GeisterHund 30.10.2010, 18:31 Uhr 0 0

6 Jahre Halloween – eine Chronik der Seneszenz

Halloween - eines der neuen kulturübergreifenden Phänomene in Deutschland, ist für mich der Gradmesser des Alterungsprozesses meiner Eltern.

Meine Eltern sind für mich zu einem Gradmesser des Alterns geworden. Früher waren beide beruflich recht erfolgreich und ständig beschäftigt, mittlerweile sind die beiden aber im Ruhestand und sind so geworden, wie sie früher nie werden wollten.
Eines erregt ihre alternden Gemüter seit einigen Jahren besonders – Halloween. Meine Eltern sind Kriegskinder und mit den britischen und amerikanischen Soldaten bestens vertraut, wodurch sie auch schon recht früh wussten was Halloween ist. Ich wurde durch die amerikanischen Kinder in unserer Siedlung ebenfalls schon recht früh mit Halloween konfrontiert und fand die Kürbislaternen immer sehr schön, auch wenn wir Halloween, im Gegensatz zu den Amerikanern und Briten nie feierten, was ich natürlich ob der Tatsache mit den vielen Süßigkeiten, dem Verkleiden und den Kürbislaternen für sehr doof befunden hatte.
An und für sich hatten meine Eltern auch nie Probleme mit Halloween, wenn bei den amerikanischen Familien in der Gegend am 31. Oktober die Kürbislaternen auf den Fensterbrettern und vor den Türen standen. Doch seit auch immer mehr deutsche Kinder in Kostümierung am Abend des 31. Oktober an den Türen klingeln und 'Süßes oder Saures' verkünden, ist Halloween für mich zu einem Gradmesser des Alterungsprozesses geworden. Wahrscheinlich wird man mit zunehmendem Alter einfach quengelig und ekelhaft grantig.

31. Oktober 2004 – Eine Freundin meiner Mutter schmückt ihren Hauseingang mit Kürbislaternen, Wattespinnweben und Pappskeletten. Sie kauft Süßwaren, verkleidet sich ein wenig und freut sich auf die kostümierten Kinder. Sie ist eine absolute Halloweenenthusiastin, die es mit ihrer Familie richtig feiert. Meine Mutter macht sich bei uns zu Haus darüber lustig und mein Vater schüttelt lachend und verständnislos den Kopf, „Naja, wenn die meinen“. Abends klingeln kleine Gespenster und Vampire an unserer Haustür und verlangen nach Süßem und meine Eltern sind recht verdutzt und holen die letzten Süßwaren im Haus zusammen und legen diese in eine Schüssel – falls doch noch jemand mit seinen Kindern kommt.

31.Oktober 2005 – Ich habe seit fast einem Monat eine neue Freundin, eine Amerikanerin und bin bei ihr und ihrer Familie eingeladen Halloween zu feiern, allerdings sitze ich krank zu Hause. Meine Eltern hatten mich wegen der Einladung schon gefragt, ob ich mich denn auch verkleiden würde und das ganze etwas belächelt. Sie sind zwar der Meinung, dass Halloween ein Kommerzfest ist, aber der lieben Kleinen wegen geht es in Ordnung. Abends klingeln Kinder und rufen laut lachend und kichernd, „Süßes oder Saures!“. Meine Eltern waren dieses mal nicht unvorbereitet und amüsieren sich doch irgendwie über die kleinen Gespenster, Vampire, Teufel und andere Verkleidungen, loben die Kinder für die hübschen bunten Kostüme und jedes Kind bekommt eine Portion aus der Schüssel mit den Süßwaren.

31. Oktober 2006 – Alles ist wie im Vorjahr und meine Mutter überlegt sich, daß das mit all den Süßwaren doch sehr ungesund ist und überlegt im nächsten Jahr auch Obst und Nüsse zu verschenken, ganz wie bei den traditionellen Weihnachtstellern. Ein erster Zweifel schleicht sich ob des amerikanischen Firlefanzes ein und Halloween, naja, laut den Medien wüsste ja auch niemand so genau, wo das eigentlich her kommt, nur dass es in Amerika zu einem der größten Feste gehört und zu Halloween sehr viel wirtschaftlicher Gewinn gemacht wird.

31. Oktober 2007 – Meine Mutter und mein Vater meckern über Halloween und regen sich schon den ganzen Tag darüber auf. Weil die beiden das mit dem Übermaß an Süßwaren unmöglich finden, haben sie zwischen die Schokoriegel, Bonbons und Gummibärchen auch Nüsse, Mandarinen und kleine Äpfel gelegt. Die Nüsse und das Obst kommen bei den Kindern nicht so gut an und bis auf ein Mädchen, dass sich über das Obst auch freut, ziehen alle Kinder mit leicht enttäuschten Mienen wieder von dannen. Meine Eltern regen sich darüber auf, vor allem aber, dass einige Kinder nicht mal Danke sagen.

31. Oktober 2008 – Meine Eltern haben nur wenige Süßwaren geholt und beschlossen nur dann die Tür zu öffnen, wenn Bekannte mit ihren Kindern klingeln. Irgendwann reagieren sie aber doch auf die Klingel und machen auch allen anderen die Tür auf und die Süßwaren sind nach einer Weile leer. Die Idee mit den Nüssen und dem Obst wurde wieder verworfen – es ist ja doch recht teuer haufenweise Nüsse und Obst zu kaufen, vor allem da es ihnen ja nicht großartig gedankt wurde. Irgendwann sind die Süßwaren leer, es klingelt wieder, sie öffnen die Tür und beichten, dass sie nichts mehr haben und sagen den Kindern, dass sie ja schon recht spät dran sind, als zwei der Kinder rufen, „Dann gibt es eben Saures“. Die Jungs schleudern zwei Eier gegen unsere Hauswand, worauf mein Vater ihnen sofort laut brüllend hinterherrennt und sie zornig schimpfend vom Grundstück jagt.

31. Oktober 2009 – Meine Eltern verbarrikadieren sich im Halloweenbunker. Die schweren Rolläden sind unten, die Lichter im Hausflur und im ganzen Haus sind ausgeschaltet, als es dunkel wird. Sie sind schon den ganzen Tag am Schimpfen und reagieren auf kein Klingeln am Abend. Sie sind der Meinung, dass man die Eltern für die Eierwerferei zur Rechenschaft ziehen sollte und dass das nicht angehen kann. Überhaupt ist dieser ganze amerikanische Firlefanz ja das Letzte, schließlich sind wir hier mitten in Deutschland und nicht in Kentucky oder sonst irgendwo in Amerika. Sie regen sich fürchterlich darüber auf, dass alle Welt nur noch von Halloween spricht und in der Umfrage, die zur Mittagszeit im TV ausgestrahlt wurde, wusste kein Kind, dass der Reformationstag ist und was das eigentlich ist.

Morgen ist der 31. Oktober 2010 und ich bin gespannt wie der wird. Es befinden sich keinerlei Süßigkeiten im Haus und es wurde schon gegen Halloween gewettert, was das Zeug hält. Der Höhepunkt war natürlich, dass ich vor einer Woche einen Kürbis gekauft habe, aber ein großes Exemplar. Das Aushöhlen und schnitzen des Kürbis hat dann heute Nachmittag das familiäre Toleranzmaß zum Überlaufen gebracht. Sie wollen sogar schon heute Abend die Rolläden früh runterlassen und die Lichter ausmachen, so daß niemand merkt, dass jemand zu Hause ist, falls doch jemand heute Abend vorbeikommt, da Halloween dieses mal an einem Sonntag ist.

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