Boerje 25.01.2014, 02:21 Uhr 1 9

27 Jahre & 1 Tag

...hat es gedauert, bis Du das erste Mal vor meinen Augen geweint hast.

Zugegeben, an die Tage im Kindesalter kann ich mich nicht erinnern. Aber seit der Pubertät habe ich Dich nicht einmal weinen sehen. Nie hast Du Gefühle zugelassen, zumindest nicht vor mir. Kritik und Lob bezogen sich meist auf meine fußballerische Leistung. Bei guten Noten gab es mal einen Hauch von Stolz zu sehen. Genauso bei Dingen, die ich erfolgreich gemeistert habe. Wie die Ausbildung. Oder den Führerschein. Aber über Dich weiß ich eigentlich viel zu wenig. Und über Gefühle sprachen wir meist nicht. Da war immer diese Distanz. Damals..


Du bist ein Unikat. Selten konnte ich unter Deine harte Schale blicken. Wenn Du traurig warst, zeigtest Du mir das nicht. Einzig 1999 gab es diesen einen Moment. Ich glaubte Tränen in Deinen Augen zu sehen. Manchester United erzielte im Champions League Finale in der Nachspielzeit den 2:1-Siegtreffer. Das war das einzige Mal wo ich einen Restabend in mein Zimmer geschickt wurde. Weil ich jubelte, jung und naiv wie ich war. Hauptsache Deine Bayern haben verloren. Damals...

Ich bin mir nicht sicher ob Du es nie wolltest oder nie konntest. Aber ein "Ich liebe Dich" hörte ich nie. Ein Umarmung oder ein Kuss auf die Wange war auch nicht so Dein Ding. Bloß nicht zu viel Herzlichkeit oder mich zu nah an Dich heran lassen. Nicht dass Du noch sentimental geworden wärest. Selbst beim Pokalfinale 2012 in Berlin, als mein Verein, Borussia Dortmund Deine Bayern mit 5:2 aus dem Stadion fegte, waren Deine Emotionen unter Kontrolle. Wütend und enttäuscht warst Du auf Deine Truppe, stolz und glücklich ich auf die meine. Aber über das Spiel sprachst Du oberflächlich, wie ein Trainer halt. Damals...

Du warst lange Zeit Trainer und hast viel Zeit in Deinem Leben mit dem Fußball verbracht. Du warst auch ein sehr erfolgreicher Spieler damals. Der Fußball war Dir immer wichtig. Du ohne Fußball? Das kann ich mir nicht vorstellen. Umso trauriger ist es, wenn Du jetzt nicht mehr über Fußball sprechen magst. Hat der Fußball nicht auch einiges kaputt gemacht? Und diente Dir der Fußball nicht auch als Ausrede? Du weißt was ich meine, vor Deiner Herz-OP, als Du Mama angelogen hast. Ich weiß Du bereust es. Aber damals...

Als Du Zeit mit einer anderen Frau verbrachtest und warum auch immer wir viel zu wenig gemeinsam unternommen haben. Ein Ausflug in den Zoo, Serengeti-Park, Kino, Steinhuder Meer, Harz rodeln - ich hätte gerne mehr Zeit mit Dir verbracht. Warum hast Du so wenig Zeit mit mir verbracht? Der Gedanke an früher, was hätte wenn sein können. Das war alles damals...

Jetzt werden wir nichts mehr gemeinsam unternehmen können. Du wirst das Krankenhaus nie wieder verlassen. Du hast Lungenkrebs. Nach Deinem epileptischen Anfall, Deinem überstandenem Darmkrebs, Deinen viele zwischenzeitlichen Beschwerden wie Gicht ist es jetzt also soweit. Es gibt keine Heilung mehr. Die letzten Monate, Wochen, Tage sind abgebrochen. Heute...

Einen Tag nach meinem 27. Geburtstag habe ich Dich wie die Tage zuvor und danach besucht. Direkt nach der Arbeit. Wir zwei waren allein im Zimmer. Und Du hast geweint. Es hat mir das Herz zerrissen, Dich so emotional zu sehen. Die Tränen liefen, Du hast geschluchzt und Du hast Deine Gefühle nicht zurückgehalten. Du hast das ERSTE MAL Deinen weichen Kern offenbart und Dich nicht dagegen gewehrt. Du hast die Kontrolle über Deine Gefühle gezeigt. Du hast mir gesagt wie stolz Du auf mich bist, dass Du mich liebst. Du hast mich gebeten Dich zu umarmen und Wir haben beide geweint. Heute...

Du hast die Gewissheit dass Du sterben wirst. Es ist nur eine Frage der Zeit. Du hoffst dass es wenn schnell geht, ich auch. Du willst nicht leiden, das wünsche ich Dir auch. Und Du hast das realisiert. Du hast eine erneute Chemotherapie abgelehnt. Ich habe dafür Verständnis. Mir zerreißt es alles, Dich so zu sehen und die Gewissheit zu haben, dass Du bald nicht mehr da sein wirst. Aber ich versuche jeden Tag wenn ich Dich besuche Dich glücklich zu machen. Du sollst glücklich sein. Du sollst lachen. Du sollst nicht leiden. Und Du sollst die Gewissheit haben, dass ich Dir alles vergebe. Man kann die Zeit nicht zurückdrehen. Wenn man es könnte, hättest Du das genutzt und einiges anders gemacht. Das weiß ich. Du hast mir gesagt, was Du bereust und Du hast für mich gesorgt. Für mein Leben. Paps ich hab Dich lieb. Heute...

Und doch werde ich die Bilder der letzten Tage, Wochen, Monate, 27 Jahre nicht vergessen. Die schönen Momente werden immer in meiner Erinnerung bleiben. Wir beide beim Fußball. Beim Pokern. Im Urlaub. Im Auto. Beim Zocken. Das letzte Foto von uns zweien, als wir meiner Mannschaft zusahen, wie sie sich im Pokal blamierte. Ebenso werde ich mich an unsere Boxkämpfe erinnern, wo ich Dir als kleiner Knirps einen unerwarteten Hieb auf die Nase gab und Du in den Sessel gefallen bist, weil ich überraschend durch Deine Deckung besteht aus zwei Kisten traf. Damals...

Heute liegst Du mit einer Windel im Krankenbett, hast Schmerzen wenn Du Dich bewegst. Du isst nichts mehr und wiegst weniger als 50kg. Und Du übergibst Dich. Morgens bist Du wegen dem Krebs und dem damit verbundenen Kalziummangel verwirrt, rufst mich um 5.45 Uhr an und weißt nicht wo Du bist, wer Du bist und dass Du Angst hast. Ich komme sofort vorbei, umarme Dich, rede mit Dir und zeige Dir meine Liebe und Fürsorge. So wie Du mit Deine Gefühle zeigst. Heute...

Egal was Du in der Vergangenheit alles für Mist gebaut hast, trotz der Trennung von Mama, trotz vieler vieler Dinge, die Du falsch gemacht hast und trotz der Tatsache, dass Du Bayern-Fan bist: Ich liebe Dich! Ich bin stolz auf Dich! Ich werde Dich vermissen! Ich werde traurig sein! Ich werde zwar kein Bayern-Fan, aber ich werde immer stolz von Dir erzählen. Meinen Kindern später, die keinen Opa kennenlernen werden, so wie ich nie einen Opa hatte. Damals...

Ich werde ihnen sagen, dass mein Paps ein kleiner Mann mit großem Mundwerk war. Dass er liebenswert und romantisch sein konnte, wenn man viel Fantasie aufbrachte. Dass er ein großer Tänzer war, wenn man nicht hinschaute. Dass er seinen eigenen Humor hatte, der so herrlich trocken und sarkastisch war. Dass er laut wurde, wenn er wütend wurde. Dass er als Fußballer gegen Franz Beckenbauer spielte und fast den Durchbruch in die Bundesliga schaffte. Dass er ein harter, aber erfolgreicher Trainer war. Dass er grundsätzlich bei gelb über die Ampel fuhr. Dass er moralisch gefestigt war. Dass er ein guter Skatspieler war. Ich werde ihn noch weitere tausend Geschichten erzählen, mit denen er mir imponierte. Egal ob beim Bund, als Fußballer, Trainer oder Vater. Ich bin verdammt stolz auf Paps. Ich werde Dich stets in guter Erinnerung behalten. Später. Aber noch genießen wir die Zeit, die wir noch miteinander haben! Und wenn Du weinen möchtest, dann lass es raus. Ich liebe Dich.

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Kommentare

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    Schön, dass ihr euch noch so nahe gekommen seid. Passt vielleicht nicht 100%ig auf die Situation, aber mich berührt das Lied immer: http://www.youtube.com/watch?v=dQKuXzOiQMY

    14.02.2014, 08:47 von KleineFreiheit
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