Aber er ist doch dein Bruder...
...das sagen alle zu mir wenn ich sage das mein Bruder ein doofes Kind ist. Ich hatte ihn mir immer anders gewünscht.
Ich hatte mir immer Geschwister gewünscht. Immer einen Bruder. Doch man wünscht sich vieles im Leben und wenn es dann soweit ist wünscht man man hätte diesen Wunsch nie gehabt.
Ich war elf als er geboren wurde. Sechs Stunden war er alt als ich ihn in meine Arme nahm und verstand das uns nie etwas verbinden wird.
Draußen lag Schnee, es war Januar. Ich liebe Schnee. Und er passte so gar nicht in diesen Tag. Mit seinen roten Haaren und dem viel zu großen Kopf. Und doch hatte er irgendwas schönes. Wie ein viel zu großer lächelnder Mund, mit schiefen Zähnen. Trotzdem schön...weil er lacht!
Er war nie wie andere Kinder. Die roten Haare, die Brille, mit seiner Entwicklung immer hinterher. Er verstand nie etwas, egal wie oft er nachfragte. Ich fand ihn immer doof. Vielleicht auch weil er in dem zu Hause wohnen durfte in dem ich es nicht durfte. Vielleicht weil ich der Meinung war er hätte mir meinen Vater weggenommen.
Vielleicht war ich ja auch nur doof. Denn erst heute wird mir klar das dieses doofe, andere Kind mich eigentlich immer lieb gehabt hat. "Mina" hat er mich immer genannt. Und wenn wir uns zusammen auf´s Sofa gekuschelt haben und Filme geguckt haben hat er mich durch seine verschmierte Kinderbrille angesehen und gesagt "du bist meine Pocahontas".
Er hat immer nach mir gefragt, wann ich wieder komme. Hat allen stolz erzählt das ich seine große Schwester bin. Eigentlich war er das was ich mir immer gewünscht habe. Einer der mich braucht.
An dem Tag an dem ich den Kontakt zu meinem Vater beendete ließ ich somit auch ihn allein. Ohne ihn zu fragen ob er trotzdem noch ein Stück mit mir gehen will. Ohne ihm weiter einen Grund zu geben das er stolz auf seine Schwester sein kann, weil sie sich eigentlich das leise Versprechen gegeben hat ihn nie alleine zu lassen. Ich habe das mit ihm getan was man mit mir getan hat. Ich habe ihn allein gelassen. Er wird es genauso wenig verstehen wie ich damals.
Nicht weil er doof oder anders ist. Nein, sondern weil er ein Kind ist.
Ich habe ihn drei Jahre nicht gesehen. Er ist jetzt elf. Er fehlt mir.
Weil er aus seinem großen Mund mit den schiefen Zähnen so schön lacht...und weil er doch mein Bruder ist.




Kommentare
Einer der schönsten Artikel auf dieser Website die ich je gelesen habe, toll!!!!
29.01.2007, 14:46 von Karl_Kolumna