FinsterLicht 31.03.2019, 00:55 Uhr 1 0

Zwickmühle

Ich habe diesen Job. Zumindest bin ich gerade noch dabei ihn zu erlernen. Und ich habe diese Krankheit. Aber ich bin dabei diese loszuwerden.



Oftmals komme ich zu Menschen in die Wohnung, oder aufs Krankenzimmer, um diese zu behandeln. 
Menschen, egal ob große, kleine, dicke, dünne, alte, oder auch Kinder. 
Sie alle haben ihre eigenen Geschichten, ihre eigenen Leben und ihren eigenen Willen. 
Viele erzählen mir von Ihrer Krankheitsgeschichte, ihren Sorgen und ihren Ängsten.
Und manchmal komme ich an eine Tür und der Mensch, der sonst immer hinter dieser Tür war ist weg. 
Tot.
Dann finde ich häufig aufgelöste, fassungslos traurige Menschen in diesen Räumen hinter den Türen. 
Menschen, die mir erzählen, was für ein toller Mensch nun nicht mehr hier liegt. 
Ab und zu sind diese Leute auch traurig, erzählen mir aber, was für ein schrecklicher Mensch nun nicht mehr hier liegt. 

Und dann stehe ich dort, oder sitze auf einem Stuhl und höre den Menschen zu.
Viele wollen gar nicht, dass ich ihnen antworte, manche verlangen sogar danach. 
Und auch, wenn ich diese Situation schon deutlich öfter erleben musste, als mir lieb ist, geht es mir jedes Mal aufs Neue sehr nah. 

Was mich aber deutlich mehr berührt, sind die Gespräche mit den sterbenden Menschen. 
Sie erzählen von Dingen, die sie gern tun oder wieder können wollen, von zu Hause und was dort passiert ist. 
Und das alles ist wichtiger, als ihre Krankheit selbst - an guten Tagen. 

Aber es gibt auch die schlimmen, an denen mir einige immer wieder sagen, dass sie endlich von Gott geholt werden wollen, oder, dass sie einfach nicht mehr Leben wollen. 
Besonders die Älteren sagen dann oft, dass sie ihr Leben gelebt haben und meistens nicke ich dann innerlich.

Nicht weil ich mir anmaße zu sagen irgendjemand hat genug gelebt, sondern eher weil ich ihre Aussage nachvollziehen kann. 
Auch ich bin häufig in der Situation festzustellen, dass mich eigentlich nichts mehr wirklich in dieser Welt reizt. Ich habe mein Leben gelebt. 
Doch wäre es ethisch und moralisch und überhaupt menschlich falsch, den Menschen zuzustimmen und sie zu ermutigen zu sterben. 
Und so ringe ich, der eine ähnliche Auffassung vertritt und selbst auf seine Art und Weise des Lebens müde ist, um Worte, die den Menschen ihren Lebensmut wieder vor Augen führen können.
Meine Zwickmühle. 

Dennoch überrascht mich immer wieder, wie leicht es mir fällt, diese Worte auszuwählen und was diese teilweise für eine Wirkung auf die Menschen haben und wie sehr ich meinen eigenen Worten nicht glauben kann, weil ich sie selbst für Unsinn halte.

Leben ist nichts anderes als das fortwährende Sterben - als der stetige Zerfall des Seins.

Häufig ist diese Szene am nächsten Tag offenbar schon wieder auf den Köpfen der Menschen vor mir verschwunden. 
Sie lächeln und scherzen und arbeiten hart, um Ihre Ziele und sei es nur ein letztes mal den heimischen Garten zu besuchen, zu erreichen.
Oder die Enkelkinder, die noch einmal mit Oma oder Opa Weihnachten feiern sollen. 
Im Hintergrund die fiese Grimasse der totbringenden Erkrankung. 

Wie auch immer sich die Situation gestaltet, die hinter der Tür, die ich nach der Behandlung wieder schließe, abgespielt hat, häufig gehe ich danach raus aus der Klinik, dem Heim oder dem Haus. Stelle mich allein irgendwohin und atme erstmal tief durch. 
Dann schließe ich dazu häufig meine Augen und nehme den Geruch wahr, die Geräusche um mich herum und spüre nach, wie sich mein Körper anfühlt. 

Und dann weine ich und entschuldige mich imaginär dafür, dass ich das Geschenk des fortwährenden Zerfalls, welcher bei mir bis jetzt komplikationslos und langsam abläuft, nicht derartig zu schätzen weiß, wie die Menschen denen ich tagtäglich versuche zu helfen. 
Aber genau diese Momente sind es, die mich stetig daran erinnern, was es heißt ein Mensch zu sein.

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