Luu-Man 09.08.2012, 18:00 Uhr 2 4

Zwischen Weiß und Gelb

Es begab sich zu einer Zeit die Riesen brauchte und mich gebar.


Weiß. Ich blicke auf weiße Keramik. Ich spiegel mich leicht in dem Surren der Neonröhre.  Mein Hals trocknet aus. Ich löse meinen Griff, schüttel ihn etwas und lasse los. Ich nehme meine Hand in die Andere und lasse sie knacken. Ich schwinge mit meinem Handgelenk Kreise und bei jeder Umdrehung knackt es erneut. Ich nage mir die überstehenden Hautfetzen vom Finger. Ich hole tief Luft, ziehe die Strenge und die Frische ein und fahre mit meinen Fingern über meinen Kopf.

Wenn ich durch mein strohiges Haare fahre, bleibe ich oft mit den Fingerspitzen an der weichen Stelle im oberen Bereich des Hinterkopfes stehen und halte still. Dort ragt seit 18 Jahren eine Beule hervor. Sie ist hart, wenn ich drauf drücke, tut sie nicht weh, aber nach einer Weile spüre ich sie pulsieren.

Es begab sich zu einer Zeit die Riesen brauchte und mich gebar.

 

 Ich war 5 Jahre alt, als ich meinen Penis entdeckte. Er war damals in etwa so groß wie ein Tic Tac, aber beim Pinkeln konnte ich trotzdem meinen Blaseninhalt weit über meine eigene Körpergröße hinaus schießen. Ich stand oft wie ein Rasensprenger im Badezimmer, traf alles, außer der Toilette. Es war ein unglaubliches Gefühl von Freiheit und Macht. Ich konnte mit meinem Urin die Klopapierrollen durchtränken. Fliegen von der Wand holen, kleine hellgelbe Pfützen auf dem Boden machen. Papas Zeitungen lösten sich auf und schwammen wie kleine Kontinente in der hellgelben Ur-Suppe, wenn ich nur lang genug draufhielt. Ich kreierte meinen eigenen Mount Splashmore, mit Wildwasserbahnen, Tiefseebecken und 90 Grad Rutschen. Zum Zähneputzen brauchte ich einen Hocker um übers Waschbecken zu ragen, aber mein kleiner gelber Strahl landete im hohen Bogen hinein. An richtig guten Tagen und mit Rückenwind, aus dem geöffneten Badezimmerfenster, traf ich sogar die über dem Waschbecken hängende Ablagefläche.  Nur wenige Zentimeter mehr und ich hätte auch den Spiegelschrank getroffen. Ich konnte mit der Präzision eines Herzchirurgen Kreise an die Wände strullen oder einem Napalm-Angriff gleich die gesamten 10m² unseres Badezimmers bedecken. 

Mein Pipi roch nicht schlimm. Ich war noch klein und genoss eine vorbildliche Ernährung. Wenn genug Zeit verstrichen war, und mein Vater, blind von der langen Arbeit, sich unter die Dusche stellte, gingen meine kleinen Natursektpfützen in seinen Duschüberschwemmungen unter. Das perfekte Verbrechen. Oder Mama sah stolz auf mein Werk herab, das ihr sagte, ihr Sohn habe sich vom Töpfchen emanzipiert und machte hinter mir sauber.

Ich trieb mein kleines Blasenfeuerwerk noch einige Wochen, bis ich eines Abends bei meinen Großeltern übernachten durfte. Ein neues Terrain. So sauber. So rein. So unschuldig. So unmarkiert. In diesem Badezimmer musste sich etwas verändern. Ich stieg auf die Klobrille und breitete die Arme aus. Ich ließ mein Blick die Badewanne runter, den Badezimmerteppich entlang und das Badezimmerschränkchen hoch wandern und blieb bei den Häkelmützen für die Toilettenrollen hängen. Ein ideales Ziel um meine Präzision weiter zu schulen. Ich streifte meine Hosenträger ab, ließ meine Hose auf den Boden fallen und griff ihn wie einen Joystick.

Was dann passierte änderte mein Leben maßgeblich. In der Sekunde, wo der erste kleine Tropfen den Boden berührte, sprang die Badezimmertür auf. Ich starrte erschrocken in die lodernden Augen meiner Oma, die mit schnellen Schritten auf mich zu gestampft kam, sodass ihre Kochschürze im Gehwind wehte. Sie holte mit der rechten Hand aus und schlug mit ihren Kochlöffel auf meinen Hinterkopf. Ich wurde vom Thron gestoßen, ich fiel die Toilette runter.

Sie zog mich an meinem Ohr hoch. Meine Haare wehten im Wind ihres wütenden Schnaubens. Den Rest meines schlaffen Körpers benutzte sie als Wischmopp für den Badezimmerboden. Sie schwang meinen androgynen Knabenleib hin und her. Drückte mich in jede Ecke des Badezimmers. Für die Trockenpolitur drehte sie mich mit einer Handgelenkbewegung auf den Bauch, ergriff meine zappelnden Beine und schrubbte mich wie einen Curlingbesen über den kalten Boden. Noch heute spiegelt man sich in den Fließen von Omas Badezimmer. Als sie fertig war sperrte sie mich in den Putzschrank und holte mich erst, kurz bevor mich meine Eltern abholen kamen, wieder raus.

Seit diesem Tag habe ich die Macht des im stehen Pinkelns verloren. Seit diesem Tag kann ich nur noch in sicher abgeschlossenen Räumen Wasser lassen.

 

Ich nehme die Hand von meinem Kopf und drehe mich um. Mein Hals ist eine Salzwüste. Meine Stehnachbarn wechseln im Minutentakt die Pissoirs während ich immer noch mit einer Hand meinen  Penis, der übrigens mittlerweile die Größe eines riesen Tic Tacs hat, umfasse. Der vor Kraft und Potenz aufschäumende Strahl meiner Klokameraden, der wie selbstverständlich nach wenigen Sekunden aus ihren freigelassenen Fleischmonstern herausgeschossen wird, lässt meinen Magen verkrampfen. Ich blicke ihnen seufzend nach. Ich war auch mal wie ihr, aber, und ich blicke auf mein bibberndes Fleisch-Tic-Tac,  meiner läuft nicht mehr. Oma hat ihn kaputt gemacht.

NEIN!  Ich war einst der Pinkelkönig, ich darf nicht aufgeben! Ich versuche mich in Pinkellaune zu bringen, die alte Euphorie muss wieder auferstehen. Ich denke an einen Tsunami, ausgelöst durch einen unterseeischen Vulkanausbruch, der sich dann mit 800kmh unsichtbar über den Ocean bewegt, bis er auf ein Festland knallt. An einen Cola-Light-Tanker der mit einem Mentos-Transporter kollidiert. An Admiral Ackbar „Es ist eine Falle“. An die Unterwasserlevel von Super Mario 64. An Ocean Girl mit der Unterwasserstation, die nur von Kindern geführt wurde. An Aquaman und seine lächerlich- unnötige Fähigkeit mit Fischen kommunizieren zu können.

Ich starre nach unten und sehe nur die elfenbeinweißschimmernde Keramik, die so aussieht als würde sie nicht kontinuierlich bepinkelt sondern kontinuierlich poliert werden. Mich überfällt gerade die Paranoia, dass mein regungslos, wimmerndes Stehen vor dem Pissoir einen schlechten Eindruck auf meine vor Urin strotzenden Toilettenkameraden haben könne, als ich eine dumpfe Spülung höre. Die Tür zur Sitztoilette öffnet sich. Ich drehe mich blitzschnell um, ramme auf meinen Weg mit meiner linken Schulter einen alten Herren zur Seite, mache die Tür zu und schließe ab. Ahhhhh. Gelb.

 


Tags: Kindheit Menschen Oma Paruresis Pinkelhemmung Toilette
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2 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Die Unterwasserlevel von Super Mario Bros 1 (NES) waren auch schon schlimm.

    09.08.2012, 18:19 von MisterGambit
    • 0

      Unterwasserlevel sind immer schlimm

      10.08.2012, 00:29 von Luu-Man
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