SirLuke 13.06.2011, 17:04 Uhr 9 9

A promise to keep

Meine Oma ist mollig und strickt Socken. Den ganzen Tag, während all den Soaps und Gerichtssendungen, die so laufen. Langweilig? Dachte ich auch...

Meine Großmutter ist alt.
Jahrgang 1926, zum heutigen Zeitpunkt zählt sie also beinahe 85 Jahre. 85 Jahre, von denen sie beinahe 19 Jahre mehr oder weniger mit mir erlebt hat. Und von den 19 Jahren kann ich mich bewusst vielleicht 10 Jahre an sie erinnern.
10 Jahre, die mich dazu veranlassen, zu glauben, dass meine Oma eine langweilige Oma ist. Eine Sofa-Socken-Schokoladen Oma.
Doch dann wurde es spannend um meine Oma: Sie fiel, sie stürzte, die Augen wurden operiert, alte Knochen durch neue ersetzt und das Blut mit Tabletten verdünnt. Meine Oma zog dann zu uns, ganz in die Nähe.
Damals begann die schöne Zeit mit meiner Oma. Immer, wann ich wollte und durfte, konnte ich sie besuchen. Und je älter ich wurde, um so schöner die Geschichten, die sie erzählte: Geschichten aus ihrer Kindheit und Geschichten aus ihrer Jugend und vom Krieg und Geschichten von ihrem Mann und ihren Kindern und Geschichten von Silvester und Kirmes und Geschichten, die meist von schweren Zeiten erzählen.

"Wir waren 8 Geschwister, das war halt früher so. Der Tisch war jedenfalls immer voll. Als ich 10 war, starb mein Vater - an Weihnachten. Lungenentzündung. Das war halt damals so, man konnte nichts tun. Wir waren dann alleine und haben halt geguckt, wie wir durchkommen. Meine Vater hatte damals einen Freund, sie kannten sich noch aus dem ersten Weltkrieg und er konnte mit seiner Frau keine Kinder bekommen. Da hat er meine Mutter gefragt, ob er mich adoptieren darf. Ich sagte, ich würde mal sehen und bin zwei Wochen als Probezeit dorthin gefahren. Mir hat es gefallen und meine Mutter hatte weniger Arbeit. Und außerdem sollte ich ja alles erben, wenn ich bleiben sollte. Da habe ich halt unterschrieben.
Dann musste ich arbeiten. Zuerst gings ja noch. Da hatten wir einen Franzosen. Der musste bei uns arbeiten und hat das auch getan, wie ein Tier. Irgendwann durfte er aber wieder nach Hause. Plötzlich hatte ich also die Arbeit für zwei zu erledigen und ich war ja erst 15, 16 Jahre alt...
Opa habe ich erst später kennen gelernt. Ich hatte ja versprochen, dass ich bei meinen Adoptiveltern bleibe. Und versprochen ist auch versprochen. Ich bin dann geblieben. Ich hätte schon 10 Mal verheiratet gewesen sein können, aber das ging nicht. Ich habe gewartet, bis beide gestorben waren. Und dann habe ich Glück gehabt. Von den paar Männern, die noch aus dem Krieg zurück kamen, habe ich dann deinen Opa kennen gelernt. Wir haben uns mit der Hochzeit viel Zeit gelassen und wenn jemand gefragt hat, wann es soweit ist, dann habe ich geantwortet: Wir heiraten, wenn die Straßenlaternen blühen. Ich war über 30 und er fast 40, als wir heirateten. Und ich habe noch ein Foto, da blüht die Straßenlaterne... Die Leute hatten sie geschmückt. Ach ich denke immer: Die paar Tage, die wir noch haben, die bekommen wir auch noch rum..."

Ihre Augen sind ganz wässrig geworden.
Und ich weiß: Sie hat es sich verdient, den ganzen Tag auf dem Sofa zu sitzen und Socken zu stricken und Schokolade zu schnausen.

(Die Laternen findet ihr im Album auf meiner Seite.)

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    gefällt mir ziemlich gut :) mal ein bisschen anders, als der alltäglich Kram von Liebe, Politik, Sehnsüchten...und trotzdem irgendwie gefühlvoll ;) und die liebenswerte omi nicht zu vergessen

    22.06.2011, 16:02 von oOmiss-resiOo
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    Ich war mit meinen Großeltern im Rosarium. Da waren nur alte Leute und ich als Fräulen von 23 Jahren neben der Grundschulklasse, die genzwungen war, sicher die jüngste Freiwillige dort.
    Ich habe meinen Großeltern soviel zu verdanken...und ich liebe sie beide von ganzem Herzen. Eine Werbung traf einmal meinen Nerv. "Ist das Opa?"-Wir sollten für alte Menschen da sein, bevor sie nicht mehr da sind. der Gedanke rührt mich fast jedesmal zu Tränen. Darum sollte jeder diese Zeit, die ihm gegeben ist, nutzen.
    Vielleicht nich hundertpro der Tenor des Textes, doch ich finde, es passt trotzdem dazu.

    20.06.2011, 23:37 von regina_loves
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    Die Geschichte gefällt mir sehr. Und lässt mich an meine Oma denken, die in den 80ern verstarb.

    16.06.2011, 12:39 von Cyro
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    sweet!

    16.06.2011, 07:59 von fantastico
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    Ein sehr lieber, alter Mann hat einmal zu mir mit einem Augenzwinkern gesagt:

    * Ehret die Alten, eh sie erkalten. *

    15.06.2011, 13:29 von Jackie_Grey
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    Schön! Gefällt mir!
    Mir ist auch erst vor einiger Zeit wirklich bewusste geworden, was wir an unseren Großeltern haben und, dass man vlt ein bisschen mehr Zeit mit ihnen verbringen sollte.

    15.06.2011, 13:24 von tikiti
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    hat mich an meine Oma denken lassen...schön

    14.06.2011, 08:36 von amoureux05
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    Irgendwie süß, vorallem mit den dazugehörigen Fotos.
    Ich weiss, 'süß' ist jetzt nicht so das Wort, was man hören will, aber dennoch: süß.

    13.06.2011, 19:33 von topfbluemchen
    • 0

      @topfbluemchen "süß" ging mir auch durch den kopf. süßer schluß aus junger sicht :)

      15.06.2011, 13:23 von AnnaEcke
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