1942
Der fast tote Mann nickt.
Herbst. Ein junger Mann radelt entlang der Schienen von Zabowo nach Brzozowo. Ein Zug voll Deportierter auf ihrer Heimreise zieht an ihm vorbei. Die Sonne scheint kräftig und Henryk pfeift vor sich hin um den Gestank der vorbeigezogenen Wagons aus seinen Gedanken zu vertreiben. Er hat seit zwei Tagen nichts gegessen und freut sich auf das Mittagessen bei seiner Zukünftigen und deren Familie.
Plötzlich hört er etwas. Der Zug ist schon nicht mehr zu sehen und sein Pfeifen stirbt plötzlich ab. Er hört ein Jammern und Jaulen. Zu erst glaubt er, es handle sich um einen Streuner, einen verendenden Hund, doch als er anhält um von seinem Rad abzusteigen, sieht er unweit der Zugschienen
jemanden
im Graben liegen.
Er rennt schnell zu dem Mann hin, der in Lumpen gekleidet ist und der nach allem stinkt: Ausscheidungen, Erbrochenem und Tod.
Das Gesicht des Mannes ist gezeichnet von Hunger und Tortur und als seine Augen ihn flehentlich anblicken, sieht er es: "Herr Lewandowski? Sind... sind Sie das?" Der fast tote Mann nickt.
Februar. Als Teresa an diesem Morgen aufwacht, ist es noch dunkel und sie weiß zunächst nicht, was sie aus dem Schlaf geholt hat.
Dann klopft es erneut. Laut und eindringlich, so dass sie zunächst glaubt ihr Vater sei bereits auf den Beinen und mache sich an seinem Werkzeugkasten zu schaffen.
Doch das stimmt nicht. Es kommt von der Tür. Dann hört Teresa Stimmen. Sie sind laut und sie sprechen weder Polnsich noch Deutsch.
Sie weiß, dass es die Russen sind.
Da Teresa schon immer die Mutigste und vorlauteste von allen acht Kindern war, rennt sie zur Tür. Nicht ohne vorher kurz an der Schlafkammer der Eltern zu klopfen. "Papa, Mama! Tür!"
Als sie mit wenigen Schritten durch die Küche und dann zur Tür geht, spürt sie die Eiseskälte durch ihre dünnen Pantoffeln. Ihr alter, dicker Mantel, den sie sich schnell übergezogen hat, hält nicht warm als sie öffnet.
Die Russen blicken auf sie herunter. Es sind vier Männer. Sie treten ein, ohne zu fragen oder auf eine Aufforderung zu warten und reden schnell und laut.
Sie hört wie ihr Vater aus seinem Zimmer gerannt kommt. Nur wenige Augenblicke später steht er in der Küche. Keine Spur von Müdigkeit, sie sieht, dass er seine Angst verbergen will. Die Mutter der Kinder taucht hinter ihm auf. Ihr folgen einige der Sprösslinge.
"Leon Zygmunt Lewandowski?"
Ihr Vater bejaht auf Russisch. "Da."
Der Russe sagt irgendetwas. Er spricht schnell. Alles was sie versteht ist, dass ihr Vater ins Arbeitslager muss. Die Russen wollen ihn mitnehmen, denn die Lewandowskis sind für die Verhältnisse im Land wohlhabend. Schon immer gewesen. Und Leon musste als junger Mann nie arbeiten. Die Arbeit für ihn fing erst an, als er heiratete. Und das was er tat, war für die Sowjets keine Arbeit. Die Sowjets sahen einen Mann, der es sich gut gehen ließ. Ein Mann mit vielen Kindern und niemand musste hungern.
Mittlerweile standen alle sieben Lewandowski-Kinder hinter Teresa, der Ältesten. Bogusia war gerade erst vier Jahre alt und klammerte sich an der Hand der Großen fest und starrte ihre große Schwester an, wie um an ihrem Gesicht ablesen zu wollen, ob sie weinen musste oder nicht.
Ihre Mutter, eine beherrschte Frau, gibt einen Seufzer von sich.
Ihr Vater wirft ihr einen bösen Blick zu, doch sie weiß, dass er sich sorgte und er wollte schon etwas sagen. Wollte diesen vier Männern in Uniform sagen, dass seine Teresa gerade einmal siebzehn Jahre alt war, und dass sie in einem Arbeitslager nichts zu suchen hatte. Doch Teresa kam ihm zuvor, als sie sprach: "Ich lasse dich nicht allein, Vater." und der Russe lachte.
Erst der große, der sie anführte, dann auch seine Hintermänner. Alle lachten sie und der, der vorhin schon gesprochen hatte, meinte: "Wir würden keiner Frau einen solchen Wunsch abschlagen!"
Leon fasst seine Frau an der Hand, flüstert ihr zu, dass er sie liebte und dass er bald zurück sei, ohne sich dessen sicher sein zu können. Und ehe irgendwer noch irgendetwas sagen konnte, brüllt ein Russe, der bis dahin noch nichts gesagt hatte: "Genug!"
Die Mutter ging hinüber zu ihren verbliebenen Kindern, als ihr Mann und ihre Älteste mitgenommen wurden. Es war Winter, doch sie wurden mitgenommen wie sie da standen, in Schlafanzügen und Mänteln. Und Pantoffeln.
Als die Tür ins Schloss fiel, fingen die verbliebenen ältesten der Familie an zu weinen, denn sie wussten was gerade passiert war. Bogusia starrte die Tür an, durch die Teresa gerade verschwunden war und die Ehefrau und Mutter hatte schon ihren Entschluss gefasst, als auch sie in das Weinen einstimmte: Sie würde Leon und Teresa zurückholen. Auf keinen Fall würde sie sie an die Russen abgeben.
Es dauerte jedoch noch viele Monate. Die kahlen Bäume bekamen Blätter und sie verloren sie wieder. Doch sie gab nicht auf. Und nachdem den entsprechenden Leuten entsprechende Summen gezahlt wurden, wurde vermittelt. Die Namen der Lewandowskis wurden im Arbeitslager ausgerufen.
Leon bewegte sich mit letzter Kraft. Und wurde entlassen wie er da stand: kraftlos und allein.Teresa meldete sich nicht.
Geschunden von Krankheit und Misshandlung gab ihr Körper den Geist auf. Und sie starb.
Es war der 24. Oktober.
Ihr achzehnter Geburtstag.





Kommentare
Viel besser als der Text, der auf der Startseite war. Ich hab ihn allerdings nur zufällig über eine der Empfehlungen gefunden...
26.09.2012, 00:25 von EliasRafaelzum glück bist du gut im stalken. ;)
26.09.2012, 01:10 von nnoaaWarte mal ab, ob dir das wirklich Glück bringt!
26.09.2012, 18:57 von EliasRafaelich hab zum glück nichts zu verheimlichen. und wenn, leg ich mir einfach nen zweit-account zu. chrr
26.09.2012, 20:02 von nnoaa