PONY. 08.08.2012, 09:42 Uhr 15 19

Warum ich nicht schlafen kann

Mein Leben sei nicht selbstverständlich und meine Zeit nicht unendlich, sagten sie.

Dinge zu hinterfragen sei wichtig, sagten sie. Nicht alles sei Gold was glänzt und ich solle ruhig zweifeln. Zweifeln an anderen und an mir. Unbequeme Fragen solle ich stellen und nicht alles fressen, was mir vor die Füße geworfen wird. Mit offenen Augen solle ich durch die Welt gehen und sie vor Ungerechtigkeit und Unglück nicht verschließen. Glauben solle ich nicht alles was ich höre und mir stattdessen meine eigene Meinung bilden. In lauten Zeiten solle ich noch lauter sein und immer mit dem Herzen fühlen. Ich solle mit den Augen sehen, mit dem Kopf verstehen und niemals vergessen, dass ich sterblich bin. Mein Leben sei nicht selbstverständlich und meine Zeit nicht unendlich, sagten sie.

Es gebe schlimme Krankheiten, an denen ich früh sterben kann. Ich solle deshalb dankbar sein, wenn ich gesund bliebe. Es gebe keinen Himmel, keine Engel und auch keine Hölle und nur dieses eine Leben. Alles ist schwarz, wenn ich sterbe, sagten sie.

Auf der Welt gebe es Unrecht, Grausamkeit und Korruption, Menschen würden ausgebeutet, damit andere noch reicher werden. Frauen würden vergewaltigt und manchmal auch Mädchen in meinem Alter. Es gebe Männer, die sich Filme ansehen, die zeigen wie kleine Kinder missbraucht werden, sagten sie. Aufpassen solle ich und niemals zu fremden Menschen ins Auto steigen.

Es gebe keinen Nikolaus, kein Christkind und auch keinen Osterhasen und all meine Briefe seien umsonst gewesen. Kriege und Naturkatastrophen würden hundertausende Menschen töten, sagten sie. Unschuldige Menschen, junge und alte. Menschen, wie ich einer sei. Nicht jedem ginge es so gut, wie mir, sagten sie. Das solle ich nie vergessen. Es gebe Kinder, die hätten nichts zu Essen und würden mit Krankheiten geboren. Ich sollte deshalb immer meinen Teller aufessen.

Meine Eltern würden sich trennen, wie jedes dritte Ehepaar und mein Vater sich eine jüngere Frau suchen, sagten sie. Ich solle nicht traurig sondern immer stark sein und trotzdem eine gesunde Angst besitzen. Mit erhobenen Kopf solle ich durch die Welt gehen, aber die Worte, die sie sagten solle ich immer im Hinterkopf behalten.

Viele Jahre konnte ich Nachts nicht richtig schlafen und noch heute wache ich manchmal auf und höre ihre Worte unaufhörlich durch meinen Kopf dröhnen. Denn wie ich sie vergessen soll, sagten sie nicht.

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15 Antworten

Kommentare

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    Regt zum nachdenken an!

    08.09.2012, 01:45 von Wasisteloquent
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    Ich weiß nicht genau, ob man Kindern wirklich einen Gefallen tut, wenn man das Leben verniedlicht. Die Realität ist nun mal, wie sie ist, und es führt zu nichts, wenn Kinder den Eindruck gewinnen, das Leben würde uns in den Schoß fallen.
    Die gesunde Mischung macht es meiner Meinung nach... man sollte seine Kinder nicht zu naiven Optimisten erziehen, aber auch nicht zu alles anzweifelnden Pessimisten. Am besten fährt man, wenn man Realist ist, und die Widrigkeiten der Welt sind nun mal nicht wegzudiskutieren. Und doch hat die Welt auch so so so viel Schönes, was man seinen Kindern ebenfalls nicht vorenthalten darf.

    Dein Text ist wunderbar geschrieben... wie immer! :-)

    10.08.2012, 12:19 von LillyIdol
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    Du machst mir mit dem Text bewusst, warum es wichtig ist Kindern eine unbeschwerte Kindheit zu gönnen, fern von all dem, was sie sagen. Denn dann hat man das Fundament, um mit all dem was sie sagen, umzugehen.
    Tja, und sonst .. obwohl ich zuweilen recht pessimistisch drauf von schließe ich mich dem Kommentar von Glücksaktivistin an.

    10.08.2012, 11:57 von Cyro
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    »Ich sollte deshalb immer meinen Teller aufessen.«

    Schönes Bild...

    10.08.2012, 11:38 von sailor
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      Na ja, ich hoffe doch dass sie es nicht einmal versucht hat ... ich muss jetzt irgendwie an Bilder wie dieses denken :(

      10.08.2012, 12:04 von Cyro
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      *wow*

      10.08.2012, 12:32 von sailor
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    och naja, da fehlt mir die Kälte...

    09.08.2012, 18:38 von Surecamp
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  • 2

    ich kann die unruhe nachvollziehen. aber im grunde geht es nicht um das leben, sondern um die frage, wie gehe ich damit um und welche sicht und welches urvertrauen habe ich?



    man hätte auch sagen können: hej, die welt birgt 1000 schönheiten, und möglichkeiten, die welt ist voller abenteuer und überraschungen.
    es gibt unendlich viele unerschiedliche menschen, und dinge die es zu sehen , zu riechen , zu fühlen und zu schmecken gibt.
    vielleicht ist es manchmal nicht einfach, aber du wirst es schaffen, man kann damit umgehen.
    und anfangs sind wir auch noch da um dich stark und mutig und vertrauensvoll zu machen und ein stück zu begleiten.
    gemeinsam sind wir stark

    (um mal in der wortwahl des textes zu bleiben)


    09.08.2012, 06:26 von Gluecksaktivistin
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      wow, du bist ja voll aufmunternd und so.

      09.08.2012, 18:38 von Surecamp
    • 1

      ja, ich bin auch das hippie mädchen hier ;)

      09.08.2012, 20:31 von Gluecksaktivistin
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  • 6

    Ich finde immer bei diesen Globalen vergleichen wird viel zu selten herausgestellt, dass es auch Menschen gibt die Glücklicher sind und denen es besser geht als mir.

    Irgendwie ist dieses "in Afrika hungern die Kinder" ein Totschlagargument. Ich finde es wichtig, dass man die Dinge um sich herum im Blick behält.

    08.08.2012, 13:34 von WieSieSehnSehnSieNix
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  • 1

    Lass sie reden. Sie wollen sich nur selbst beruhigen.

    08.08.2012, 10:52 von EliasRafael
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  • 1

    Hach, weiß ich nicht. Am Ende hatte ich mir die Lösung erwartet. Fies.

    08.08.2012, 10:06 von forst
    • 0

      Meinst Du DIE Lösung? Nein, hast Du sicher nicht!

      ... oder doch?

      09.08.2012, 08:01 von Mrs.McH
    • 1

      Irgendwie ja. 

      09.08.2012, 08:45 von forst
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