zepney 03.04.2007, 00:21 Uhr 15 10

Abschied

Ich war 10 als du gegangen bist. Und ich konnte mich nicht einmal verabschieden.

Denn ich war ja noch zu jung, dachten meine Eltern. Zu jung, um zu begreifen, dass es dir nicht gut ging. Zu jung, um zu verstehen, dass du gehst und nicht mehr wiederkommst.

Dabei war ich gar nicht zu jung. Ich war doch sonst auch immer bei dir.
Viele Nächte haben wir durchgequatscht.
Du warst die einzige Person, die mich als Kind ernst genommen hat.
So richtig ernst. So ernst, wie man sonst nur Erwachsene nimmt.
Und das habe ich gespürt.

Ich habe mit dir über wichtige Themen gesprochen. Zum Beispiel, dass ich all meinen Kuscheltieren Namen gegeben habe und ein Leben für sie erfunden habe. Oder dass meine Eltern meinen Bruder viel lieber als mich hatten und ihn bevorzugten. Das waren für mich sehr wichtige Dinge, über die ich nur mit dir gesprochen habe.

Aber wir haben auch über Dinge gesprochen, die dir wichtig waren. Über die Familie. Wie dein Sohn, mein Onkel, dir das Herz gebrochen hat, als er plötzlich in eine andere Stadt ging um zu arbeiten, die ganz weit weg war. Oder wie dich dein anderer Sohn enttäuscht hat, weil er dich nicht besucht hat, als du im Krankenhaus warst. Andere Dinge sind ihm nämlich wichtiger, sagtest du. Auch, dass du deiner Tochter, meiner Tante, niemals verzeihen wirst, für das, was sie tat.
Aber immer hast du am Ende gesagt, dass du mit allem leben kannst, solange sie glücklich sind.
Und ich merkte jedesmal, wenn du geweint hast. Auch wenn du mir deine Tränen nie gezeigt hast. Irgendwie hab ich dich getröstet. Auf eine unschuldige Art, wie es nur Kinder tun können.

Ich war auch da, als du Schmerzen hattest. Ich habe dir dann immer über den Rücken gestreichelt und versucht, dir die Schmerzen zu nehmen. Dann hast du immer gelächelt und gesagt, dass du keine Schmerzen mehr hast. So konnte ich wieder spielen gehen.

Ich weiß noch, wie ich als Kleinkind mal weggelaufen bin. Du hast mich überall gesucht. Ein alter Nachbar hat mich dann in seinem Garten unter dem Apfelbaum gesehen und mich wieder zu dir geschleppt. Du warst ganz schön böse und hast mit mir geschimpft. Ich kann mich nur noch an Wortfetzten erinnern.

Schade, ich würde mich gerne an alles erinnern.

Später haben wir noch oft darüber gelacht. Und über andere Sachen, die ich als kleines Mädchen getan habe. Du hast mir immer ganz lustige Geschichten erzählt und ich konnte gar nicht genug davon bekommen. Außerdem konnte ich mir nicht vorstellen, dass ICH so ein Blödsinn gemacht habe. Ich doch nicht.

Ich war zwar immer noch sehr jung, aber ich konnte die Bedeutung deiner Worte irgendwann verstehen. Niemals weglaufen, hast du immer wieder gesagt.

Und das mache ich nicht. Ich stelle mich. Nichts kann mich umhauen. Ich glaube, das habe ich von dir.

Und irgendwann wolltest du dann gehen. Niemand hat mir gesagt, wie es dir geht. Niemand hat mich zu dir gebracht.

Und was mir nun geblieben ist, ist die silberne Uhr.
Die, die du so gerne mochtest. Die, die du immer getragen hast.
Du wolltest, dass ich die Uhr bekomme.

Vielleicht wolltest du mir damit sagen, dass deine Zeit nun abgelaufen war. Und meine gerade erst anfing.

Denn ich war ja erst 10.

Und mit 10 ist man für manche Dinge noch zu jung, sagten meine Eltern.

Aber für einen Abschied ist man doch nie zu jung, sagte ich.

10

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15 Antworten

Kommentare

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    Einen tollen Text hast du geschrieben!

    Wenn ich das lese, bin ich froh mein Oma (wenigstens eine) noch zu haben...

    14.07.2009, 23:17 von Raschka88
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    Psychologen betonen sogar, wie wichtig das Abschiednehmen bereits für Kleinkinder (also um einiges jünger als 10!) ist... Leider schätzen viele Erwachsene dies aber anders ein.

    Schöner Text!

    20.06.2008, 15:17 von Tschoern
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    ...wieder ne kleine Perle entdeckt!

    Sehr hübsch und Grüße!
    ;-)

    20.02.2008, 00:35 von Kiyan
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    sehr schön beschrieben!

    15.12.2007, 22:06 von cumuluswolke
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      @[Benutzer gelöscht] dankeschön.

      30.07.2007, 23:10 von zepney
  • 0

    dankeschön :)

    28.05.2007, 18:00 von zepney
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    gut, dass ich auf deinen text gestoßen bin :)
    Er hat eine gute Aussagekraft- auch was die Uhr betrifft-
    wünsch dir alles gute,
    gruß,

    28.05.2007, 17:59 von butterfly17
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    danke :)

    19.04.2007, 10:15 von zepney
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    ich wünschte, ich hätte zu meiner oma ein so nahes verhältnis gehabt, liebste schreibfreundin.. küsserung!

    18.04.2007, 13:24 von vilsi
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