chilenita 30.11.-0001, 00:00 Uhr 45 46

Wie ist es ist, jemanden zu verlieren

(...) Zeit heilt nicht alle Wunden. Die Zeit näht sie nur dilletantisch mit schlecht sitzenden Fäden zu, die sich ständig lösen (...).

Einen Menschen zu verlieren ist nicht leicht. Besonders dann nicht, wenn man das zum ersten Mal erlebt. Und ganz besonders dann nicht, wenn man nicht darauf vorbereitet ist. Wenn es einfach so passiert. Wenn dieser Mensch dein Leben innerhalb von wenigen Wochen um 180 Grad dreht und dich dann zurück lässt. Allein. Mit deinem ganzen, geballten Schmerz.

Anfangs weiß man einfach nicht wohin mit sich.
Plötzlich verstreichen die Tage ohne nennenswerte Ereignisse, weil keins davon so von Bedeutung sein kann wie der eigene Schmerz.  Der Verstand plätschert nur noch vor sich hin, abgelöst von den Momenten, in denen es einen überkommt und der Schmerz sich seinen Weg durch deinen Körper bahnt und in den Tränendrüsen sein Ziel findet. In denen man sich die metaphorische Seele aus dem Leib weint. Weil es weh tut. Weil es unfair ist. Weil man es nicht begreifen will. Nicht begreifen kann. Und man sich fragt, wann wohl endlich der Moment der Einsicht kommt. Der Moment, in dem man realisiert, dass der Mensch nicht einfach nur in den Urlaub gefahren ist oder man ihn lange nicht mehr besucht hat. Der Moment, in dem man begreift, dass dieser eine Mensch niemals mehr physisch präsent sein wird.

Und wenn man sich langsam wieder ein wenig orientiert hat, klammert man sich an die Erinnerungen, die einem geblieben sind. Geht sie alle einzeln durch. Schmunzelt vielleicht bei dem einen Gedanken an bestimmte Situationen. Weint vielleicht, wenn man an eine andere besondere Begebenheit denkt. Gleichzeitig ist da aber auch die Angst, sich irgendwann nicht mehr erinnern zu können. Angst, dass die Erinnerung verblasst. Angst, dass dein Gehirn die Entfernen-Taste drückt.
Und man fragt sich, ob der Schmerz nicht jetzt vielleicht endlich weniger werden kann. Ob dieses beengende Gefühl in der Brust, das einem den Kloß in den Hals drückt und alles abschnürt, endlich nachgibt.

Irgendwann versucht man sich mit der Tatsache abzufinden und so weiter zu machen wie bisher. Das muss ja schließlich gehen. Man kann ja nicht ewig trauern. Denkste.
Denn gerade wenn der gröbste Schmerz überwunden ist, dann klopft still und heimlich die Vermissung an deine Tür. Du öffnest, nichtsahnend dass sie dahinter lauert. Und dann überfällt sie dich. Und hält dich gefangen. Manchmal verschwindet sie auch, aber du kannst dir sicher sein, sie kehrt zurück und hält dich dann wieder fest im Griff.

Ich weiß nicht, ob es überhaupt ein schlimmeres Gefühl gibt, als jemanden wahrhaftig und aufrichtig zu vermissen. Ob es etwas schlimmeres gibt, als eine Person einfach nur bei sich haben zu wollen und gleichzeitig zu wissen, dass dies nie wieder möglich sein wird. Nie.
Manchmal ist es schwerer, manchmal leichter. Aber eins ist es immer: beschissen.

Zeit heilt nicht alle Wunden. Die Zeit näht sie nur dilletantisch mit schlecht sitzenden Fäden zu, die sich ständig lösen und die Wunde neu aufreißen lassen.
Manchmal näht die Zeit die Wunde fester zu als anderen Tagen, Aber eins ist sicher: komplett abheilen wird sie nie, egal wie professionell die Fäden irgendwann genähnt werden.
Es bleibt immer eine Narbe zurück.


Tags: Tod, Vermissen, Schmerz, Verlust
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45 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Auch zehn Jahre sind nicht genügend Zeit, die Nähte zu professionalisieren ;)

    17.12.2015, 15:26 von NieSi
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    Sehr wahr. Vielen Dank.

    20.11.2015, 23:16 von Sturmkind
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    Sehr berührend geschrieben!

    11.10.2015, 15:16 von stefanie.naumann
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  • 0

    herrlich. der erste satz (kursiv und in klammern) haut den leser schon fast um bzw. in deinen bann.

    08.10.2015, 17:24 von Xspellbound
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Sorry, der 1. Kommentar von mir war nicht so gewollt!!! Ich bin neu hier und habe es gleich erstmal verbockt...

    Also, was ich sagen wollte: Dein Text ist mir sehr unter die Haut gegangen. Wie mein Vorredner konnte ich den Schmerz darin förmlich spüren, diese Sehnsucht nach Hoffnung... Danke fürs Teilen!

    22.09.2015, 18:46 von lalilaterne
    • 0

      kurz gesagt: "zttzt"


      Is doch klar!

      21.11.2015, 11:30 von Sir_Tobi
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  • 0

    zttzt

    22.09.2015, 18:45 von lalilaterne
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    Man kann den Schmerz förmlich spüren und zwischen den Zeilen mit den Händen greifen! Eben ein ergreifender Text!


    Generell ist der Verlust eines Menschen immer ein äußerst schmerzhafter Lebenseinschnitt, den man meist weder sich, noch einem anderen Menschen wünscht!

    14.09.2015, 17:02 von Arne1975
    • 1

      Gibt es Ausnahmen?

      14.09.2015, 18:34 von Feodor
    • 0

      Mit Sicherheit, auch wenn mir spontan kein Beispiel hierzu einfällt!


      Aber gibt es in unserem Leben einen Bereich, der von Ausnahmen verschont bleibt? -> "Sag niemals nie!"

      14.09.2015, 19:35 von Arne1975
    • 0

      Waschmaschinen fressen Socken. Ausnahmslos! Meinetwegen die einen mehr als die anderen, aber fressen tun sie sie alle.


      14.09.2015, 19:40 von Feodor
    • 1

      Du hast als Waschmaschine nicht zufällig das Modell "Schnappi" :-D ?

      15.09.2015, 08:40 von Arne1975
    • 1

      Warte, ich geh ma eben in den Keller. Falls ich in fünf Min. noch nicht wieder da bin, klapp einfach den Rechner zu. : )

      15.09.2015, 10:14 von Feodor
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  • 0

    So so gut nachvollziehbar. Danke!

    13.09.2015, 09:48 von xmadame
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  • 0

    Find' ich sehr gut. Klar, aber nicht abgeklärt.

    12.09.2015, 14:45 von Boahmaschine
    • 2

      "In denen man sich die metaphorische Seele aus dem Leib weint." Es ist die Seele. Davon gibt es keine Metapher.

      12.09.2015, 14:47 von Boahmaschine
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