Weniger.
Ich habe mich immer schon gefragt, wann Erwachsene nur so abstumpfen. Und vor allem,wie soetwas passiert.
Seit ich denken kann beschäftigt mich dieses Phänomen, das in den meisten Augen jenseits der 30 oder 40 zu lesen ist. Nichts. Oder besser, nicht wirklich viel. Alles wird so überaus höflich kommentiert, stillschweigend erduldet oder aber abfällig belächelt. Gestritten wird nicht in der Öffentlichkeit, laut gelacht ebenfalls nicht. Aber auch persönliches Interesse am Gegenüber wird unterdrückt, die Neugier akribisch irgendwo weit hinter den fest zusammengebissenen, knirschenden Zähnen klein gehalten. Stattdessen wird hinter den Rücken gesponnen, vergebens nach Sinn und Logik gesucht, um schließlich zu dem Ergebnis zu gelangen, dass nichts mehr ist, wie es einmal war.
Stets darauf bedacht angemessene Distanz zu wahren, übersieht man hin und wieder einige flüchtige faux pas. Fehler, die man im Verborgenen selbst begangen hat, werden totgeschwiegen. Es wird hier und dort mal auf die Schulter geklopft. Manchmal bekommt man einen aufrichtigen Seufzer in einem kurzen, weinträchtigen Augenblick der Ehrlichkeit. Doch bereits am nächsten Morgen ist alles nicht passiert und ein weiterer emotionaler Moment wird bis Weihnachten aufgeschoben, da im Terminkalender für diesen infantilen Kram kein Platz ist.
Jahre, womöglich Jahrzehnte vergehen in diesem praktischen, realitätsgetränkten Trott. Es gilt das gesprochene Wort und die geschriebene Zeile. Für das dazwischen ist man zu beschäftigt und zu alt. Es werden keine Spielchen mehr gespielt, man ist Realist, ein mittlerweile gesellschaftlich geprüfter noch dazu. Über die Jugend werden die Köpfe geschüttelt, diese Visionäre, diese Revolutionäre. Doch der Ernst des Lebens wird auch sie noch einholen. Irgendwann geben sie sich geschlagen indem sie ihren Wecker täglich auf sieben Uhr stellen und sich fortan den wirklich wichtigen Dingen widmen. Freundschaften verlieren sich irgendwo in der Zwischenzeit in den eigenen Reihen zwischen Ehebett und Büro, die Liebe wird zweckentfremdet und bekommt eine andere Bedeutung, eine tiefere natürlich. Bis man die emotionale Isolation dermaßen auf die Spitze getrieben hat, das man den Menschen, der täglich im selben Bett schläft, übersieht.
Vielleicht trennt man sich oder aber man bricht aus und schafft sich ein zweites Leben an. Eins das anders ist, ein bisschen wie früher womöglich.
Und dann, wenn es langsam anfängt zu dämmern, kommen die Erinnerungen an diese alten Zeiten und die Menschen darin. Nichts scheint plötzlich süßer als die junge Vergangenheit und nichts so schmerzlich wie die vergeudeten Jahre. Insgeheim keimt der Wunsch nach einer zweiten Chance, wohl wissend, dass sie niemals einkehrt. Gelebt ist nunmal gelebt.
Was bleibt, ist die Möglichkeit Erfahrungen zu teilen. Den Enkeln ein letztes Mal den unschätzbaren Wert der Zeit zu vermitteln.
Ich habe mich stets gefragt, wann Erwachsene abstumpfen und wie es überhaupt dazu kommen kann. Es überstieg meine Vorstellungskraft, wie dieser unbändige Wille und Drang nach Leben nach Träumen und Emotionen gestillt werden und sich in diese Einöde verkehren kann. Dabei ist die Antwort ebenso einfach wie dramatisch. Es gibt kein eindringliches Ereignis. Es passiert auch kein Schlag, der alles bisher dagewesene zunichte macht. Ganz heimlich, still und leise schleicht es sich ein.
Es ist die Art, wie du mir gegenübersitzt, mit deiner halbleeren Tasse Tee. Während du sie früher einfach nicht geleert hast, bittest du mich nunmehr sie gleich nur zur Hälfte zu füllen.
Es ist die Art, wie du zum Gespräch ansetzt, mir sagen möchtest, was du fühlst und es dir plötzlich misslingt. Dann winkst du ab, seufzt ein- oder zwei Mal und beteuerst, dass im Grunde doch alles in bester Ordnung sei, obwohl es natürlich nicht ist. Und es ist die Art, wie ich es einfach so, trotz besseren Wissens hinnehme.
Denn beide wissen wir, dass alles bereits irgendwann gesagt wurde. Ganze Nächte wurden Opfer verflossener Beziehungen, verlorener Menschen und gescheiterter Karrieretreppchen. Nichts neues passiert hier. Alles bereits gelebt und ausdiskutiert. Irgendwie kommt man inzwischen allein zurecht. Die wiederkehrenden Tiefen sind nur noch halb so wild, denn diese Intensität hat ihr Fundament verloren. Zu vieles hat seinerzeit Einzug in unser Herz gehalten und es Stückchen um Stückchen zerbröselt. Und mit jeder neuen Enttäuschung trägt es wieder ein Brösel ab, so dass es unmerklich und doch so beständig weniger wird. Mit der Zeit immer weniger.




Kommentare
Erwachsene stumpfen nicht ab. Erwachsene haben nur Erfahrungen, die sie bisweilen ängstigen. Erfahrungen, die sie nicht noch einmal machen möchten. Und deshalb halten sie sich manchmal zurück.
26.03.2008, 21:17 von SonglineAber das heißt nicht, dass sie nicht immer noch Träume haben. Das heißt nicht, dass sie nicht immer noch spontan sein können, verrückt, unbeschwert. Das heißt nicht, dass sie nicht immer noch zuhören können. Oder Dinge aus ihrem Innersten von sich preisgeben. Wenn sie denn jemanden finden, der ihnen wirklich zuhört.
Toller Text!