sophiex 22.05.2009, 16:44 Uhr 1 2

Wenn selbst das atmen schwer fällt

Mein Herz. Das gefährlichste Organ von allen. Mein Herz würde ich sorgfältig in Alufolie verpacken und auf dem Grund meines Aquariums versenken.

Wenn ich in meinem Zimmer liege, auf dem Parkettboden, die Decke anstarre und meine Gedanken ein Wollknäul aus Gefühlsfetzen sind. Dann möchte ich nicht gestört werden. Dann fühle ich mich erhabener als die andern und schlauer als der Rest. Dann gebe ich mich nicht ab. Mit den Menschen die mir am nächsten stehen und mir am ehesten helfen könnten. Ich sehe die Decke meine Zimmers und die Spinnenweben und fühle mich wie sich ein Djinn in einer Öllampe fühlen muss.
Mein Zimmer ist groß und klar. Die Grenzen und Konturen treten stark hervor, ich habe selbst dafür gesorgt. Es ist aufgeräumt. Mein Zimmer soll mein Inneres nicht wiederspiegeln. Wie leicht wäre ich zu entschlüsseln wenn mein Zimmer in dem Chaos versinken würde in dem ich es tue. Aber wie gerne würde ich tauschen. Wie gerne würde ich meine Gedanken alphabetisch sortiert, mit Kennmarken und Lesezeichen an den wichtigen Stellen in ein Bücherregal stellen und sie nur herausholen wenn es wirklich nötig ist. Am besten gar nie. Wie gerne würde ich meine Gefühle in kleine Kartons verpacken die Kartons beschriften und ordentlich gestapelt in mein Regal stellen. Die Kartons nie öffnen. Auch nicht im Notfall. Einen Notfall gäbe es im Falle der Kartons quasi gar nicht. Mein Herz. Das gefährlichste Organ von allen. Das Herz würde ich sorgfältig in Alufolie verpacken und auf dem Grund meines Aquariums versenken wo ich es unter ständiger Kontrollsucht beobachten könnte. Das Pochen und die verzweifelten Schreie nach Luft an mein Ohr dringen lassen und vor Befriedigung seufzen.
An einem Dienstagvormittag als ich auf meinem Parkettboden lag und meinte von der Last meiner Gefühle erdrückt zu werden, als mein Herz wie so oft die Macht über meinen Kopf hatte, da dachte ich wenn ich nur die richtigen Methoden finde, dann werde ich mein Herz schon zum Schweigen bringen können. Ich holte zwei große Wolldecken und leckte sie auf den kühlen Boden. Die Wolldecken waren groß, nicht so groß wie der Boden freilich, aber dennoch groß genug, dass ich vier mal auf ihnen Platz gehabt hätte. Ich legte sie sorgfältig hin, dem Boden sollte kein Schaden zukommen, der Boden ist wohl dass wertvollste was ich je besessen habe. Der Boden ist mein Zufluchtsort. Nachdem ich die Decken sorgfältig ausgelegt hatte, ging ich in die Küche. Meine Schwester, so gutherzig wie immer, aber ich habe Angst vor ihr, so große Angst dass ich unfreundlich zu ihr bin und sie meide, saß am Küchentisch und aß Eiscreme. Sie schaute mich aus ihren großen Kulleraugen an und öffnete die schönen geschwungenen Lippen um höchstwahrscheinlich etwas sehr intelligentes zu sagen, dass mein Inneres entblößt hätte. Ich warf ihr Blitze aus schmalen Augen zu die sie treffen sollten, mitten ins Herz, um sie verstummen zu lassen, wenigstens für diesen einen Vormittag. „Wir haben keinen Spinat mehr“, war alles was sie sagte. Es war nicht was ich erwartet hatte, doch es brachte mich aus dem Konzept, ich war verwirrt, warum sagte meine Schwester mir, dass wir keinen Spinat mehr hatten, sah ich so aus als hätte ich Hunger auf Spinat? Ich war aus dem Konzept gebracht ich fühlte mich schwanken. Ich öffnete den Kühlschrank und war dankbar für die Kälte die mir entgegenschlug an diesem heißen Dienstagvormittag im Juli. Ich mag den Sommer nicht. Ich habe einen Hang zur Dramatik, die Kälte des Winters entspricht eher dem Wind der mein Herz in ständige Aufruhr bringt. Meine Hand war blass, gelblich, nicht die adlige Blässe, sondern die Kranke. Ich schloss den Kühlschrank wieder und ging an meiner Schwester vorbei, schnell, in der Angst, sie könnte einen weiteren verwirrenden Satz von sich geben. In meinem Zimmer angelangt atmete ich erleichtert aus, ich war wieder in meinem Reich, niemand konnte mir etwas tun, es lag allein in meiner Hand. Ich legte mich auf die Decken. Ich vermisste die konstante Kühle des Parkettbodens, die Decken gaben mir dass Gefühl meinen Rücken aufzuschaben. Ich schloss die Augen und bedauerte keine Zigaretten bei mir zu haben, eine Zigarette zu haben, die das Bild melodramischer gestaltet hätte. Aber ich bin Nichtraucher, sobald ich Zigarettenrauch rieche bekomme ich Kopfschmerzen. Ich öffnete die Milchflasche und ließ die kalte Milch über mein Gesicht laufen. Ich weis nicht was ich damit bezwecken wollte, ich wusste nicht ob die Milch dazu diente meine Seele aufzuwecken oder dazu mein Herz zu ertränken. Als ein Liter Milch über mich geflossen war, fühlte ich mich nicht anders, nichts in mir hatte sich verändert, ich war nass, mir war nicht kalt, ich klebte aber wen sollte es stören. Ein Seufer entrutschte meinem verkrustetem Hals, ich fühlte mich gedemütigt. Ich nahm die Flasche in die Hand und mit aller Kraft die meine schwachen Knochen aufbringen konnte warf ich die Flasche gen Decke, wo sie zerbrach und in vielen tausend Scherbensplittern auf mich niederfiel.

Ich liege wieder auf dem Parkettboden. Ohne Milch, ohne Decken und auch ohne Scherben. Meine Muter kauft nur noch Milchtetrapacks seit diesem Dienstagvormittag im Juli. Ich schließe die Augen und sehe Strommasten im gleißend roten Sonnenuntergang, sehe die Gräser sich im Wind bewegen und denke an vergangene Sommer, in denen das Leben noch leicht auf meinen schmalen Schultern lastete, als mein Haar noch von der Sonne gebleicht und meine Haut noch gebräunt war. Meine Schwester betritt den Raum, geht mit leichten nackten Füßen über das Parkett zu mir hin hockt sich auf nackten Knien neben mich, ich sehe den Schmutz aus ihren Kleidern auf meinen sauberen Boden rieseln, sehe die aufgekratzten Mückenstiche auf ihren Armen. Ihre schmalen Arme umschließen mich umständlich und ihr Atem berührt mein Gesicht. Meine heißen Tränen laufen über unsere Gesichter und ich weis nicht ob ich sie nicht lieber wegschubsen sollte. Ich bin lieber mit dem Parkettboden allein, dann ist es leichter mein Herz vor dem überlaufen zu bewahren, aber wie soll ich all die Gefühle die ich darin aufbewahre länger halten und wie kann ich sie nicht überlaufen lassen, wenn Stürme aufkommen und mein Herz zusammendrücken. Meine Schwester hebt den Kopf, ein klebriger Eiskuss berührt meine Wimpern und sie zieht mich hoch. Ich fühle mich wie ein Geist der neben ihr herschwebt wie ein Gefühl, dass die Atmosphäre verunreinigt, dass in der falschen Sphäre stecken geblieben ist. Als meine Schwester mich auf den Balkon führt treffen mich hunderte von Sonnenstrahlen, meine Augen schließen sich, ich habe Angst vor dem gleißenden Licht, doch die kleine Hand meiner schönen Schwester, hält mich, hält mich im Hier und Jetzt und hält mich vor dem Überlaufen ab. Und als Tränen wie Sturzbäche aus meinen Augen hervorquellen, um von der Sonne in tausenden Reflexionen wiedergespiegelt zu werden lasse ich mich fallen, fallen um wieder auf dem Boden anzukommen, wie weit er auch entfernt sein mag.

2

Diesen Text mochten auch

1 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Wow! Der Anfang (erster Absatz) hält nach dem Aufmacher nicht das was er verspricht, aber dann wird es immer besser.

    22.05.2009, 17:21 von Steifschulz
    • Kommentar schreiben

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare