Wie ich die Musik verlor
Vermutlich gibt es mehr Vorteile am Erwachsen sein als Nachteile. Rede ich mir gerne mal ein. Um mich zu beruhigen.
Zum Beispiel wenn ich an einer Autobahnraststätte einen Pulk von Schülern auf Klassenfahrt und ihre spannungsgeladenen Gesichter sehe. Oder am Sonnabendabend hinter mir in der Schlange zur Supermarktkasse zwei Mädchen kichern: zwei Flaschen Sekt in der Hand, partyfein und in der Erwartung eines großen Abends ohne vorher zu wissen, wie er ausgeht. Und ich ein bisschen neidisch werde. Nicht auf die Reise, nicht auf den Sekt, nicht auf die Party. Alles habe ich noch. Aber nicht mehr das gleiche Lebensgefühl dabei.
Es gibt keinen Weg mehr zurück. Und es soll auch keinen Weg mehr zurück geben. Denn sonst müsste ich auf andere Dinge verzichten, die sich jetzt gut anfühlen, aber sich damals nicht gut angefühlt hätten. Und man kann die Umstände ändern, aber das Gefühl nicht. Ich kann nie wieder mit einer Sektflasche an der Hand in der Supermarktkasse so stehen, wie früher. Erfahrung dreht man nicht zurück.
Aber könnte ich nicht eine kleine Ausnahme beantragen? Vom Erwachsen sein? Eine klitzekleine nur? Die ich mir aussuchen darf?
Dann nehme ich Musik.
Nein, ich hab nicht aufgehört Musik zu hören. Meine Sammlung ist stattdessen gewachsen. Musik beschwingt mich noch. Ich tanze mehr als früher. Ich bin jetzt umgeben von Möglichkeiten, Musik überall in einer Qualität zu hören, die es mir sogar unmöglich macht, nachzuvollziehen, dass mir mal ein batteriebetriebener, leiernder Monokassettenrekorder direkt ins Gehirn ging.
Denn das ist vorbei. Verbindung gekappt. Sie ist einfach weg. Und ich kann nicht mal mehr sagen, wie es passiert ist. Kam es plötzlich? Schleichend? Ich war doch mal der festen Überzeugung, dass das ganze Leben viel einfacher sei, wenn es von einem ständigen Soundtrack meiner Lieblingsmusik untermalt wäre. Eine Autofahrt ohne Musik? Zusammen im Bett ohne „richtige“ Kassette? Eine Party mit der „falschen“ Musik? Das war undenkbar. Musik hatte etwas von einer Droge, die einen beruhigenden Fluss in meinem Kopf bescherte. Schaltete man sie ab, brach der Fluss der Harmonie ebenso plötzlich ab. Musik musste laut sein. Um so lauter, um so besser. Manche Musik wurde gerade erst durch ihre Lautstärke gut.
Und heute erwische ich mich dabei, wie ich Musik fast überall als zu laut empfinde und versuche, sie leiser zu drehen. (Habe ich das gerade geschrieben? Oh Gott!) Wie eine im Hintergrund quasselnde Menge, der ich sagen wollte, dass sie leise sein soll, damit ich mich besser konzentrieren kann.
„Das Beste der 80er, 90er….“ lässt mich wahnsinnig werden. Es schmerzt mich körperlich. Und es wäre vermutlich eine gute Foltermethode, um Geständnisse von mir zu erpressen. Das 7,5 Sekunden Zwischen-Plimplim auf Deutschlandfunk beruhigt mich dagegen. Wenn nicht unmittelbar danach die Stimme von Herrn Westerwelle zu hören ist.
Ich habe versucht, gegen diesen Verlust von Sinn für Musik anzugehen. Aber selbst meine alten Platten schaffen es nicht mehr. Bei „Sunday, bloody Sunday" denke ich jetzt an den idiotischen Krieg der IRA, daran wie peinlich Bono inzwischen ist und nur noch ein kleines bisschen an Sonja (oder wars Bettina?) und wie wir beide 15 waren. Die drogengleiche Euphorie, die Musik einmal für mich hatte, kommt nicht mehr zurück. Sie bestimmt mein Lebensgefühl nicht mehr.
Ich kann nicht mehr Bäume ausreißen, wenn ich „Heroes“ höre, in „Should I stay or should I go now?“ passt nicht mehr mein halbes Leben hinein und auch kein sich-in-allem-verstanden-fühlen. Allein deshalb schon nicht, weil ich inzwischen den Text des Liedes verstehe. So wie bei „Somebody“, das (an den Lyrics gemessen), auch von den Wildecker Herzbuben stammen könnte. Vielleicht würde ich „Wish you where here“ wieder mögen, wenn ich einen Weg fände, die Erinnerung an gefühlte 14 Versuche von unterschiedlichen Gitarrenanfängern das Lied nachzuspielen, in meinem Kopf wieder zu löschen. Aber das geht wohl nicht.
Ein kleiner Trost bleibt: Melancholisches geht immernoch. Aber es ist nicht mehr so schlimm. Es hat nichts mehr mit wahrer Traurigkeit zu tun oder mit tiefer, unerklärter Sehnsucht. Es löst keinen Weltschmerz mehr aus. Nein, jetzt bewirkt es nur noch eins:
Ein gutes Gefühl.




Kommentare
ich bin wirklich sehr glücklich darüber, dass ich das überhaupt nicht nachvollziehen kann. auch wenn viele neue platten dazugekommen sind, kann ich mich immer noch mit der musik "von früher" identifiziern und bekomme das gefühl von damals. zwischenzeitlich auch mal eine phase schlechte musik. (techno) aber auch während dessen habe ich meine rockigen zeiten nie vergessen und nach einem jahr war ich wieder bei meinem original geschmack. und auch wenn ich mal wieder in einen electro schuppen mitgeschleppt werde, kann ich mich auch da völlig darauf einlassen - aber nur mit vodka kaffee!
09.02.2010, 16:48 von nadseinmal im jahr ein festival muss sein. konzerte auch. und die neue platte meiner lieblingsmusiktruppe muss auch sein. das ginge niemals als mp3. das muss schon die special edition sein ...
Kann man Musik verlieren? Höchstens den Bezug zu einst gehörtem...
10.01.2010, 15:26 von DaggchenIch muss schon kichern wenn ich Musik höre die ich als Jugendliche so gehört habe. Manchmal hab ich auch so ein seltsames Schamgefühl bei Songs die heute überhaupt nicht mehr gehen, mir aber "damals" als Jugendliche ein völlig neues Bewußtsein verschafften....
Bei RageAgainstThe... spack ich auch heute noch ab und freu mir`n Keks...
@Daggchen rage against ist so geil. im auto. und wenn meine vermieter in afrika weilen. das muss nämlich laut sein....
09.02.2010, 16:51 von nadsaua
06.01.2010, 16:07 von Davidianklingt ganz wie "zu alt für popmusik" von den toten hosen
16.10.2009, 12:29 von wowennnichthierHallo Tim, vielen Dank für diesen Text! Ich dachte immer, mir passiert das ganz bestimmt nie, weil Musik immer das Wichtigste in meinem Leben war. (Nach wie vor bin ich fest davon überzeugt, dass mir eine "Best of Leonard Cohen" Platte für 3 DM vom Flohmarkt 1984 das Leben gerettet hat. ).
13.10.2009, 21:08 von LauraLaurentUnd dann, 1996, mit 30, bin ich doch "emotional ertaubt". Es war von einem Tag auf den andern, direkt nach dem Auszug aus der WG, in der ich meine 20er verbracht habe. Auf einmal konnte Musik stören, alles klang irgendwie flacher, es war egalt, ob Musik lief oder nicht, und dass mir ein Lied einen Schlag auf den Solarplexus verpasste kam einfach nicht mehr vor. Und nein - es hat überhaupt nichts damit zu tun, welche Musik es ist, ob altbekannte oder neue, oder gefühlsbeladene oder experimentelle... Das spielt keine Rolle. So wie es für einen Tauben auch keine Rolle spielt, welche Musik er nicht hören kann. Die Intensität von früher ist einfach weg. Taub halt.
(Dass ich es trotzdem immer weiter versuche ist klar, sieht man ja schon an meinem Alias - kleiner Test für Connor Oberst Fans.)
Und ja, es hat irgend etwas mit Erwachsenwerden zu tun, obwohl ich nicht genau sagen kann was (und ich habe schon sehr viel darüber nachgedacht). Wahrscheinlich hängt es davon ab, wie stark man sich (beim Musikhören) aus der Welt herausnehmen kann und wie sehr man in ihr "gefangen" ist - also in Plänen, Sorgen, Aufgaben, Verantwortung, Alltag usw. Je stärker gefangen in der Welt - und als Erwachsener mit einer eigenen Wohnung, Karriere, Kinder usw. bist Du das immer mehr - umso weniger "Durchlässigkeit" ist möglich, um sich ganz auszuklinken und ein intensives Musikerlebnis zuzulassen.
Ich möchte wirklich nicht mehr jung sein, aber das Musikhören wie in den 20ern, das vermisse ich so, dass ich heulen könnte.
Nur manchmal habe ich noch solche Musik-Erlebnisse wie früher, und das ist, wenn die Welt, die mich festhält, wackelt: Beziehung kracht, Job scheitert, Alltag ist weg, z.B. auf einer Reise - dann kann ich plötzlich wieder hören - so lange, bis alles wieder stabil ist.
@LauraLaurent ich glaub deswg will ich auch noch keine Kinder; via Funkkopfhörer hören wäre ja langweilig.
01.02.2010, 16:40 von femaleDolphinStimmt, Radiomucke Gelaber nervt
eine sehr interessante sichtweise auf das älter werden. mir geht es ähnlich mit der musik, aber ich habe noch sie so reflektiert darüber nachgedacht.
10.10.2009, 15:22 von BTownBlondieich wünsche dir, dass du die musik wieder findest - egal welche es sein wird :)
Ich überlege gerade, ob man diesen gesamten Text auf eine Formel bringen kann: Emotionale Stabilisierung.
09.10.2009, 09:34 von ZaphodBeeblebroxÖhm, wie wärs denn mal mit was Neuem?! U2, hallo?
08.10.2009, 15:58 von CyborginDMollIch glaube dem Autor gehts einfach wie den vielen vielen.. vieelen langweiligen Bands, die in ihrer gesamten "Karriere" nie was neues wagen und immer und ausschließlich auf alten, ausgetretenen Soundpfaden rumwandern ohne auch nur mal ansatzweise zu versuchen, was neues anzugehen.
Genauso verhält es sich auch mit dem Musikkonsum: Klar, wenn man sich immer nur "Sunday, Bloody Sunday" in den Gehörgang schießt wird das irgendwann bedenklich fad.
Das heißt aber doch nicht, dass einen MUSIK ansich nicht mehr berührt, sondern lediglich dieser spezielle Song. Meine Empfehlung an den Autor: nie aufhören zu stöbern, sei es beim Plattendealer des Vertrauens, sei es im Interweb! Es gibt ne unendliche Anzahl großartiger Stücke, die enddeckt werden wollen...
@CyborginDMoll ENTdeckt...hüstel.
08.10.2009, 16:00 von CyborginDMollgenau darüber hab ich neulich auch nachgedacht. komischerweise ist mir viel musik, die mir damals das herz geöffnet hat, heute viel zu anstrengend.
07.10.2009, 19:33 von cornflake_girl