verwechselt die Bilder aus dem Fernsehen mit der Realität. Ihre Welt ist blass-bunt und sprunghaft aber vom rosigen Nebel verklärter Erinnerungen, oder Bruchstücken davon, überzogen.

Meine Nase sagt mir, dass es jetzt Zeit wird, mit ihr zur Toilette zu gehen. Als ich sie begleite, um ihre Windel zu wechseln, fragt sie mich, was sie hier soll. Das ist der heikelste Akt meines Besuches. Die Angelegenheit ist unangenehm für uns beide und ich versuche es schnell hinter mich zu bringen. Hilflos und verletzlich wirkt sie. Ich halte die Luft an, bis es nicht mehr geht.

Wieder in ihrem Sessel sitzend, ihre Robbe streichelnd und ihre schönen Nägel betrachtend schläft sie schließlich ein. Ich weiß, dass ich jetzt etwa eine Stunde Zeit habe. Hastig springe ich die Holztreppe hinunter, als müsste ich vor etwas flüchten. Tief atme ich die frische Luft ein und schaue in die Sonne bis es vor meinen Augen flimmert. Dann gehe ich sonnenblind langsam den gepflasterten Weg durch den Garten entlang.

Ein kleines Mädchen  in einem Pepitakleid und langen schwarzen Zöpfen hüpft und tanzt auf der Wiese. Es dreht sich mit ausgestreckten Armen kichernd im Kreis und lässt sich dann laut lachend rücklings ins Gras fallen. Jemand ruft meinen Namen. Ich drehe mich in Richtung der Stimme. Niemand zu sehen. Das Mädchen ist auch weg. Wohin? Ich schaue mich suchend um, entdecke die alte Gartenlaube. Abgeblätterte, ehemals hellblaue Farbe auf verwitterten Brettern. Die Patina ist charmant von Efeu überwuchert.

In den gesprungenen Resten der zersplitterten Scheiben sehe ich verzerrt mein Spiegelbild und muss lachen. Wenn ich mich nur ein wenig bewege verändert sich mein Gesicht im Glas. Meine Augen werden plötzlich klein, meine Nase und Ohren größer. Durch meinen Mund geht ein Riss. Was für eine Fratze! Für den Bruchteil einer Sekunde sehe ich ein altes, aber vertrautes Gesicht. Mein Gesicht. Ich erschrecke, weiche zurück. Was treibt hier meine Fantasie mit mir? Ich schüttle den Kopf, kann wieder lächeln. Bin immer noch Ich. Nachdenklich wandel ich auf den Spuren meiner Kindheit durch den riesigen, verwilderten Garten. Mit geschlossenen Augen erkenne ich den Flieder und sauge tief seinen balsamsüßen Duft ein. Ohne hinzuschauen sehe ich seine dunkelvioletten, doppelt gefüllten Blütentrauben.

Als ich wieder vor ihrem Sessel stehe, schläft sie immer noch tief und fest. Zusammengesunken, den Kopf zur Seite geneigt liegt sie wie eine nostalgische Porzellanpuppe da. Ihre Hände mit den zartrosa lackierten Nägeln hat sie wie eine Diva über der Decke auf ihren Beinen gefaltet. Ein erschreckender Gedanke schießt wie ein Blitz durch meinen Kopf: ‚sie wird doch nicht …‘ Ich starre sie an.

Sie blinzelt, räkelt und räuspert sich, strafft ihren Rücken, öffnet dann erst ihre Augen und fragt nach einigen Sekunden: „Wo ist der Sekt?“ Ich schaue sie erleichtert lächelnd an, reagiere aber nicht. „Können Sie mir ein Gläschen Sekt holen?!“ Fordert sie klar und deutlich, was mich an ihre frühere Resolutheit erinnert. Ich muss lachen. Dann stoßen wir mit Mineralwasser an.


Tags: Altwerden, Demenz
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26 Antworten

Kommentare

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  • 2

    Es gefällt mir einfach, dass dieser Text über´s Altwerden mal keine tiefen Depressionen auslöst, sondern mit einem leicht melancholischen aber unterhaltsamen Stil die Realität beschreibt.

    Hatte zum ersten mal nach so einem Text nicht Townshends Worte "Hope I die before get old" im Kopf

    02.02.2012, 10:36 von EvilEvo
    • 0

      Oh, das sehe ich ganz genauso. Die Stimmung des Textes ist schön.

      05.02.2012, 18:13 von sonnenmundsterne
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  • 1

    nicht kitschig und trotzdem anrührend...


    erinnert mich an meinen großvater... der wollte trotz jahrelanger demenz jeden abend tanzen gehen...

    schön be- und gescheiben!

    31.01.2012, 09:35 von MiZa.
    • 1

      ge-schrieben...

      31.01.2012, 09:35 von MiZa.
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  • 0

    Erinnert mich sehr an meine Zivi-Zeit.

    Der letze Satz muß meinetwegen nicht sein..

    30.01.2012, 16:09 von RAZim
    • 0

      Ja, ich wollte das nicht "kritisieren", aber bin auch der Meinung, dass er weg kann. Er stört sogar ein bisschen, da er so ernüchternd u. sachlich klingt.

      30.01.2012, 18:25 von Jackie_Grey
    • 0

      Hm, wenn schon 2 der Meinung sind.....muss was dran sein.


      Ich wollte irgendwie rausbringen, dass mir da bewußt wurde, dass man auch in jungen Jahren schon an das Alter denken sollte. So irgendwie plantechnisch.

      30.01.2012, 18:29 von limpstone
    • 1

      Gelöscht - und tut garnicht weh!

      30.01.2012, 18:31 von limpstone
    • 1

      Genau dieses Vorhaben, "zerschlägt" den gefühlvollen, nachdenklichen, traurigen Text. Der Text bedarf keines Fazits.

      30.01.2012, 18:32 von Jackie_Grey
    • 1

      Super - alles fein. Alle zufrieden jetzt :) Haha.

      30.01.2012, 18:33 von Jackie_Grey
    • 0

      Ich finde, der Satz gehört dort hin!

      30.01.2012, 21:29 von Getanzt
    • 0

      was war das für ein satz?

      31.01.2012, 09:32 von MiZa.
    • 0

      Dass die junge Protagonistin nun an ihre Altersvorsorge denken wird... Sehr sachlich. So in dieser Art.

      31.01.2012, 11:56 von Jackie_Grey
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  • 2

    Sich zu erinnern ist das Schönste oder das Schlimmste, was uns passieren kann.

    30.01.2012, 12:18 von Sasali
    • 0

      ja.

      31.01.2012, 09:48 von Sterling4ever
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  • 0

    "Aus ihrem Mund sprudeln klare Sätze. Ihre Augen glänzen. Sie lacht lauthals und klatscht wie ein Kind in die Hände."

    Ganz großartig!

    30.01.2012, 12:09 von Jackie_Grey
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  • 1

    Danke Dir!

    30.01.2012, 11:44 von chouchenn
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  • 0

    und gefrorenen Rosenkohl mangels Eiswürfeln zum Kühlen meiner Limonade genommen habe.
    Das fand ich jetzt schon ein bisschen ekelig.

    Egal, der Text an sich gefällt mir ausserordentlich.
    Ich finde es erschreckend, was demenz mit einem Menschen anstellen kann.


    30.01.2012, 11:24 von Jingeling89
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  • 0

    Leider hat man meinen Artikel mit einem irrationalen Eingangsdatum versehen und ihn aus sämtlichen Rubriken verschwinden lassen. Meine insgesamt 4 Anfragen beim NEON-Lotsen wurden nicht beantwortet. Schade!!!

    28.01.2012, 18:24 von limpstone
    • 0

      Der Text ist aus der Versenkung zurück und jetzt hat er auch wieder ein Datum. Danke dem, der aufgeräumt hat!

      30.01.2012, 17:52 von limpstone
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  • 2

    Schön beschrieben, ohne viel Pathos, ohne Kitsch. Fein.

    28.01.2012, 06:04 von nyx_nyx
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  • 1

    Zwischendurch hatte ich vor Rührung Tränen in den Augen. Ein nicht sehr einfaches Thema, das du dennoch sehr beeindruckend beschrieben hast. Mein Opa war die letzten zwei Jahre vor seinem Tod ebenfalls dement und es war schrecklich in seine Augen sehen zu müssen und zu sehen, dass er einfach nicht wusste, wer ich war.

    27.01.2012, 12:43 von NeverGrowUp
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