Das_Uschi 28.12.2010, 22:01 Uhr 1 1

4. – 11. Lebensjahr

Kindheitserinnerungen wie man sie nicht haben möchte.

ch weiß nicht, wann oder wie schnell der dritte Mann meiner Mutter Teil unseres Lebens wurde. Allerdings lebten wir noch in der Wohnung, in der sein Vorgänger das Feuer gelegt hatte.
Meine Schwester war sehr begeistert von ihm, nannte ihn schnell Papa, während ich ihn lange
nur mit seinem Namen ansprach. Ob wir in meiner Geburtsstadt mit ihm zusammen lebten, weiß ich nicht. Aber wir zogen mit ihm in eine andere Stadt. Viele Erinnerungen habe ich an diese Wohnung nicht mehr – ich teilte mir mit meiner Schwester ein Zimmer, welches direkt von der Küche abging. Andere Bilder gibt es nicht. War das gemeinsame Zimmer meine Rettung, meine Sicherheit?
Dann zogen wir in die Stadt, in der ich immer noch lebe. Vorher wurde ich von meiner Mutter gefragt, ob ich mitkommen oder bei meiner Oma leben wollen würde. Ich wollte zu meiner Oma – und wurde für diese Antwort verprügelt. Meiner Schwester wurde gesagt, dass ich böse zu Mama gewesen sei, weil ich sie nicht lieb haben würde. Bei Oma fühlte ich mich sicherer. Keine Männer, keine Schwester, die mir meine Mutter strittig machte, mehr Aufmerksamkeit bekam und meiner kleinen Kinderseele früh klar machte, nicht „richtig“ geliebt zu werden. Natürlich traf nicht ich diese Entscheidung – ich kam mit.

Meine Mutter und ihr Mann hatten im wechselnden Rhythmus Früh- und Spätschichten. Eine Woche lang war sie morgens da, hat uns geweckt und für die Schule bzw. die Tagesmutter fertig gemacht. Dann war mein Stiefvater dran.
Aber ich war mit sechs Jahren diejenige, die jeden Morgen aufstand, das Frühstück machte und ihn weckte. In diesen Erinnerungen fehlt jegliche Spur meiner Schwester – es ist, als ob sie an diesen Tagen nicht existierte. Nachdem ich den Stiefvater weckte, machte ich seinen Kaffee, sein Frühstück, um ihn noch mindestens zwei Mal aus seinem Alkoholrausch zu wecken.

In der Schule war ich schnell die Außenseiterin. War zu gut im Unterricht, langweilte mich, störte, war aggressiv. Das erste Mal wurde ich zu Beginn der dritten Klasse suspendiert – für zwei Wochen. In dieser Zeit saß meine Mutter mit mir schon etliche Male bei der Erziehungsberatungsstelle; nachdem meine Klassenlehrerin und auch immer wieder der Schuldirektor fast schon regelmäßig bei uns zu Haus anriefen, schickte man mich zum Schulpsychologen. Gespräche, Tests, Auswertungen – Ergebnis: hochbegabt.
Nach drei Monaten in Klasse 3, wurde ich in die Vierte verfrachtet. Es (ich) wurde besser. Nahm am Unterricht teil, lernte. Aber Freunde fand ich immer noch nicht. Was man mir zu Haus vermittelte, all dies schien sich in mir manifestiert zu haben. Ich hatte keinerlei Selbstvertrauen, keinen Selbstwert.
Seit meinem siebten Lebensjahr spielte ich Basketball, machte Judo. Ich versuchte mir Anerkennung durch gute schulische und sportliche Leistung zu erkämpfen. Meine Mutter hat sich das erste Mal ein Spiel von mir angeschaut, als ich 17 war.

Mit dem Wechsel von der Grundschule auf die Orientierungsstufe nahm das Drama immer mehr seinen Lauf.
Wieder langweilte ich mich, hatte Lehrer vor mir, die keinerlei Autorität ausstrahlten, ich pöbelte im Unterricht rum, ließ meinen Aggressionen freien Lauf, hatte keinen Anschluss in der Klasse. Es ging soweit, dass man mich von der Schule werfen wollte. Wieder Schulpsychologe, Tests, Gespräche, Auswertungen. Nach vier Monaten fünfter Klasse, kam ich in die Sechste. Ich wurde arrogant, lernte nicht mehr, weil mir ja eh alles zuflog – dachte ich. Meine Aggressionen wurden immer schlimmer, mein Hass auf mich und auf andere, meine Angst vor mir und vor anderen wuchs parallel dazu mit.
Doch ich fand Kontakt zu anderen – den "Coolen", die sich zwar nicht mit Worten, aber mit Fäusten ausdrücken konnten. Etwas anderes war mir doch schon längst nicht mehr möglich. Gehört, geschweige denn verstanden hätte mich keiner, wo meine Mutter doch so arm dran war mit mir. Sie, die gelernte Erzieherin mit etlichen Zusatzausbildungen, geschlagen mit der hochbegabten Tochter, die so böse war und dann noch das andere Kind, schwer krank.

Irgendwann begannen die Mutproben…rauchen, Kippen stehlen bzw. der Mutter das Geld aus der Tasche, beim Supermarkt nebenan in den Schulpausen kleine Alkoholflaschen klauen. Andere fingen mit Bier an, aber die kleine 11-jährige musste sich in mitten von
13-14-jährigen beweisen.

Wie sich mein erster Schluck Alkohol angefühlt hat? Ich fand es so ekelig, zwang mich, nichts auszuspucken, mein Gesicht nicht zu verziehen. Es fühlte sich so warm in meinem Körper an, ich bekam Mut. Und durch die vermeintliche Anerkennung meiner „Freunde“ fühlte ich so etwas wie Stolz. So ging es sehr lange - fast ein Jahr. Ein Jahr, in dem ich montags bis freitags jeden Tag 20-30 Flaschen (2cl) klaute und von denen mindestens die Hälfte selbst trank. An Nachmittagen spielte ich Basketball oder trank mit meiner Freundin Bier, welches wir von erwachsenen „Freunden“ bekamen.
Den Eltern meiner Freundin war es total egal, was ihre Tochter machte, ich war oft dort, trank mit der Mutter Hansapils aus der Dose, rauchte selbst gestopfte Zigaretten.
Mir war es schnell egal, ob ich nach Bier roch, wenn ich nach Hause kam, meine Mutter bemerkte es nicht.

Ich weiß nicht mehr, wie all das raus kam, der Auslöser war der Plan, dass ich abhauen wollte. Mit dem Fahrrad und 50 Mark, die ich morgens meiner Mutter stahl, in der Tasche. Ich wollte in ein Heim, freiwillig, nur weg von meiner so genannten Familie, in der kein Platz für mich war. Der Abschiedsbrief an meine Mutter war geschrieben und im Briefkasten. Vorher fuhr ich noch in die Schule. Aufmerksame Mitschüler bekamen es mit, erzählten es meinem Klassenlehrer. Ich habe versucht, vor meiner Mutter zu Haus zu sein, um den Brief verschwinden zu lassen – ich war zu spät und der Lehrer rief sowieso an.

Weder an den Ärger noch an Vorwürfe noch an die Tränen noch an die Wut meiner Mutter kann ich mich erinnern. Auch hier spielt in meinen Erinnerungen meine Schwester keine Rolle. Mein Stiefvater spielt hier nur eine kleine, als er meine Mutter daran hinderte, auf mich los zu gehen.
Alles kam raus – das Trinken, das Stehlen, die Prügeleien – nur nach den Gründen wurde nie gefragt. Stattdessen warf meine Mutter mir vor, dass ich mich an den Whiskey- und Rumvorräten im Wohnzimmerschrank vergriff und mit schwarzem Tee auffüllte. Doch das, das war nicht ich.
Es wird gesagt, ich wäre wochenlang zwischen Erziehungsberatungsstelle, Neurologen, Psychologen und Psychiatern hin und her geschleppt worden – ich weiß es nicht. Ich kann mich an diese Zeit nicht erinnern.


Im Frühjahr 1996 kam ich in die Kinder- und Jugenpsychiatrie, ich weinte nicht beim Abschied, spürte nur Sicherheit und Entspannung in mir.
Die Therapeutin hörte zu, verstand mich, die anderen Kinder hatten alle ihre Probleme, aber doch ein gemeinsames: wir waren alle Außenseiter.
Ich klammerte mich an eine Pflegerin, die ich auserkor, die Ersatzmama zu sein. Diese Problematik würde mich noch die nächsten vier Jahre begleiten.
Zwei Monate war ich dort, als mir die Entscheidung, dass eine Fremdplatzierung die beste Lösung sei, mitgeteilt wurde. Keine Tränen, wieder nur Erleichterung.
Nach mehreren Monaten Klinikaufenthalt kam ich ins Heim.

Was war ich? Wer war ich? Ich war ein 11-jähriges Kind, ohne Selbstwertgefühl, mit immensem Hass, ohnmächtiger Wut, tiefer Trauer, großer Sehnsucht in sich. Ich war ein Kind, dem immer wieder klar gemacht wurde, es genüge nicht, wäre nicht ausreichend, wäre böse und undankbar. Ein Kind, welches fast ein Jahr lang täglich Alkohol konsumierte, Aggressionen auslebte, drei ältere Mitschülerinnen krankenhausreif schlug, sich Zigaretten am Körper ausdrückte, mit Rasierklingen schnitt, ein Kind, das mit all seinem Tun nach Hilfe schrie und sie erst nach Jahren bekam.

Vor allem aber: ICH WAR EIN KIND! Ohne je die Möglichkeit gehabt zu haben dies sein zu dürfen. Ich war mit 11 Jahren kaputt, meine Seele in großen Teilen nicht mehr reparabel. Voller Mauern um mich herum, verstörende und grausame Bilder im Kopf – mein Selbst wurde erfolgreich getötet. All die Gefühle, die sich in mir anstauten, ließen sich nur durch größeren körperlichen Schmerz ertragen. Meine Mutter zerstörte mein Inneres, ich nahm mir die Hülle vor.

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1 Antworten

Kommentare

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    Puuh... ich klage nie wieder über meine Kindheit..

    Der Text hat mich gefesselt... und zugleich erschrocken.. auch wenn ich solche Bilder schon kannte...

    01.01.2011, 22:26 von Caespar
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