TheNicest 04.06.2011, 12:55 Uhr 13 18

Wir waren Kinder

Ich dachte, wir würden für immer Freunde bleiben. Haben geweint, gelacht, gestritten, sind am Ende erschöpft in einem Bett eingeschlafen.

Ich dachte, wir würden für immer Freunde bleiben. Haben geweint, gelacht, gestritten, sind am Ende erschöpft in einem Bett eingeschlafen. Nicht nur ein Mal haben wir in eurem Garten unter Rhododendrensträuchern geheiratet. Du hast auf mich aufgepasst, als ein Junge gesagt hat, dass wir ja verliebt seien, hast du ihm eins auf´s Maul gegeben. Du hast mir gezeigt wie man auf Bäume klettert und Kirschkerne möglichst weit spuckt, ich dir wie man Armbänder knüpft. Wir haben uns gegenseitig Freundschaftsarmbänder gemacht und uns geschworen sie nie nie nie abzulegen, Indianerehrenwort!
Wir sind älter geworden. Irgendwann haben die Armbänder einfach nicht mehr gepasst, wurden abgelegt, in einer Ecke verstaut und einfach vergessen. Du hattest angefangen dich für andere Mädchen zu interessieren, Mädchen mit kurzen Röcken, getuschten Wimpern und komischem rosa Zeug auf den Lippen. Ich hingegen trug weiterhin Latzhosen mit bunten Flicken. Auf einmal hattest du keine Zeit mehr zum Spielen, und bald sahen wir uns gar nicht mehr.
Wir gingen auf unterschiedliche Schulen, und wenn wir uns dann doch zufällig begegneten, nickten wir uns nur beiläufig zu, so wie man Fremden zunickt, die einen auf der Straße ansehen. Ohne jegliche Bedeutung. Wir hatten einander verloren.
Wir wohnten noch immer in der selben Straße. 93 Meter waren es von deinem Haus zu meinem, wir hatten es einmal gemeinsam ausgemessen. Doch der Weg schien zu weit und zu unbequem als das wir es gewagt hätten mal wieder bei dem Anderen zu Klingeln. Die Klingeln blieben stumm und in der Stille begannen wir uns zu vergessen.
Doch dann sahen wir uns doch wieder. Auf der Party eines Bekannten, auf der wir niemanden kannten außer uns. Wir kamen ins Gespräch, lachten über alte Zeiten und da ist sie wieder, die alte Vertrautheit. Ganz schüchtern fragtest du mich, ob ich nicht vielleicht Lust hätte dich mal wieder zu besuchen. Ich brauchte nicht lang zu überlegen, und schon am nächsten Tag stand ich vor deiner Haustür.
Als du mir öffnetest, breitete sich ein wundervolles Lächeln auf deinem sommersprossenüberzogenem Gesicht aus. Ich merkte wie sehr du mir gefehlt hattest. Alles war wieder wie früher. Wir saßen in unserem beinahe morschen Baumhaus, aßen Traube-Nuss-Schokolade, tranken Kakao und schauten uns alte Photographien an. Stolz grinsend neben einem Schneemann, beim Drachensteigen lassen, der erste gemeinsame Nordseeurlaub, auf der alten Schaukel, im Planschbecken, beim Plätzchenbacken,... Hunderte Fotos und tausende Erinnerungen. „Weißt du noch als...?“, wurde unser Lieblingssatz. Wir unterbrachen uns ständig, denn wir wollten den anderen unbedingt an unserem Leben teilhaben lassen. Zu lange waren wir von einander getrennt, zu lange allein, einfach nicht komplett.
Endlich sahen wir uns wieder regelmäßig. Beinahe jeden Tag. Und wenn wir uns nicht sahen, dann schrieben wir uns. Kleine Nachrichten, die den anderen zum Lachen brachten, die ins Herz gingen. Ich liebte dich wie einen großen Bruder. Bei dir konnte ich so sein, wie ich bin. Manchmal laut und kindisch und dann urplötzlich ganz still. Wie oft hast du mich in den Arm genommen als ich Liebeskummer hatte? Ich sei doch deine Einzige, sagtest du und lachtest. Ich stimmte mit ein.
Wir waren Kinder. Wir tobten und lachten so oft mit hochrotem Kopf bis wir beide keine Luft mehr bekammen. Das Glück war greifbar. Man hielt uns für ein Pärchen, denn es gab uns nur noch im Doppelpack. Freunde fragten grundsätzlich: „Habt IHR Zeit?“ Wir waren nicht mehr allein, es war wie früher in unseren Kindertagen. Wir schliefen wieder in einem Bett. Aneinandergekuschelt, ich in deinem Arm. Ich fühlte mich so wohl bei dir. Du erzähltest mir Geschichten, bis ich einschlief.
Ich werde davon wach, dass du mir liebevoll über das Haar und Gesicht streichst. Ich murmle ein „Gudden Moorgehn“, und du springst wie ertappt auf und stammelst etwas von Frühstückmachenmüssen. Dann hast du dich wieder gefasst und machst dich prompt über mein Schnarchen lustig. Ich denke mir nichts weiter dabei und werfe ein Kissen nach dir, verfehle dich jedoch knapp. Du lachst und ärgerst mich damit, dass Werfen ja noch nie meine Stärke war. Eine gemeine Anspielung auf meine grottigen Leistungen bei den Bundesjugendspielen. Das schreit nach Rache und endet in einer gewaltigen Kissenschlacht. Dein Zimmer sieht aus wie eine Schneelandschaft. Ich bin ungeduscht und ganz zerzaust, und trotzdem sagst du mir, wie wunderschön du mich findest. Das hast du mir noch nie gesagt, bin ich doch immer nur deine kleine Kröte, und es beunruhigt mich. Ich gucke dich entgeistert an, aber du scheinst nicht zu verstehen, scheinst nicht zu merken, dass ich nicht will, bemerkst nicht, dass ich dich am liebsten aufhalten würde. Ich möchte das, was du mir gleich sagen wirst nicht wahr haben. Am liebsten würde ich mir die Ohren zu halten. Nein, nein, das ist alles nicht wahr! Mein Herz klopft bis zum Hals.
Doch es ist zu spät. Du lässt dich neben mich aufs Bett fallen, streichst mein Haar fort und flüsterst mir etwas ins Ohr. Drei verdammte Worte sind es.

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13 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Gefällt mir gut.

    Und an der Stelle, als Du bei ihm wieder an der Tür klingelst, empfinde ich eine Sehnsucht. Nach einer alten, besten Freundin. Und dann frage ich mich, obs bei uns auch 'so einfach' sein könnte.. Einfach mal wieder klingeln und Halloo sagen. Nun..

     

    Ein Herz für Dich und den Text.

    07.05.2014, 15:06 von GnutellaO_o
    • 0

      Vielen lieben Dank!
      Ich glaube manchmal kann es wirklich leicht sein. Bei dieser Geschichte war es nun doch nicht mehr einfach, aber das ist eine andere Geschichte.

      07.05.2014, 17:28 von TheNicest
    • 0

      Nach diesen 3 Worten ist es oft nicht mehr einfach, leider. Mach doch aus der anderen Geschichte einfach noch eine Geschichte? :)

      Ich wär Pro!

      07.05.2014, 17:35 von GnutellaO_o
    • 0

      Das ist aber lieb von dir :) Aber das wäre keine schöne Geschichte und davon haben wir hier sowieso schon genug.

      07.05.2014, 17:37 von TheNicest
    • 0

      Na, okay. Da hast Du Recht!

      07.05.2014, 17:42 von GnutellaO_o
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  • 1

    Ja ja ja...toll :) endlich mal kein trauriger das-Leben-ist-so-scheiße-Text im Selbstbemitleidungsmodus. Gut gemacht. Wenn auch etwas holprig an manchen Stellen. 

    19.04.2014, 12:32 von EllenGret
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  • 1

    Vielen Dank für deinen Kommentar, es freut mich, dass dir mein Text gefällt :)

    20.11.2013, 17:00 von TheNicest
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  • 0

    Das ist einfach mal eine schöne Geschichte, mag sie auch für kritische Leser sehr naiv sein. Vom Schreibstil her sehr leicht und flüssig, man kann sich hineinversetzen und miterleben, ohne dass endlose innere Gefühlsverwirrungen den Lesenden ersticken. Es gibt Tiefe, es gibt Höhe und - schön - einfach mal ein niedliches Happy End. Ist auch mal schön.




    20.11.2013, 02:33 von SirMCPedta
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    das mag ich. Es ist schön erzählt und lässt sich einfach flüssig lesen :)

    06.03.2012, 15:55 von independentdreamer
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  • 0

    Hach, wunderprima geschrieben. Ich mag deinen Schreibstil, mein Liebe (:

    Wahre Begebenheit oder gute Fantasie?

    Magst du noch sowas schreiben? (:
    Bis bald mal

    01.07.2011, 23:58 von VonGruenwald
    • 0

      @VonGruenwald Dankeschön :) Das ist lieb von dir.
      Ist ne Mischung aus 2 Geschichten, die wirklich passiert sind..

      03.07.2011, 12:13 von TheNicest
    • 1

      @TheNicest Magst du mir die mal erzählen? (;

      14.07.2011, 18:05 von VonGruenwald
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  • 0

    Sehr schön erzählt.

    05.06.2011, 18:39 von Songline
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  • 0

    wie wunderschön... wenn das Leben nur immer so planen würde :)

    04.06.2011, 17:55 von missbutterfly400
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