Wie "damals" an mir vorbeizieht
Als man noch heimlich rauchte und Kurt Cobain der größte Held aller Zeiten war.
Es ist nur diese eine einzige Träne, die ich verliere, während ich zum ersten Mal froh bin, alleine nach Hause laufen zu müssen.
Mit geschlossenen Augen in der Mitte der Straße. Die Welt gehört mir, doch wo ich selbst hingehöre, steht in den Sternen, die man heute Nacht nicht sieht.
Meine Schritte hallen in der menschenleeren Straße, die ich schon viele Millionen male entlang gelaufen bin. Alles ist vertraut und fremd. Und es ist nicht die Dunkelheit, die das Fremde macht. Jedenfalls nicht die, hier draußen auf der Straße.
Ich ziehe ein letztes Mal an meiner Zigarette, bevor ich sie in den nächstbesten Gulli werfe und atme den Rauch tief ein.
Wohin?
Ich will nicht nach Hause gehn und ich will nicht zurück zu der Party. Ich kann meinem Körper beim Laufen zusehn, ohne ihn wirklich zu sehn. Und ich bin nicht betrunken. Ich habe keinen Schluck getrunken heute Abend, weil ich mir nichts schön trinken wollte. Ich wollte sehen, wie der Abend wirklich ist und jetzt wünsche ich mir, ich hätte mich besinnungslos gesoffen.
Es gab Zeiten da konnte ich mich betrinken an seinen Worten, an ihrem Lachen, an alledem was uns mal verband.
Und meine eine einzige Träne gilt der Zeit. Weil sie vergeht und einem nichts bleibt. Weil nichts mehr so ist, wie es mal war.
Das hier, das bin nicht ich. Und diese Leute, das sind nicht meine Freunde. Wir haben gemeinsam gelacht und geweint. Jetzt umarmt man sich kurz und lächelt sich zaghaft an, überlegt was einem noch zu erzählen bleibt und geht dann mit einem entschuldigenden Nicken zum nächsten weiter, nur um dasselbe durchzuziehn.
Wo sind die Seelenverwandten von damals?
Wo sind sie geblieben, die Leute, für die man mehr als sein Leben gelassen hätte?
"Our little group has always been and always will until the end"
drang Kurt Cobains Stimme aus den Boxen und wir sprühten es an die Wand. Uns allein stand diese Welt zur Verfügung und wir wollten sie verändern und für immer gegen den gesamten Rest kämpfen. Das wir nicht viel zu bieten hatten, war uns schon bewusst, doch wir hatten uns und das genügte.
Wie oft riss es uns auseinander, doch wir verloren uns nie ganz.
Und heute Nacht hab ich begriffen, dass es jetzt langsam so weit ist. Nichts ist wie damals und wir kriegen das nie wieder hin. Es ist nicht mehr genug Fantasie übrig, um an unsre Parolen zu glauben. Und scheinbar glauben wir nichtmal mehr an uns. Es macht traurig, zu sehen, wie diese ganzen Leute, die man so sehr liebt, zu einzelnen Personen werden, die ihre eigenen Wege gehn. Jeder für sich alleine.
"Wir sehn uns dann demnächst bestimmt bald wieder" und demnächst wird immer länger, bis man sich komplett aus den Augen verliert.
Dieses Spiel will ich nicht mitspielen. Ich will viel lieber wie früher, jeden Tag auf irgendwelchen Wiesen sitzen, egal ob es regnet oder heiß ist. Ich wil rauchen und trinken und guter Musik zu hören, dessen Interpreten unsere Helden sind. Ich will meine Freunde ansehen und mit ihnen lachen und wissen, dass es nie endet. Ich will nicht solche Sätze sagen, wie "Damals, das waren noch Zeiten". Diese Zeiten sollen nicht enden und die Menschen nicht verschwinden.
Ich will meinen Kopf weiterhin auf die Knie meines besten Freundes legen, in die Sonne blinzeln und ihn stolz von geplanten Demo-aktionen erzählen hören.
Ich will weiterhin verplant durch die Straßen laufen und Flyer verteilen, die kein Mensch liest. Ich will vom ersten Mal erzählen und davon träumen, mein Leben wäre wie das von Engel&Joe.
Ich will für immer selbst Piercings stechen und mir stechen lassen, mit verrosteten Nadeln, weil die Eltern es nich erlauben.
Ich will nie aufhören, mich zu fühlen, wie der größte Rebell und zu glauben, dass alles an dieser Welt scheiße ist, ausser wir.
Ich will das WIR behalten und die Pläne, die wir für die Zukunft hatten, in die Tat umsetzen.
Ich will immernoch durch den Wald rennen und schrein, so laut es geht, ich will so vieles.
Ich will einfach nicht meine Freunde verlieren und erwachsen werden.
Meine Träne gilt der Zeit, weil sie kommt und geht und mitnimmt, was und wen sie will, und weit, weit fortträgt, bis aus diesem großen Kreis, der so viel zusammenhielt, tausend einzelnke Kreise werden, die sich irgendwann nicht einmal mehr noch berühren.





Kommentare
schön. kenn ich gut. vorallem das nicht-mehr-sich-seöbst-sein-gefühl. da wird einem immer gesagt veränderung ist gut. aber nicht jede ist es. vorallem nicht wenn einem das neue ich sehr, sehr fremd erscheint.
24.11.2007, 18:50 von mardybumWow. Es ist als hättest du meine Gedanken in Worte gefasst. Wo ist die Zeit geblieben in der man fadenscheinige Geschichten erfunden hat um auf Studentenparties zu gehen? In der man in den Weihnachtsferien alle Staffeln von Friends geschaut hat? In der man tatsächlich noch glaubte das alles würde nie enden?
04.11.2007, 01:59 von anna_nuem